Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 372 | Klimawandel Christian Helm: Botschafter der Revolution

Christian Helm: Botschafter der Revolution

In seiner Dissertation Botschafter der Revolution beschreibt Christian Helm die 1977 entstandene westdeutsche Solidaritätsbewegung, die den Befreiungskampf gegen die Somoza-Diktatur in Nicaragua und die sandinistische Revolution von 1979 bis 1990 unterstützte. Sichtlich beeindruckt hat ihn die soziale und flächendeckende Breite der damaligen Solidarität von »Schülergruppen in Lörrach bis zu Landkommunen in Schleswig-Holstein«, von linken ChristInnen bis zur Friedensbewegung.

Wer sich von 1.890 Fußnoten nicht abschrecken läßt, dem oder der liefert Helm eine flüssig geschriebene Chronologie. Gegenstand der Untersuchung ist vor allem die transnationale Kommunikation, die gegenseitige Beeinflussung der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN und der Solidaritätsbewegung. Die Recherche in nicaraguanischen Archiven erwies sich als schwieriger als in Deutschland. So wird weniger die Kommunikation mit »der« FSLN zum Thema, als vielmehr mit denjenigen ihrer Repräsentanten, die sich am meisten um eine solche Kommunikation bemüht haben und dafür auch am besten gerüstet waren. Dazu zählen insbesondere der Priester, Dichter und Kulturminister Ernesto Cardenal sowie der frühere Ausländerreferent des Kölner AStA, Enrique Schmidt Cuadra. Sie beide kommen häufiger vor als alle neun Revolutionskommandanten zusammen.

Im Fußnotenberg überwiegen bei weitem deutsche Quellen. Das iz3w darf sich geschmeichelt fühlen, 109 Mal werden Dokumente aus dem iz3w-Archiv zitiert, 31 Mal Beiträge aus der Zeitschrift blätter des iz3w. Nimmt man die Archive des Verbunds Archiv³ hinzu, stellen sie die Mehrheit der schriftlichen Quellen. Es dürfte wenige wissenschaftliche Arbeiten geben, die so konsequent auf unsere Archive zurückgriffen. Hier hat Helm Pionierarbeit geleistet.

Das bei uns Gesammelte lässt aber Fragen offen. So zitiert Helm zustimmend einen Brigadisten, »das Verbindende« zwischen FSLN und Solidaritätsbewegung sei »die gemeinsam geteilte Utopie« gewesen. An dieser Formulierung ist nicht nur die Tautologie zu bemängeln, auch der Begriff Utopie, wörtlich »Nicht-Ort«, führt in die Irre. Bei der Nicaraguasolidarität mit ihren vielen RevolutionstouristInnen, BrigadistInnen und AufbauhelferInnen ging es gerade um konkrete Orte, um ein Terrain, auf dem das Ersehnte Realität werden, man es sehen, anfassen, aufbauen und verteidigen kann.

Seltsamerweise werden aus den Archiven nur Dokumente aus den 1970ern und 80ern herangezogen, manchmal nur bis 1984. Dementsprechend kommt fast nur die damalige Perspektive der AkteurInnen vor. In einem historischen Roman wäre das legitim, in einer Doktorarbeit ist es ein Mangel, denn später waren wir alle klüger.

Präsident Ortega wurde Ende der 1980er- Jahre einmal gefragt, was seine langfristige Zielvorstellung für Nicaragua sei. Er antwortete: »Ein tropisches Schweden«. Seine Landsleute, die mit Schweden wohl nur den freundlichen Olof Palme und Pipi Langstrumpf verbanden, beschwerten sich nicht, wohl aber die ausländischen Solidaritätsbewegten: Schweden sei ein kapitalistisches Land mit einer viel höheren Selbstmordrate als Nicaragua, mit dem sozialdemokratischen Volksheim sei es längst vorbei usw. usf. ...

Auch aus heutiger Sicht, in der alle Machtmittel, die die Revolution erobert hat, zwar noch oder wieder in Händen der FSLN sind, aber das Freiheitsversprechen eine Diktatur und die Comandantes reiche Unternehmer geworden sind, mag sich mancher fragen, ob das gemeinsame Ziel verloren gegangen oder ob es von der Führung der FSLN vielleicht nie geteilt worden ist.

Christian Neven-du Mont

 

Christian Helm: Botschafter der Revolution. Das transnationale Kommunikationsnetzwerk zwischen der FSLN und der bundesdeutschen Nicaragua-Solidarität 1977 – 1990. Verlag De Gruyter Oldenbourg 2018. 411 Seiten, 68 Euro.

372 | Klimawandel
Cover Vergrößern