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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 373 | Erinnerungskultur Andrea D`Atri: Brot und Rosen

Andrea D`Atri: Brot und Rosen

»Brot und Rosen« lautete die Devise eines berühmt gewordenen Streiks von mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, Massachusetts, im Jahr 1912. Unterstützt wurden die Frauen von den Wobblies, den Industrial Workers of the World (IWW), dem großen anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsverband.

2003 griffen linke Frauen in Argentinien den Slogan als Name für ihre Gruppe auf. Inzwischen gibt es Ableger in anderen lateinamerikanischen Ländern sowie Europa. Eine der Protagonistinnen von »Pan y Rosas« ist die Diplompsychologin Andrea d’Atri. Sie ist zugleich Aktivistin der Bewegung »Ni una más«, die gegen Männergewalt und für das Recht auf Abtreibung kämpft, sowie der trotzkistischen Sozialistischen Partei in Argentinien.

D’Atri hat eine Geschichte linker Frauenbewegungen verfasst, die jetzt im Argument-Verlag in deutscher Sprache erschienen ist. Der Bogen reicht von der Französischen Revolution über die Hochzeiten der sozialistischen Arbeiterbewegung und die zweite Frauenbewegung nach 1968 bis hin zum Post- und Queerfeminismus der Gegenwart. Als marxistische Feministin betont sie, dass die ökonomische Struktur das zentrale Element der gesellschaftlichen Struktur darstellt. Da aber das Proletariat heutzutage vor allem weiblich ist, müsse der Kampf gegen Kapital und Patriarchat zugleich geführt werden.

Das ist leichter gesagt als getan. Ernüchternd sind D’Atris Hinweise auf Sozialisten und Gewerkschafter, die alles taten, um Frauen ‚an den Herd‘ zurückzudrängen, und Genossinnen nicht in den eigenen Organisationen dulden wollten. Umgekehrt behielt manche radikale Suffragette ihre Standesdünkel, wie etwa Emmeline Pankhurst, die nur für besitzende Frauen ein Wahlrecht forderte.

Die theoretischen Passagen des Buches sind nur eingeschränkt genießbar. Gemäß der leninistischen Doktrin, der D’Atri auch als Trotzkistin anhängt, ist der Hauptfeind der Imperialismus – beziehungsweise in globalisierungskritischer Lesart der Neoliberalismus und dessen Agenturen. Dabei ist die Weltbank eine Schöpfung des Keynesianismus. Die soziale Revolution richtet sich in d’Atris verkürzter Perspektive gegen eine »parasitäre Minderheit«. Aus ihrer trotzkistischen Perspektive kritisiert sie einerseits zu Recht die russische Revolutionsikone Alexandra Kollontai als stalinistische Bürokratin und den anarchistischen Klassiker Pierre-Joseph Proudhon als frauenfeindlichen Reaktionär. Andererseits sind ihr anarchosyndikalistische Frauenorganisationen wie die Mujeres Libres in Spanien oder bei den Wobblies nicht der Rede wert.

Von solchen Defiziten abgesehen ist das Buch als leicht verständliche Einführung in die Thematik durchaus zu empfehlen. Außerdem bietet es eine Skizze der jüngeren Auseinandersetzungen um den tendenziell biologistisch-esoterischen Differenzfeminismus und den liberalen Gleichstellungsfeminismus, die beide das Ziel der allgemeinen Emanzipation aus den Augen verloren haben.

Peter Bierl

 

Andrea D’Atri: Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus. Aus dem Spanischen übersetzt von Lilly Schön. Argument-Verlag, Berlin 2019. 253 Seiten, 15 Euro.

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