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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 373 | Erinnerungskultur Lea Susemichel und Jens Kastner: Identitätspolitiken

Lea Susemichel und Jens Kastner: Identitätspolitiken

»Identitätspolitik bedeutet, sich über die eigene Identität als beispielsweise Afroamerikanerin, Jude, Frau, Lesbe oder Arbeiter zu definieren – und bestenfalls auch zu organisieren«, schreiben Lea Susemichel und Jens Kastner in ihrem Buch Identitätspolitiken. Sie versuchen, das Thema historisch zu beschreiben, um am Ende vielleicht eine Antwort auf die Frage nach dem heutigen Umgang damit zu finden. Denn Identitätspolitiken, so zeigen sie, haben in der Vergangenheit häufig zur Spaltung einer Bewegung geführt, da sich ein Teil nur unzureichend mit ihr identifizieren konnte.

Gleich zu Beginn grenzen sich die AutorInnen von den zwei extremen, sich gegenüberstehenden Positionen des essentialistischen Kulturrelativismus und des blinden Universalismus ab. Sie beanspruchen für sich, »einen undogmatischen Überblick« zu geben, und lassen die wichtige Definition einer emanzipatorischen linken Identitätspolitik nicht aus, die sich von der der Rechten dadurch unterscheidet, dass sie gleichzeitig für kulturelle und soziale Gleichheit kämpft. Susemichel und Kastner machen klar, dass sie Identitätspolitiken für notwendig erachten, sie aber als Ausgangspunkt und nicht als Ende eines emanzipatorischen Kampfes sehen.

Um Identitätspolitiken anschaulicher erklären zu können, führen Susemichel und Kastner drei soziale Bewegungen an: die Arbeiterbewegung, die Schwarze Befreiungsbewegung und die (queer-)feministische Bewegung in Europa und den USA. Damit distanzieren sie sich auch von der Ansicht, der soziale Kampf um die Arbeit und das Kapital sei ein übergeordneter, dem sich alle anderen unterordnen sollen. Die Arbeiterbewegung ist in den Augen der AutorInnen auch nur der Kampf einer sozialen Gruppe um Anerkennung und Emanzipation.

Susemichel und Kastner gehen sogar so weit, das Konzept der Philosophin Kornelia Klinger vorzustellen, nach dem Ethnizität, Geschlecht und Klasse als Formen struktureller Diskriminierung eine Makroebene bilden. Intersektionalität, also die individuellen Erfahrungen und verschiedenen Ausprägungen der Makroebene, findet in der Mikroebene statt. Susemichel und Kastner stellen fest, dass dieses Konzept zwar nach einem neuen Haupt-/Nebenwiderspruch klingt, aber ein Problem in Angriff nimmt, das bei der Beschreibung der sozialen Bewegungen immer wieder auftaucht: Wie innerhalb von kollektiven Identitäten und klar abgegrenzten Kategorien mit Intersektionalität und Mehrfachdiskriminierungen umgehen?

Die AutorInnen problematisieren in diesem Zusammenhang vor allem essentialistische Identitätsmodelle und lassen auch das viel diskutierte Thema der kulturellen Aneignung nicht aus. Und auch anhand der queeren Szene zeigen sie, welche Schwierigkeiten auftreten können, wenn es um die Frage nach Identität geht. Konzipiert als Antikategorie, die diverse geschlechtliche und sexuelle Identitäten vereint, schafft sie bisherige Kategorien und Ausschlüsse nicht nur ab, sondern erschafft gleichzeitig neue – und treibt damit den gesellschaftlichen Individualisierungsprozess häufig ungewollt voran. Am Ende, so erklären Susemichel und Kastner, kann nur eine radikale Solidarität die verschiedenen Kämpfe einen, ohne sie dabei gleichzusetzen.

Das Buch gibt einen Überblick über die Geschichte einiger Identitätspolitiken und verteidigt ihre Legitimität in der linken Politik, ohne in romantisierende kulturrelativierende Argumentationen zu verfallen.

Annika Lüttner

 

Lea Susemichel und Jens Kastner: Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken. Unrast Verlag, Münster 2018. 150 Seiten, 12,80 Euro.

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