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Geschichte und Erinnerungskultur

Leserbrief zum Artikel über die ruandische Erinnerungskultur

Darstellung von Geschichte und Zelebrieren von Erinnerungskultur werden von den Siegern und den Herrschenden dominiert, sei es in Ungarn oder in China oder anderswo. Geschichtsklitterung kommt dabei häufig vor. Das haben die verschiedenen Artikel im Themenschwerpunkt über Erinnerungskultur in der iz3w 373 deutlich gemacht.

So auch in Ruanda. Über die Erinnerung an den Genozid 1994 in Ruanda zu schreiben ohne dessen Ursachen zu erwähnen und ohne einen Blick in die Geschichte des Konflikts zwischen Tutsi und Hutus zu werfen ist allerdings höchst fragwürdig. Auch durch Weglassen kann verfälscht werden.

Der Konflikt zwischen Tutsi (Minderheit von ca. 10 Prozent an der Gesamtbevölkerung)  und Hutus (Mehrheit von ca. 90 Prozent an der Gesamtbevölkerung) in den heutigen Ländern Ruanda und Burundi ist bereits von den deutschen und den belgischen Kolonialherren zu deren Nutzen angeheizt und instrumentalisiert worden. So unterstützt, hat die Minderheit der Tutsi immer wieder und auch immer wieder erfolgreich versucht (auch und gerade nach dem Ende der Kolonialzeit), die Herrschaft über die Mehrheit der Hutus auszuüben und diese Mehrheit von der Herrschaft fernzuhalten.

Dies ist Hintergrund der grässlichen und unsäglichen Gräueltaten in den 1960er und 1970er Jahren in Ruanda und Burundi und auch der Hintergrund des Genozids von 1994: Anfang der 1990er Jahre waren in Ruanda und in Burundi Hutu Präsidenten an der Macht. Tutsi Rebellen unter der Führung von Paul Kagame (!) haben Ruanda von Uganda aus im Norden angegriffen, um in Ruanda die Macht zu übernehmen. Die Tutsi Truppen waren also bereits vor dem Genozid in Ruanda. Ich selber habe in Ruhengeri, einer Stadt im Norden Ruandas, die Geschütze der Angreifer gehört und bin vor ihnen davon.

Wenig später wurde ein Flugzeug mit den beiden Präsidenten Ruandas und Burundis an Bord kurz vor der Landung in Kigali abgeschossen. Alle Insassen kamen ums Leben, eine Untersuchung, wer das Flugzeug abgeschossen hat, wurde verhindert. Acht belgische Blauhelm-Soldaten wurden bei der Sicherung des Wracks ermordet. Es besteht allerdings kein ernsthafter Zweifel daran, dass es sich um Tutsi Angreifer gehandelt hat. Dieses Verbrechen war der direkte und unmittelbare Auslöser des Genozids, bei dem Hunderttausende umgebracht wurden. Hier soll aber nicht versucht werden, aufzurechnen oder zu klären, ob mehr Hutus oder Tutsis Opfer oder Täter waren. Es war grässlich. Marodierende Hutus haben sich ins Nachbarland DR Kongo abgesetzt oder sind dorthin gedrängt worden.

Die heutige Erinnerungskultur wird von der regierenden Partei Präsident Kagames dominiert. Unter dem Schutz einer aufstrebenden Wirtschaft (zu wessen Gunsten strebt diese auf?) und einer Diktatur wird eine einseitige Erinnerungskultur betrieben, die keineswegs von allen Ruandern mitgetragen wird. Das stellt auch der Artikel in der iz3w fest. Dass allerdings „die ruandische Regierung die Tür zur rassistischen Hetze erfolgreich zugeschlagen hat“ – wie Annika Lüttner schreibt – muss leider bezweifelt werden. Der „Aussöhnungswillen“ der jetzigen (Tutsi-)Regierung mag nur soweit gehen, wie er ihrer Machterhaltung (und den Interessen Ihrer ausländischen Unterstützer?) dient.

Peter Bachmayer, Heidelberg

373 | Erinnerungskultur
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