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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 373 | Erinnerungskultur Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hg.): Handbuch Philippinen

Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hg.): Handbuch Philippinen

Wie kann ein hohes Maß an Fröhlichkeit und ein ausgeprägter Sinn für Humor in der Betrachtung einer Gesellschaft verortet werden, die über Jahre hinweg durch repressive, um nicht zu sagen: skrupellose Machthaber gezeichnet wurde? Die AutorInnen des Handbuch Philippinen tun einen solchen Widerspruch nicht als komplett danebengreifende, ebenso exotisierende wie beschönigende Fremdzuschreibung gegenüber der philippinischen Gesellschaft ab.

Vielmehr erläutern sie das Selbstverständnis der Philippino/as als glückliche Menschen: Fröhlichkeit ist kein Ziel, sondern ein »Instrument des Überlebens«.
Genauso differenziert räumt die AutorInnenschaft etwa mit den Klischees auf, die philippinische Gesellschaft sei überaus offen in Bezug auf Genderfragen oder sogar ein gelebtes Matriarchat. Die beiden Herausgeber Rainer Werning und Jörg Schwieger nehmen den Alltag und die Sicht »von unten« als Ausgangspunkt, um die »Facetten des (Über)Lebens mehr als 70 Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit« zu beleuchten.

Es ist bereits die sechste, stark aktualisierte Auflage des gesellschaftspolitischen Handbuchs, das kurzgehaltene Beiträge von AutorInnen verschiedener Hintergründe vereint. Kritische Kommentare zu aktuellen politischen Entwicklungen stehen dabei neben einer Betrachtung der philippinischen Punkszene und einem Bericht über die Folgen des Pestizideinsatzes in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Die Vielfalt der Herangehensweisen drückt sich nicht nur thematisch, sondern auch in den Textgenres aus – teils sind die Beiträge wissenschaftlich, teils erinnern sie an den beratenden Stil eines Reiseführers. Dies rührt daher, dass der Band gezielt an eine breite LeserInnenschaft gerichtet ist: AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit sollen sich genauso wie allgemein Interessierte einen umfassenden Überblick über die philippinische Gesellschaft verschaffen können.

Verbindend ist der Kontext, aus dem die AutorInnen, größtenteils WissenschaftlerInnen und AktivistInnen, schreiben: Sie alle gehören dem (deutschen) Philippinen-Solidaritätsnetzwerk an. Sie zeichnen kein allzu düsteres Bild – obwohl die besorgniserregenden Entwicklungen eines Landes nicht verschweigen, das derzeit von einem Präsidenten regiert wird, der ohne Hemmungen Menschenrechte missachtet und mit Macho-Sprüchen um sich wirft. Immer wieder verweisen die AutorInnen auf positive gesellschaftliche Entwicklungen sowie auf das Potenzial zivilgesellschaftlichen Engagements und transnationaler Organisationen des politischen Widerstands.

Die starke Bezugnahme des Bandes auf die deutsch-philippinische Zusammenarbeit, historisch wie aktuell, ermöglicht nicht immer die versprochene Sicht »von unten«. Jedoch eröffnet sie der deutschsprachigen LeserInnenschaft den wichtigen Blick auf postkoloniale Abhängigkeitsverhältnisse und darauf, wie transnationale Solidaritätsorganisationen versuchen, diesen entgegenzuwirken.

Anna Keller

 

Rainer Werning / Jörg Schwieger (Hg.): Handbuch Philippinen. Gesellschaft – Politik – Wirtschaft – Kultur. Regiospectra Verlag, Berlin 2019, 6., aktualisierte & erweiterte Auflage. 496 Seiten, 24,90 Euro.

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