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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 374 | Sozialstaaten Christa Morgenrath/ Eva Wernecke (Hg.): Imagine Africa 2060

Christa Morgenrath/ Eva Wernecke (Hg.): Imagine Africa 2060

Digitalisierung, Klimawandel, Diskriminierung - Dystopien und futuristische Visionen einiger afrikanischer Gesellschaften, etwa hundert Jahre nach der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten.

Kämpfe mit Vergangenheit und Zukunft

Wie sieht das Leben auf dem afrikanischen Kontinent im Jahr 2060 aus, etwa hundert Jahre nach der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten? In der Anthologie Imagine Africa 2060 schreiben zehn AutorInnen über Dystopien und futuristische Visionen einiger afrikanischer Gesellschaften. Die großen Themen in ihren Kurzgeschichten sind der Klimawandel und die Digitalisierung. José Eduardo Agualusa und Ken Bugul beschreiben zum Beispiel das Leben nach der großen Naturkatastrophe. Agualusas Welt ist komplett geflutet, die Reichen leben auf sicheren großen Schiffen hoch oben in der Luft, die Armen auf selbstgebauten kleinen Booten, nicht weit von der tödlichen Erdoberfläche. In Buguls Vision wird die Nordhalbkugel unbewohnbar und die Menschen fliehen auf den afrikanischen Kontinent, der sich erst an die Geschichte und die verschlossenen Grenzen der Festung Europa erinnert, sich dann aber zur Menschlichkeit bekennt und ein gerechtes Zeitalter anbrechen lässt.

Tendai Huchu und Nii Parkes nehmen sich technologischer Entwicklungen an. Huchu erzählt von einem komplett durchtechnologisierten Alltag in Simbabwe, den Problemen, die die junge Generation mit der älteren hat und zeichnet das Bild eines modernen, aber sehr individualisierten und einsamen Protagonisten. Parkes‘ Hauptprotagonist zieht von Ghana nach Frankreich und arbeitet dort nach seinem Studium an der Erforschung und Herstellung von künstlichen Organen. Die Geschichte konzentriert sich vor allem auf die ethische Diskussion mit seiner Großmutter und seiner besten Schulfreundin über die künstliche Verlängerung von Leben.

Fast alle AutorInnen thematisieren die anhaltende Bekämpfung weltweiter Ungleichheiten und Diskriminierungen. In der Geschichte von Sonwabiso Ngcowa hat sich im Südafrika des Jahres 2060 im Vergleich zu heute nicht viel verändert: Rassismus bestimmt das Leben der jungen Protagonistin, die sich in Drogen flüchtet. Aya Cissoko hat die heutigen politischen Entwicklungen in Frankreich weitergedacht: 2060 ist der rassistische Wunsch nach einem Frankreich ohne People of Colour Wirklichkeit geworden. So kehren viele junge, gut ausgebildete Menschen nach Mali zurück und nehmen die Möglichkeit wahr, das Land unabhängig von dem sich abschottenden Frankreich nach den eigenen Vorstellungen aufzubauen. Genau wie Okwiri Oduor thematisiert sie dabei die Frage, was Heimat und das Gefühl anzukommen ausmacht.

Ellen Banda-Aaku und Chika Unigwe widmen sich der in ihren Augen längst überfälligen Gleichstellung von Männern und Frauen, indem sie ihre Protagonistinnen in führende politische Positionen versetzen. Unigwe lässt ihre Hauptfigur nicht nur einen individuellen emanzipatorischen Prozess durchlaufen indem sie sich von ihrem Mann scheiden lässt, sondern auch zur ersten Präsidentin Nigerias werden.

Viele der von den AutorInnen aufgegriffenen Kämpfe haben schon heute eine lange Vergangenheit, auf die sich die Geschichten immer wieder beziehen. Dass sie 2060 wohl noch lange nicht beendet sein werden zeigt, wie viel Zeit gesellschaftliche Veränderungen benötigen.

Annika Lüttner

 

Christa Morgenrath/ Eva Wernecke (Hg.): Imagine Africa 2060. Geschichten Zur Zukunft Eines Kontinents. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2019. 192 Seiten, 20 Euro. Das Buch ist eine Veröffentlichung des Kölner Projektes Stimmen Afrikas, das seit zehn Jahren afrikanischen AutorInnen eine Bühne bietet.

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