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Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

Schwule Jungs vermessen Amerika

Das Jahr 2019 wurde in Berlin und Brandenburg durch 13 Kulturbetriebe zum offiziellen »Humboldt-Jahr«erkoren. Anlässlich des 250. Geburtstages von Alexander von Humboldt sind die beiden Brüder aus Tegel, Alexander und Wilhelm, in aller Munde. Die prominenteste Würdigung der preußischen Universalgelehrten ist das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss. Dieses wird, trotz postkolonialer Kritik am Konzept und an den Herrschaftswissen produzierenden Namenspatronen, Ende 2019 als »Humboldt-Forum« zahlreiche außereuropäische museale Sammlungen präsentieren.

Die deutsch-britische Humboldt-Biografin Andrea Wulf nutzt die Aufmerksamkeit der Stunde, um nach »Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur« (2015) nun den Comic Die Abenteuer des Alexander von Humboldt nachzulegen. Entstanden ist ein farbenfroher Wälzer über die Amerikareise Humboldts (1799-1804), den die US-amerikanische Zeichnerin Lillian Melcher mit ansprechenden Illustrationen ergänzt und dem sie mittels Kollagen aus Humboldts Tagebüchern, Briefen, Notizen und Aufzeichnungen Leben einhaucht.

Wulf präsentiert Humboldt und seinen Reisebegleiter Aimé Bonpland als waghalsige Nerds, die sich einzig der Wissenschaft verpflichtet fühlen. Um Berge, Krater, Flüsse, Pflanzen und Tiere akribisch zu erforschen, scheuen sie kein Abenteuer. Sie sind dabei stets in Begleitung des indigenen Helfers José de la Cruz, der Humboldts Barometer durch Südamerika balanciert. Im ecuadorianischen Quito schließt sich dem Trio der junge Carlos de Montúfar an.

Text und Bilder vermitteln jene gigantische Menge an Wissen, die Humboldt und seine Begleiter auf ihrer Tour erschließen. Im Zentrum steht die Idee von der »Natur als Geflecht des Lebens«, deren schonungslose Ausbeutung für alle in diesem Netz befindlichen Organismen von der Flechte bis zum Menschen verheerende Auswirkungen hat. Wulf zeigt Humboldts kritischen Blick auf die Versklavung von AfrikanerInnen sowie die Misshandlung von Indigenen durch MinenbesitzerInnen und MissionarInnen in den Amerikas. Die Indigenen werden allerdings stets als »Indianer« bezeichnet.

Reflexionen über die privilegierte Position, in der sich die weißen Entdeckungsreisenden befinden, fehlen jedoch. Humboldt hebt zwar die Errungenschaften indigener Kulturen wie die der Azteken hervor, demonstriert aber bei der Benennung und sprachlichen Aneignung von ‚unbekannten‘ Pflanzen und Tieren sowie beim Raub von Schädeln koloniales Denken. Koloniale Machtverhältnisse und wirtschaftspolitische Interessen sind auch der Grund, weshalb sowohl der spanische König Carlos IV. als auch US-Präsident Thomas Jefferson Humboldts Forschungen unterstützten.

Wulfs Comic stellt das Reisen, Forschen und Erleben von Abenteuern als Wettkampf zwischen narzisstischen Männern dar. Dabei erinnern Sprache und Bilder, besonders wenn Humboldt als Metaerzähler die Lesenden direkt adressiert, an die geschlechterkritischen Comics der schwedischen Feministin Liv Strömquist. Jedoch mit dem fatalen Unterschied, dass patriarchale Machtverhältnisse nicht mit Ironie entlarvt werden. Homosexualität kommt hingegen offen zur Sprache, etwa wenn Wulf Humboldt sich in kalten Andennächten an Carlos de Montúfar kuscheln und die preußische Prominenz über seinen »Mangel an echter Liebe zu Frauen« tuscheln lässt.

Summa summarum ist der Band die Hagiografie eines queeren Nerds mit großem Einsatz für Wissenschaft und Naturschutz, die nicht verschweigt, dass in einer (post)kolonialen und kapitalistischen Welt oft elementare Widersprüche zwischen diesen Themen bestehen.

Patrick Helber

 

Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt.
C. Bertelsmann Verlag, München 2019. 272 Seiten, 28 Euro.

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