Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 374 | Sozialstaaten Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein

Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein

Es ist unmöglich, verallgemeinernd von den Literaturen Afrikas zu sprechen. Loimeier verwendetert Behelfsbegriff, um an zwei Beispielen eine kenntnisreiche Zustandsbeschreibung der Literaturgeschichte Afrikas nachzuzeichnen.

Der Prozess der Wortergreifung

Die Krux formuliert Manfred Loimeier in seinem neuen Buch gleich zu Beginn: Es ist unmöglich, verallgemeinernd von den Literaturen Afrikas zu sprechen. Die Unterschiede seien größer als die Gemeinsamkeiten – angefangen bei der Mehrsprachigkeit bis hin zum unterschiedlichen Diasporabezug in der Negritude oder im Postkolonialismus. Literaturen aus Afrika ist vielmehr ein von Loimeier verwendeter Behelfsbegriff, um am Beispiel von zwei Romanen aktuelle Entwicklungslinien nachzuzeichnen: Fatou Diomes »Der Bauch des Ozeans« und NoViolet Bulawayos »Wir brauchen neue Namen« repräsentieren nicht nur ganz unterschiedliche kulturtheoretische Ansätze, sondern auch zwei Sprachräume – den frankophonen und den anglophonen.

Die senegalesische Schriftstellerin Fatou Diome lebt heute in Frankreich. Sie verhandelt in ihrem Roman die Themen Migration und Wohlstandsversprechen in Europa ebenso wie Armut und Fremdenfeindlichkeit. Die Rückkehr nach Afrika bleibt der Protagonistin ihres Romans verwehrt, denn es gibt für sie kein »erfolgreiches Heimkehren«. Ganz anders bei NoViolet Bulawayo aus Simbabwe: Darling, die Hauptfigur ihres Debütromans, schildert die Brüche zwischen dem Alltag in Simbabwe und dem »Traumland« USA nicht als Geflüchtete, sondern als Bildungsmigrantin. Die Begegnung zwischen den beiden Welten führt hier zu einer Rückbesinnung auf das Herkunftsland, die verbunden ist mit einer Kritik an der westlichen Gesellschaft.

Loimeier geht es um die unterschiedlichen Lesarten dieser beiden Romane. Hierzu begibt er sich zuallererst auf eine Tour de Force durch die afrikanische – nein, besser gesagt, transnationale – Literatur aus dem afrikanischen Kontinent. Diese hat bis heute mit dem historischen Erbe des Kolonialismus zu kämpfen: Mit der Wirkmächtigkeit von Afrikabildern ebenso wie mit rassistischen Stereotypen und voyeuristischem Exotismus. Scheinbar mühelos schlägt Loimeier dabei den Bogen von Ngugi wa Thiong’os »Dekolonisierung des Denkens« aus den 1980er Jahren über aktuelle Positionen von Achille Mbembe (»Kritik der schwarzen Vernunft«) und Felwine Sarr (»Afrotopia«). Außerdem bezieht er sich auf die von Frauen eingebrachte Kritik an Wahrnehmungsmustern: Tahiye Selasi, die 2005 mit dem von ihr geprägten Schlagwort »Afropolitan« international für Aufsehen sorgte, betont, dass es die afrikanische Literatur nicht gebe, und Chimamanda Ngozi Adichie erweitert dies um das Postulat von der »Danger of a Single Story«.

Dem Literaturwissenschaftler, Autor und Kulturvermittler Loimeier gelingt eine kenntnisreiche Zustandsbeschreibung der Literaturgeschichte Afrikas, die den »Prozess der Wortergreifung« als jahrzehntelanges Phänomen begreift. Er ist ein ausgewiesener Kenner aller Literaturen, die Afrika zugerechnet werden, und ist sowohl in historischen als auch aktuellen Romanen aus Ost-, Süd-, West- und Ostafrika bewandert. Er beschäftigt sich mit postkolonialer Theorie ebenso wie mit den Konzepten der Negritude oder des Black Atlantic und kann intellektuelle Diskurse politisch einordnen. Deshalb verzeiht man dem Autor auch die sehr unterschiedlich ausfallenden Analysen der beiden Romane: Während er Bulawayos Text ausführlich bespricht und sich mit vielen Zitaten eng am Text bewegt, wirft er auf »Den Bauch des Ozeans« einen eher distanzierten Blick von außen.

Beiden Interpretationen fügt er lesenswerte Interviews mit den Autorinnen hinzu, die Einblicke in deren Verständnis von Schreiben in der Transkulturalität geben. So weist Fatou Diome eindrücklich auf die Bedeutung der »mentalen Kolonialisierung« hin und auf den ewigen Traum vom »gelobten Europa«, der zerstört werden müsse. Sie sucht ihr »Land im Schreiben« als franko-senegalesische Frau. NoViolet Bulawayo drückt ihr Selbstverständnis so aus: »Jeder Mensch wird von dem Raum verändert, in dem er lebt«.

Rosaly Magg

 

Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein. Brandes & Apsel, Frankfurt 2018. 190 Seiten, 19,90 Euro.

374 | Sozialstaaten
Cover Vergrößern