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»Selbstorganisierung von Frauen ist der Schlüssel«

Interview mit den Gewerkschafterinnen Dian Septi Trisnanti und Chamila Thushari aus Indonesien und Sri Lanka (Langfassung nur im Netz)

iz3w: Wie verlief euer gewerkschaftlicher Werdegang?

Chamila Thushari (CT): Ich bin seit 23 Jahren im Dabindu Kollektiv aktiv. Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit den Belangen von Fabrikarbeiter*innen in der Freihandelszone Katunyake. Monatlich veröffentlichen wir die Dabindu-Zeitung, betreiben einen Newsletter, ein Awareness-Programm für Führungskräfte und bieten Seminare zu Arbeitsrechten, Frauenrechten und reproduktiver Gesundheit an. Die Programme sind sehr wichtig, da viele Frauen nur für begrenzte Zeit in der Freihandelszone arbeiten und in dieser Zeit auch keine Ausbildung bekommen. Sie sind auf einen kleinen Teil der Arbeitsprozesse spezialisiert. Wenn die Arbeiterinnen nach einigen Jahren in ihre Herkunftsorte zurückkehren, können sie eigentlich nur noch heiraten und Hausfrauen werden. Wir setzen uns für existenzsichernde Löhne, Bildung und Sicherheit ein.

Dian Septi Trisnanti (DST): FBLP, eine werksübergreifende Gewerkschaft, wurde im Jahr 2009 gegründet. Zu Beginn hatte sie nur 30 Mitglieder. Alle von ihnen sind Arbeiterinnen und manche LGBTIQ-Personen. Wir begannen mit der Organisierung von Arbeiter*innen in einem Textilindustrie-Park im Norden Jakartas. Er wird von der Regierung betrieben, aber die meisten Investor*innen in der Textilindustrie kommen aus Südkorea, China und Taiwan. Unsere Forderung damals war die Zahlung des Mindestlohns.

Was sind die Probleme der Arbeiterinnen?

CT: 75 Prozent der Frauen in Sri Lanka sind in der exportierenden Tee- und Bekleidungsindustrie tätig, in Entscheidungsprozessen dieser Sektoren sind sie jedoch unterrepräsentiert. Es existieren zwar Gesetze und Verhaltenskodizes der produzierenden Marken, deren Umsetzung und Einhaltung ist jedoch oft ein Problem. Im Jahr 2009 hat das Arbeitsministerium eine Recherche durchgeführt und dabei herausgefunden, dass 62 Prozent der Arbeiter*innen an Mangelernährung und Anämie leiden. Ihre Arbeitsplätze sind schlecht eingerichtet, Pausenzeiten können oft nicht eingehalten werden und Zwölfstundentage sind keine Seltenheit. Durch Zeit- und Produktionsboni können die Arbeiter*innen Löhne aufbessern, von ihrem Grundlohn können sie allerdings kaum leben. Am schlechtesten ist die Situation für Leiharbeiter*innen, die zum Beispiel im Krankheitsfall keinen Anspruch auf ihre Löhne haben. Es ist schwierig, die Frauen zu mobilisieren, weil die traditionellen Gewerkschaften sich nicht um ihre Belange kümmern. Die Mehrheit in den Gewerkschaften ist männlich und es gibt keine Frauen in führenden Positionen.

Welche Arbeitskämpfe führt ihr und mit welchen Methoden?

CT: In die Fabriken dürfen wir als Gewerkschaft nicht gehen. Deshalb suchen wir die Arbeiter*innen an ihren freien Tagen in den Unterkünften auf, verteilen dort Infobroschüren und versuchen, Informationen zu sammeln. Die Ergebnisse halten wir in unserer Zeitung fest. Manche Genoss*innen wickeln ihr mitgebrachtes Essen in die Zeitung ein und lassen sie dann an viel frequentierten Orten liegen – denn keine Fabrik würde der Verbreitung der Dabindu-Zeitung zustimmen. Wir wenden uns auch an das Arbeitsministerium, aber dort wird meist nur die Sicht des Managements berücksichtigt, die Belange der Arbeiter*innen werden nicht beachtet. Wir sprechen zudem mit Stadtverwaltungen, da manche Gegenden nicht über Elektrizität, Trinkwasser oder Müllentsorgung verfügen. Oft wird uns das Gespräch verweigert, also schreiben wir Briefe, protestieren beim Arbeitsministerium und arbeiten mit Menschenrechtskommissionen. Auf globaler Ebene arbeiten wir zusammen mit der Clean Clothes Campaign und versuchen so Einfluss auf die Verträge, die verschiedene Marken wie GAP und H&M schließen, zu nehmen und existenzsichernde Löhne durchzusetzen.

DST: Wir glauben, dass die Selbstorganisierung von Frauen der Schlüssel ist. Wir verfolgen eine Storytelling-Methode, da die Erfahrungen der Frauen die Quelle unserer Kenntnisse sind. Sie sind aktive, handelnde Subjekte, sie können reden und das teilen wir miteinander. Gestreikt haben wir erstmals im Jahr 2010 in einem Industriepark in Jakarta. Zu dieser Zeit waren wir noch keine registrierte Gewerkschaft, lediglich ein Zusammenschluss von Arbeiter*innen, die sich organisieren wollten. Nach den ersten Streiks wuchs unsere Mitgliederzahl auf etwa 5.000 an und wir konnten unsere direkten Aktionen auf einen Industriepark in Bekasi ausweiten, mit der Forderung nach festen Arbeitsverträgen. Arbeiter*innen mehrerer Fabriken nahmen an den Streiks teil und blockierten die Zufahrtswege mit ihren Motorrädern. Leider unterzeichnete die Leitung der größten teilnehmenden Gewerkschaft ein Abkommen mit Polizei und Militär, woraufhin diese die Aktionen mit Gewalt stoppten und die Streikenden zwangen, die Produktion wiederaufzunehmen. Diese Aktionen beflügelten aber eine nationale Streikkampagne. Im Jahr 2012 wurden eine Millionen Arbeiter*innen mobilisiert. Daraufhin wurde der Mindestlohn um 48 Prozent erhöht. Danach verschärfte sich die Repression von Polizei und Militär, auch bewaffnete Paramilitärs griffen Menschen in ihren Arbeitsstätten an. An den Streiks im Jahr 2015 nahmen dann nur noch 500.000 Menschen teil. Außerdem betreiben wir das Community Radio Marsinah FM, benannt nach einer Arbeiterin, die 1993 an ihrem Arbeitsplatz getötet wurde, und produzieren gerade unseren zweiten Dokumentarfilm „Home“.

Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?

CT:  Am Arbeitsplatz, in der Unterkunft oder im öffentlichen Nahverkehr: Sexualisierte Gewalt existiert in allen Lebensbereichen der Arbeiter*innen. Gerade in den Gemeinschaftsunterkünften sind alleinstehende Frauen und alleinerziehende Mütter besonders gefährdet. Die Näherinnen werden oft von Mechanikern der Fabriken belästigt und bedrängt. Daher versuchen sie meist, ihren männlichen Kollegen aus dem Weg zu gehen. Doch wenn eine Nähmaschine repariert werden muss, haben sie keine Wahl und müssen sich den Belästigungen aussetzen. Im Fall eines Übergriffs trauen sich die meisten Frauen nicht, ihn der Polizei zu melden, zumal es dort auch keine speziellen Anlaufstellen gibt. Zwar gibt es einige internationale Konventionen für die Rechte der Frauen, diese bieten aber keinen Schutz.

DST: Als wir die Gewerkschaft gegründet haben, lag unser Fokus auf der Bekämpfung sexualisierter Gewalt, da Frauen nicht nur in ihren Arbeitsverhältnissen Unterdrückung erfahren, sondern auch aufgrund ihres Geschlechts. Mehr als 56 Prozent der Arbeiter*innen in den Industrieparks erfahren sexualisierte Gewalt, auf nationaler Ebene sind es 44 Prozent. Vor den Fabriken haben wir Warnschilder angebracht. Damit sinkt zwar nicht sofort die Zahl der Opfer, aber für die Betroffenen ist das Signal wichtig, dass sie Hilfe bekommen. Es soll ein unterstützendes System und eine Warnung an die Täter sein. Auf nationaler Ebene versuchen wir, einen Entwurf für ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung einzubringen, doch die Regierung verzögert diesen Prozess. In unserer Vorlage fordern wir die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen nach einer Vergewaltigung. Abtreibungen sind in Indonesien ein großes Tabu und für unverheiratete Frauen ohnehin strafbar.

Welche Unterstützung wünscht ihr euch für eure Kämpfe?

DST: Wichtig ist meiner Meinung nach kollektives Handeln auf internationaler, nationaler und Betriebsebene. Wir wünschen uns Vernetzung und Austausch über verschiedene Formen von Solidarität wie etwa Boykotte und andere Aktionen. Die wichtigste Frage dabei ist, wie wir kollektive Strukturen aufbauen können.

CT: Die produzierenden Marken müssen sichere Arbeitsverhältnisse und faire Bezahlung gewährleisten und daher wünschen wir uns, dass mehr internationaler Druck auf die Regierung Sri Lankas ausgeübt wird. Boykotte und Aktionen vor Einzelhandelsgeschäften helfen auch, auf unsere Probleme aufmerksam zu machen.

 

 

Dian Septi Trisnanti aus Indonesien ist in der feministischen Gewerkschaft Inter-Factory Workers‘ Federation (FBLP) organisiert, Chamila Thushari im Dabindu Collective in Sri Lanka.
Bei ihrer von der FAU (Freie Arbeiter*innen Union) organisierten Tour durch Europa im Herbst 2019 trugen die beiden ausnahmsweise Winterkleidung.


Das Gespräch führten Katrin Dietrich und Eva-Maria Österle (iz3w).

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