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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? „Diese Krise offenbart das Versagen des Gesundheitssystems“

„Diese Krise offenbart das Versagen des Gesundheitssystems“

In unserem dritten Interview haben wir mit Hervé Walé über die Situation in der Elfenbeinküste (der Republik Côte d’Ivoire) gesprochen. Hervé Walé ist Fachberater für eine brasilianische Firma in der Elfeinbeinküste und er lebt dort im größten städtischen Ballungsraum Abidjan.

iz3w: Wie ist die Lage in der Elfenbeinküste?

Hervé Walé: Es gibt circa 380 bekannten Corona-Fälle, 50 geheilte Personen und drei Tote. Die Regierung hat Maßnahmen ergriffen, um die Virusverbreitung zu verlangsamen. Am 8. April wurde beschlossen, dass alle alten Menschen oder Personen mit Vorerkrankung in Quarantäne gehen müssen. Insgesamt vermeiden wir, raus zu gehen und betreiben Social Distancing. Ich arbeite jetzt 80 Prozent der Zeit im Homeoffice und mit den neuen Maßnahmen werde ich fast nur von Zuhause arbeiten. Alles geht in Zeitlupe.

Es gibt aber keine totale Ausgangssperre. Und wenn es hier eine Ausgangssperre geben sollte, wäre sie in armen und dicht bevölkerten Vierteln wie Yopougon, Abobo oder Adjamé viel schwieriger durchzusetzen als in besser gestellten Vierteln wie Cocody oder Le Plateau.


Es gibt aber eine nächtliche Ausgangssperre?

Ja, von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens dürfen wir nicht raus. Es gab Restaurants und Kneipen, die die ganze Zeit offen hatten und deshalb wurde diese begrenzte Ausgangssperre ausgerufen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Ich halte das für eine sehr gute Entscheidung. Zuletzt hatte es eine Ausgangssperre dieser Art während der Wahlkrise im Jahr 2002 gegeben. Und ich glaube nicht, dass sie nach der Krise in Kraft bleiben wird, um einen gewissen Autoritarismus durchzusetzen. Das liegt nicht im Interesse dieser Regierung, weder politisch noch wirtschaftlich.


Welchen Einfluss hat die Krise auf die wirtschaftliche Lage?

In der Elfenbeinküste sowie in den meisten afrikanischen Ländern stützt sich die Wirtschaft auf den informellen Sektor. Viele Menschen bekommen Tageslöhne. Eine Ausgangssperre hätte daher dramatische Folgen. Das ist ein Grund, warum eine totale Ausgangssperre noch nicht ausgerufen wurde.

Ökonomische Systeme passen sich an. Der formelle Sektor geht ins Homeoffice. Manche Unternehmen können es aushalten aber andere werden die Löhne reduzieren oder Angestellte entlassen. Ich bin Fachberater für eine brasilianische Firma in der Elfenbeinküste. Der Hauptsitz des afrikanischen Zweiges befindet sich in Südafrika, wo eine totale Ausgangssperre besteht. Die Firma verlangt von mir, dass ich zuhause bleibe. Das wird auch Auswirkungen auf meinen Lohn haben. Mein Arbeitgeber schätzt derzeit ein, wie viel mir am Monatsende bezahlt wird. Aber die Mehrheit der Menschen, die zum Beispiel von Tageslöhnen leben, werden es nicht lange aushalten können.

Bemerkenswert sind auch die Straßenhändler*innen. In vielen afrikanischen Städten schlängeln sie sich zwischen den Autos hindurch, um Produkte zu verkaufen. Seit dem Ausbruch von Covid-19 haben sie angefangen, Desinfektionsmittel, Handschuhe oder Masken zu verkaufen.


Was hältst du von der politischen Antwort auf der Krise?

Ich glaube, dass die Regierung früher Maßnahmen hätte ergreifen können. Die Regierungen in Afrika, insbesondere in der Elfenbeinküste, haben erst spät reagiert, was sehr problematisch ist, da wir nicht dieselbe medizinische Ausstattung wie beispielsweise Italien oder Frankreich haben. Als die WHO die Verbreitung des Coronavirus zu einer Pandemie erklärt hat, hätten die Regierungen proaktiv handeln müssen.


Macht dir in der Krise auch etwas Hoffnung?

Ich hoffe, dass die gesundheitliche Krise der Obrigkeit zeigt, dass sie in Krankenhäuser und in die Forschung investieren muss. Diese Krise offenbart das Versagen des Gesundheitssystems. Wir dürfen nicht warten, bis Krisen sich ereignen. Ich hoffe, dass die Regierung zumindest dadurch eine konkrete Vorstellung davon bekommt, was für die Bevölkerung und das Gesundheitspersonal, das an vorderster Front dieser Krise steht, getan werden sollte. Die Situation ist schrecklich, aber ein positiver Aspekt ist auch, dass unsere Politiker*innen nicht nach Europa fliegen können, um sich dort behandeln zu lassen. Die Grenzen sind dicht. Es sei denn, es gäbe spezielle Flüge für sie.


Verändert die Corona-Krise etwas in deinem Leben oder in deiner Weltanschauung?

Ich bemerke alltägliche Details: Wie wichtig zum Beispiel Händewaschen ist oder wie komisch es sich anfühlt, keine Umarmungen zu geben. Ich bemerke auch, wie eng alles miteinander verwoben ist. Was in China passiert, kann eine Gemeinschaft auf der anderen Seite der Welt erschüttern. Corona macht die Verbindungen zwischen den Menschen deutlich. Auf der persönlichen Ebene werde ich auch viel mehr die Zeit mit meiner Familie genießen. Es klingt tragisch aber in solchen Zeiten stellt man fest, wie wichtig Gesundheit ist, sowie Zeit mit denen die man liebt, zu verbringen.

 

Das Gespräch führte Adèle Cailleteau (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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südnordfunk zu Corona

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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung