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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? Über den Tellerrand - die Corona-Krise weltweit

Über den Tellerrand - die Corona-Krise weltweit

Das iz3w startet eine Online-Reihe mit einigen Stimmen zu Corona weltweit. Im ersten Interview haben wir mit Minou Dryas über die Situation im Iran gesprochen.

 

Hoffnung mit Magenschmerzen“ - Ein Interview zur Corona-Krise im Iran

Minou Dryas war vom November 2019 bis Anfang April 2020 im Iran. Vor wenigen Tagen ist sie nach Deutschland zurückgekehrt und hat mit der iz3w über ihr Erleben der Corona-Krise in der Hauptstadt Teheran gesprochen. Aus Sicherheitsgründen verwendet sie ein Pseudonym.


iz3w: Wie ist die Situation in Zeiten von Corona im Iran?

Minou Dryas: Momentan sind die Menschen recht verunsichert und gleichzeitig trauen sie den offiziellen Aussagen der Regierung nicht. Am 21. Februar waren Parlamentswahlen im Iran und zwei Tage vorher, am 19. Februar, wurde das erste Mal gemutmaßt, dass es einen Fall von Corona im Land gibt. Wie in vielen Fällen frage ich mich, inwiefern die gesamte Situation durch das Regime instrumentalisiert wird. Viele Menschen sind sehr kritisch dem Regime gegenüber und deshalb wurde eine geringe Wahlbeteiligung erwartet. Diese war dann auch niedrig, was auf die beginnende Pandemie geschoben wurde und eben nicht als Anzeichen für einen geringen Rückhalt des Regimes interpretiert wurde.

In den nächsten Wochen ging das dann so weiter. Das Regime hat zwar erklärt, dass es Corona-Fälle im Land gab, aber alles heruntergespielt. Es gibt auch eine sehr hohe Diskrepanz zwischen offiziellen Angaben zu Infizierten und Todesfällen und den inoffiziellen Schätzungen. Die Maßnahmen, die von vielen anderen Ländern zu Eindämmung der Pandemie verhängt wurden, wurden im Iran nicht ergriffen. Das hat mich und viele andere irritiert. Das Regime hat manchmal über das offizielle Nachrichtenportal Islamic Republic News Agency Maßnahmen verkündet, die dann nicht durchgesetzt wurden. Das hat zu einer massiven Verunsicherung der Bevölkerung geführt und hat die große Desillusionierung der letzten Monate verstärkt.

Die Regierung versucht, die Stabilität militärisch aufrechtzuerhalten. Die Revolutionsgarden setzen mittlerweile mit Gewalt Maßnahmen durch. In den Gefängnissen gab es zum Beispiel letzte Woche Aufstände, die von den Revolutionsgarden niedergeschlagen wurden. Dem Regime fehlt es weiter an Zustimmung aus der Bevölkerung, aber es versucht, die Macht mit Gewalt aufrechtzuerhalten und ist damit bisher auch erfolgreich. Menschen, die sich im Internet kritisch geäußert haben, wurden in den letzten Wochen von den Revolutionsgarden verfolgt und zum Teil inhaftiert. Das Regime erhält ein Klima der Angst aufrecht, das offene Kritik immer schwerer macht.

Denkst du, dass es nach der Corona-Krise so bleiben wird?

Ich denke, dass sich die Menschen am Ende der Krise an die Proteste im November erinnern werden: Diese Erinnerung und das Verhalten des Regimes während der Pandemie wird die Kritik verstärken. Da es aber keine offene, freie Opposition gibt, fehlt eine strukturierte Handlungsweise bei den Protesten. Immer wieder werden führende Personen der Proteste inhaftiert. Seit zehn Jahren stehen oppositionelle Politiker*innen unter Hausarrest und können sich nicht frei bewegen und kaum äußern. Gerade fehlt vielen Menschen eine Idee, wie diese Proteste zu einem Regimewechsel führen können.

Wurde das Regime dafür kritisiert, dass die Krankheit am Anfang nicht ernst genommen wurde?

Am Anfang hat das Regime sehr mit Aberglauben argumentiert. Es hat behauptet, dass es helfe, zu beten, sowie die Schreine in den Moscheen zu küssen, oder dass der Virus von übernatürlichen Wesen auf die Erde gebracht worden wäre. Die Moscheen wurden angesichts des religiösen Hintergrundes nicht geschlossen, was später stark kritisiert wurde. Das Außenministerium hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen um Hilfe gebeten. Aber das Gesundheitsministerium hat diese Hilfe ein paar Tage später abgelehnt und wurde dafür stark kritisiert. Diese Uneinigkeit unter den Ministerien hat für Verwirrung und Kritik gesorgt. Hier will ich hinzufügen, dass ich mich durch englischsprachige Medien informiert habe oder meine iranischen Freund*innen mir von Informationen aus den nationalen Nachrichten berichtet haben.

Wie sah die Stadt aus, als du Teheran verlassen hast?

Es gab keine offizielle Ausgangssperre, viele Leute waren noch auf den Straßen. Bis Mitte März waren Cafés, Restaurants, Museen, zum Teil auch Kinos geöffnet. Universitäten und Schulen wurden bereits Ende Februar geschlossen und Menschen ins Homeoffice geschickt. Aber danach ging das öffentliche Leben weiter, Bazare waren noch geöffnet, wenn auch mit kürzeren Öffnungszeiten. Ende März war es dann so, dass wirklich nur noch die Läden für den täglichen Bedarf geöffnet waren.

Ich hatte auch das Gefühl, dass der öffentliche Nahverkehr vielleicht reduziert war, aber sehr regelmäßig weiter gefahren ist. Dafür gibt es auch eine Notwendigkeit, weil viele Menschen in diesem Sektor oder im informellen Sektor arbeiten. Viele Menschen arbeiten als Taxifahrer*innen oder Verkäufer*innen und sind komplett auf ihr Einkommen angewiesen. Der Staat ist völlig bankrott. Er hat zwar ein kleines Wirtschaftshilfepaket verabschiedet, aber das reicht nicht. Die Menschen müssen zur Arbeit gehen können. Deswegen gab es auch keine Ausgangssperre, da es sonst zu einer extremen sozialen Krise im Land käme.

Die Menschen haben sich mit Masken bewegt, alle trugen Handschuhen. Aber die Straßen von Teheran waren nicht so leer, wie man es in anderen Städten auf der Welt sehen kann. Ich habe aber gehört, dass in anderen Städten des Landes, zum Beispiel im Norden, wo die Lage besonders schlimm war, die Straßen auch leer waren.

Macht dir bei der Krise auch etwas Hoffnung?

Zuletzt wurde der Verkehr eingeschränkt und in Teheran sind deutlich weniger Autos gefahren. Dadurch hat man die Berge um Teheran wahnsinnig toll gesehen. Das heißt, dass die Luftverschmutzung, der Smog und der Verkehrslärm massiv zurückgegangen sind. Und da das Regime mit anderen Dingen beschäftigt war, sind bei den Frauen nach und nach die Kopftücher runtergerutscht. Ich habe zuletzt deutlich mehr Frauen gesehen, die kein Kopftuch trugen oder nur einen Schal um die Schultern. Man hat das Gefühl, dass die sozialen Freiheiten etwas stärker ausgereizt werden, das gibt mir etwas Hoffnung. Ich habe auch Berichte gehört, dass Menschen in der Stadt Rasht im Norden auf den Straßen getanzt haben. Tanzen oder Musizieren wird im Iran kritisch gesehen, das ist zum größten Teil von dem Regime verboten. Ich habe auch gehört, dass in einigen Vierteln nachts zwischen benachbarten Hochhäusern kleine Partys stattgefunden haben, wo die Menschen Musik gemacht haben. Alles in der Sicherheit der Nacht, aber dennoch gibt mir das Hoffnung. Wenn ich jedoch höre, dass in den Gefängnissen Tausende von politischen Gefangen sitzen, die nicht adäquat geschützt werden, besorgt mich das. Die Menschen fordern mehr Freiheiten ein. Ich frage mich, wohin das als Nächstes führt. Ich habe ein bisschen Hoffnung und einige Magenschmerzen.

Das Gespräch führte Adèle Cailleteau (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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südnordfunk zu Corona

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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung