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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? „Der Präsident nutzt die Krise zum Machterhalt“ - Ein Interview zur Corona-Krise in Uganda

„Der Präsident nutzt die Krise zum Machterhalt“ - Ein Interview zur Corona-Krise in Uganda

Im vierten Interview der Online-Reihe „Über den Tellerrand – die Corona-Krise weltweit“ haben wir Ende April mit Patience Akumu über die Situation in Uganda gesprochen. Sie lebt als Freie Journalistin in Kampala, Ugandas Hauptstadt und schreibt unter anderem für die Tageszeitung The Guardian.

iz3w: Wie ist die aktuelle Situation in Uganda?

Patience Akumu: Gestern gab es 74 bestätigte Corona-Fälle, von denen 45 bereits genesen sind. Insgesamt ist es hier wohl nicht so dramatisch wie woanders auf der Welt. Die Regierung hat bereits vor dem ersten Fall Maßnahmen ergriffen und nach nur wenigen Fällen wurde ein Lockdown verhängt. Tagsüber sollen wir nur noch für wichtige Besorgungen nach draußen gehen und nach 19 Uhr darf man überhaupt nicht mehr auf die Straße. Das Zuhause-Bleiben stellt ein Problem dar, wenn man bedenkt, dass 80 Prozent der ugandischen Wirtschaft im informellen Sektor stattfindet. Viele Menschen verdienen täglich kaum das, was sie zum Essen brauchen. Ich meine damit Frauen, die Tomaten am Straßenrand verkaufen, die Fahrrad- oder Motorad-Taxis, oder die Menschen, die kleine Läden betreiben. Gerade können sie kein Geld verdienen; diese Menschen hungern. Deswegen hat die Regierung Lebensmittel verteilt, die aber noch nicht bei den Bedürftigen angekommen sind. Es gibt Korruption und dem Premierminister wird vorgeworfen, Lebensmittel zurück zu halten.

Was hältst du von der politischen Antwort auf die Krise?

Die Regierung hat schnell reagiert: Grenzschließungen, Quarantänen, die Flucht in die Dörfer wurde verhindert und dadurch die Virenverbreitung verringert. Die Regierung bearbeitet die gesundheitliche Seite der Pandemie gut und sie stellt sicher, dass alle Zugang zu Informationen und Hygieneregeln haben. Aber sie ignoriert die Armut vieler Menschen in Uganda. Wir sprechen von einem Land mit einer sehr hohen Armutsrate. Hier gibt es eine Tradition, Armut zu ignorieren und sich nur auf den wohlhabenden Teil der Bevölkerung zu konzentrieren, nach der Devise: Wenn es einem selbst gut geht, muss es den anderen wohl auch gut gehen.

Die Regierung hat sich keine Sekunde gefragt, wie manche Menschen im Lockdown überleben können. Viele Menschen können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben, weil sie als Tagelöhner*innen arbeiten oder nicht ins Home-Office gehen können. Mit all diesen Richtlinien werden die Ungleichheiten aufrechterhalten. Es ist business as usual, eine Antwort für die Reichen und Mächtigen. Präsident Yoweri Museveni sagte dazu: „Wenn ihr vor dem Lockdown arm wart, werdet ihr nach dem Lockdown arm sein [...] Wir werden uns später mit eurer Armut beschäftigen.“ Die Botschaft scheint zu sein: Bleib hungrig, bleib stark, du wirst schon überleben.

Nächstes Jahr wird in Uganda gewählt. Welche Rolle spielt dabei diese Krise?

2021 finden Präsidenten- und Parlamentswahlen statt und unsere Wahlen sind bekanntlich nicht die fairsten. Diese Krise ist für die Regierung eine Chance. Museveni macht sie sich zunutze, um seine Macht zu stärken. Durch die Ausgangssperre kommt es vermehrt zu Polizeigewalt, Menschen werden verprügelt, weil sie nach 19 Uhr auf der Straße sind. Anstatt zu erklären, warum die Menschen nicht draußen sein sollten, handelt die Polizei autoritär. Der Oppositionspolitiker und Sänger Bobi Wine hat ein Lied zu Covid-19 veröffentlicht, aber es darf nicht von den Radiosendern gespielt werden, weil sie nur „neutrale“ Informationen über das Virus und wie es sich überträgt ausstrahlen.

Benutzt die Regierung den Lockdown, um gegen die politische Opposition vorzugehen?

Ja, und gleichzeitig nutzt gerade Präsident Museveni die Krise, um seine Macht zu befestigen, in dem er Ängste schürt. Er hat schon vor der Krise den Ugander*innen immer wieder gesagt: Ihr könnt gut schlafen, ihr könnt gut essen, also kümmert euch nicht um Korruption oder um das kaputte Gesundheitssystem. Aber wenn ich nicht mehr an der Macht bin, werdet ihr nicht mehr ruhig schlafen können. Diese Art von Ängsten wird nun durch den Lockdown verstärkt.

Die Probleme in Uganda wie Ungleichheiten, Armut, Gewalt gegen Frauen werden nicht verschwinden, weil es jetzt Covid-19 gibt. Sie werden spätestens bei der Wahl wieder relevant sein und da wird die Regierung die aktuelle Krise nutzen. Musevenis Narrativ wird sein: Ich bin seit 30 Jahren an der Macht, ich habe die Verfassung verändert, um an der Macht zu bleiben, aber ich habe in der Corona-Krise euer Leben gerettet.

Macht dir etwas in dieser Krise Hoffnung?

Ich glaube, dass das Gesundheitssystem besser wird. Wir investieren hier seit dem Anfang der Pandemie mehr. Meine größte Hoffnung ist, dass wir Ugander*innen unsere Prioritäten überprüfen, dass wir weniger in Sicherheit investieren, um uns vor unbekannten Feinden zu schützen, und mehr in die Gesundheit.

Zu Beginn der Pandemie gab es 55 Intensivpflege-Betten für 40 Millionen Menschen in Uganda. Jetzt wird der reiche Teil der Bevölkerung nicht mehr nach Indien oder Großbritannien fliegen können, um medizinische Behandlung zu bekommen, sondern sitzt mit allen anderen vor Ort und in einem schlechten Gesundheitssystem fest. So stellen auch sie fest, dass der Ort an dem sie leben, ihr Zuhause ist. Und dass man dieses Zuhause für sich selbst und alle anderen, egal ob reich oder arm, lebenswert machen muss. Ich hoffe, dass Reiche und Mächtige davon lernen und der Gesundheit der Bevölkerung in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken werden.

Inwiefern verändert diese Krise dein Leben und deine Weltanschauung?

Ich kann derzeit nicht mehr reisen, ob für die Arbeit oder Urlaub. Allein der Gedanke, dass ich einfach nicht mehr nach Russland fliegen oder meine Familie in Großbritannien oder in den USA besuchen kann, deprimiert mich. Ich hatte das immer für selbstverständlich gehalten, reisen zu können, sofern ich das Geld dafür habe. Nun stelle ich fest, dass die Welt komplexer ist, als wir dachten und dass wir nichts als gegeben hinnehmen können. Alles was wir haben, sollten wir genießen, wenn wir es können.

 

Das Interview führte Adèle Cailleteau (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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südnordfunk zu Corona

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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung