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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit (Hg.): Rechte Egoshooter

Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit (Hg.): Rechte Egoshooter

Von der virtuellen Hetze im Netz zum Livestream-Attentat. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 18 Euro

Halle, 9. Oktober 2019: Bewaffnet versucht Stephan B. in die Synagoge einzudringen. Als das misslingt, erschießt er auf der Straße zwei Personen und verletzt weitere. Einen Livestream von seiner Tat veröffentlichte der Täter über das Meguca-Forum, wo sich Nutzer*innen über rechtsextreme und rassistische Themen austauschen.

Der Anschlag in Halle war der konkrete Anlass für den Sammelband Rechte Egoshooter. Zwar sind rechtsextrem motivierte Anschläge kein neuartiges Phänomen, doch lassen sich in den letzten Jahren Täter eines neuen Typs identifizieren. Akribisch genau und aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchen die Autor*innen die Entwicklung der rechten Egoshooter, die sich überwiegend in Online-Strukturen radikalisierten. Den Anfangspunkt stellt der Anschlag auf der norwegischen Insel Utøya im Jahr 2011 dar.

Die Herausgeber betonen, dass Voyeurismus und Schockstarre gegenüber den Taten vermieden werden sollten. Denn die Täter seien »fassbar, die Taten erklärbar – und Nachfolger absehbar«, schreiben Baeck und Speit in ihrer Einleitung. Mit diesem Ansatz lässt sich auch das Ziel des Buches umschreiben: Einem demokratischen Publikum, das der Radikalisierung im Netz bisher noch wenig Aufmerksamkeit schenkt, soll die Szene beschrieben und erklärt werden.

Die neun Kapitel zu den rechten Ego Shootern sind so vielschichtig wie das Thema selbst. Es geht um globale Netzwerke des Rechtsterrorismus (Roland Sieber), eine Einordnung der Debatte um Killerspiele und rechte Gewalt (Jan-Paul Koopmann) oder um Analysen der Tat in Halle (Sebastian Erb und Andreas Speit). Andrea Röpke betont, wie gefährlich es sei, nur auf Täter zu fokussieren, die den Abzug drücken. Wichtig sei auch deren Einbettung in eine organisierte Szene im Netz.

Auf die Entwicklung der so genannten Incels (übersetzt: unfreiwillig im Zölibat Lebende) geht Veronika Kracher ein. Incels rufen online zum Krieg gegen Frauen auf. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich aus ihrer Weltanschauung, der so genannten »Blackpill-Ideologie«: Frauen, genannt »Stacys«, würden sich nur den attraktivsten Männern hingeben, den »Chads«. Unterstützt darin, ihre eigene Sexualität auszuleben, würden die Frauen durch den Feminismus. Kracher ordnet die Subkultur der Incels als eine Spitze des Eisbergs der rechten Online-Szene ein.

Rechte Anschauungen sind schon lange online für alle verfügbar. Es ist daher davon auszugehen, dass in den meisten Foren auch eine digitale Zivilgesellschaft mitliest, die aktiv werden kann. Wie Einzelpersonen auf Hasskriminalität im Netz reagieren können, führt Michael Wörner-Schappert in seinem Kapitel »Recht gegen rechts« aus. Damit bietet das Buch einen produktiven Endpunkt, der zum Handeln auffordert, nachdem die Dringlichkeit dazu zuvor anschaulich geschildert wurde.

Elena Kolb

379 | Rechte Gewalt
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