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»Menschen sind trotz Corona unterwegs und in Lebensgefahr«

Nach einer längeren Zwangspause ist das Schiff Sea-Watch 3 der Organisation für Seenotrettung Sea-Watch zu ihrem nächsten Einsatz im Mittelmeer aufgebrochen, ausgehend von der italienischen Stadt Messina. Aktuell ist es das einzige Rettungsschiff vor Ort. Die iz3w sprach mit Lena V., die bei den letzten beiden Einsätzen zwischen Weihnachten 2019 und März 2020 dabei war.

 

iz3w: Wie laufen eure Einsätze konkret ab?

Lena V.: Unsere Crew auf der Sea-Watch 3 besteht aus 22 Personen, darunter Kapitän*in, Offizier*innen, drei Maschinist*innen, medizinisches Team, Elektriker*in, Köchin, Schlauchbootfahrer*innen, Cultural-Mediaton und Guest-Coordination. Die meisten von uns arbeiten ehrenamtlich, es gibt einzelne Aufgaben, die professionell sein müssen und bezahlt werden.

Wir treffen uns auf dem Schiff, bereiten es auf drei bis vier Wochen auf See vor und beginnen mit unseren Trainings. Wir trainieren für die Sicherheit auf See und speziell für die Einsätze, wie etwa Schlauchboottraining. Außerdem erhalten wir ein psychologisches Briefing. Dann stechen wir in See. Es dauert etwa zwei bis vier Tage, bis wir unser Einsatzgebiet vor der libyschen Küste erreicht haben. Wir patrouillieren aktiv außerhalb der 24-Seemeilenzone vor der Küste. Das heißt, wir suchen nach Booten und warten auch, ob uns Notfälle gemeldet werden.

Dazu muss gesagt werden, dass die Situation viel schwieriger geworden ist. Früher haben die Behörden mehr mit uns zusammengearbeitet. So hat uns beispielsweise das Rettungskoordinationszentrum in Rom mitgeteilt, wenn sie von Seenotfällen erfahren haben. Aber jetzt gibt das Zentrum direkt der libyschen Küstenwache Bescheid, was unserer Ansicht nach illegal ist.

Diese Entwicklung war absehbar, da Europa keine Verantwortung für die Geflüchteten übernimmt und Italien, Spanien und Malta alleine gelassen werden. Der Regierungswechsel 2018 in Italien war aber ausschlaggebend dafür, dass es in der Politik einen Wechsel vom Wegschauen zu aktivem Verhindern der Rettung von Geflüchteten gab. Wir sind jetzt ziemlich auf uns allein gestellt, erhalten aber noch Informationen von der Alarm-Phone-Initiative oder privaten Schiffen.

 

Was passiert, wenn ihr auf Menschen in Seenot trefft?

Der kritische Punkt ist der Erstkontakt. Viele Menschen auf den Schlauchbooten können nicht schwimmen und tragen keine Schwimmwesten. Wenn dann Panik ausbricht, droht das Boot zu kentern. Daher muss man einen sehr ruhigen Ansatz haben und zuerst Schwimmwesten verteilen. Danach werden die Leute an Bord gebracht.

Unser Schiff ist nicht darauf ausgelegt, Menschen lange an Bord zu haben, sondern auf eine Notfallrettung. Früher konnten wir die Geretteten beispielsweise an die italienische Küstenwache übergeben und so im Einsatzgebiet bleiben. Das ist jetzt nicht mehr der Fall: Wir müssen auf einen sicheren Hafen warten und da beginnt das politische Ringen, wer die Menschen aufnimmt. Das kann Tage bis Wochen dauern. Solange sind wir blockiert und können nicht mehr Leute retten.

 

Warum ist es so schwierig, einen sicheren Hafen zu finden?

Nach internationalem Seerecht müssen Menschen, die in Seenot sind, gerettet werden. Und das sind Geflüchtete auf diesen Booten immer. Nach Rechtslage müssen sie in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden. Aus unserer Sicht kann das nicht Libyen sein, wo viele Geflüchtete gerade Folter und ähnlichem entkommen sind. Daher liegt der nächste sichere Hafen fast immer auf Malta oder Italien. Unsere Aufgabe ist es daher nach internationalem Seerecht, die Menschen dorthin zu bringen.

Mit dem politischen Ringen, das dann häufig losgeht, haben wir eigentlich nichts zu tun. Wir kommen unserer Pflicht als Seefahrende nach, Menschen zu retten. Danach sollten sich eigentlich staatliche Institutionen um sie kümmern. Weil das aber nicht passiert und uns immer wieder die Anlandung verweigert wird, fragen wir mittlerweile bei mehreren Häfen an.

 

Hat es jemals funktioniert, dass ihr euch nach dem Seerecht richten und den nächsten sicheren Hafen anfahren konntet?

Es ist nie unproblematisch gelaufen, nur früher lief das Ganze koordinierter ab. So haben beispielsweise die verschiedenen Küstenwachen zwar weniger aktiv Boote gesucht, aber wenn sie auf welche getroffen sind durchaus auch diese Menschen gerettet, beziehungsweise uns Gerettete abgenommen. Schon vor dem italienischen Regierungswechsel hieß es dann, dass wir die Geretteten selbst nach Italien bringen sollen. Das führte dazu, dass wir vier Tage weniger im Einsatzgebiet waren. Und Stück für Stück wurde die zivile Seenotrettung immer mehr kriminalisiert.

 

Habt ihr im Blick, wie es für die Geretteten weitergeht, nachdem ihr sie an Land gebracht habt?

Natürlich ist es nicht damit getan, Menschen irgendwo hinzubringen. Es gib viele Engagierte und Organisationen in Italien, die sich dann um die Geflüchteten kümmern. Wir arbeiten zusammen, aber der Fokus von Sea-Watch ist dabei die Seenotrettung.

Mir ist persönlich klar geworden, dass ich nicht so sehr danach schauen kann, was mit den Menschen passiert, nachdem sie einen Hafen erreicht haben. Das übersteigt meine emotionalen Kapazitäten. So ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Frauen in Italien in der Prostitution landen oder unter sklavenähnlichen Bedingungen in der Ernte arbeiten (siehe iz3w 378). Ich versuche mich damit nicht zu sehr zu beschäftigen, weil ich auf dem Schiff einen gewissen Optimismus verbreiten muss, um die Menschen sicher in den nächsten Hafen zu bringen.

 

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie eure Arbeit?

Ende Februar sind wir mit 194 Menschen an Bord Richtung Italien gefahren und nach acht Tagen haben wir in Messina einen sicheren Hafen gefunden. Das war etwa zeitgleich mit dem ersten Corona-Ausbruch in Norditalien. Genau wie das Schiff von Ärzte ohne Grenzen musste auch unser Schiff in Quarantäne. Dabei waren wir alle untersucht worden und der behandelnde Arzt hatte keine Verdachtsfälle ausgemacht. Diese Quarantäne ist besonders frustrierend, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit noch Fähren nach Marokko fuhren und – bis auf Kreuzfahrtschiffe mit bestätigten Fällen – ansonsten keine Schiffe in Quarantäne mussten.

Wegen der Quarantäne lag die Sea-Watch 3 dann zwei Wochen vor Messina und in dieser Zeit verschärfte sich der Corona-Ausbruch in Italien. Deshalb war es dann schwierig, einen Crew-Wechsel zu machen. Ab da war das Schiff wegen der Corona-Lage nicht mehr einsatzfähig.

Wir haben lange überlegt, wie wir die Seenotrettung trotz Corona aufrechterhalten können, weil ja weiter Menschen auf dem Mittelmeer unterwegs und in Lebensgefahr sind. Mittlerweile haben wir ein Konzept erstellt. Die Crew, die jetzt im Einsatz ist, war davor zwei Wochen in Quarantäne und wurde auf Corona getestet. Natürlich ist Schutzausrüstung an Bord. Wir wollen auf jeden Fall sicherstellen, dass die Crew nicht die Geflüchteten ansteckt, zumal diese häufig in einem schlechten körperlichen Zustand sind.

 

Wie wirkt sich Corona auf den politischen Umgang mit Seenotrettung aus?

Es ist offen, was passiert, sobald die Sea-Watch 3 wieder Gerettete an Bord hat. Italien hat angekündigt, keine Geflüchteten aufzunehmen, und dies auch mit der Corona-Pandemie begründet. Ähnliches gilt für die Verteilung der Geflüchteten in Europa. Das konnte man schon bei der Debatte um das Evakuieren von Menschen aus dem Lager Moria auf Lesbos sehen. Staaten nehmen die Corona-Krise zum Vorwand, um Geflüchtete nicht aufzunehmen. Der Umgang mit der Situation war schon vorher katastrophal. Aber durch Corona hat man jetzt ein zusätzliches Mittel in der Hand, um das zu rechtfertigen.

 

Wie sieht es mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Situation von Geflüchteten aus?

Corona hat alles überlagert, das gilt nicht nur für die Seenotrettung. Corona betrifft besonders die Ärmsten und Menschen in den Lagern. Zu Beginn der Krise gab es öffentlichen Druck, gerade was die Evakuierung von Moria anging, aber es ist nichts passiert. Darüber, wie sich Corona in ärmeren Staaten wie beispielsweise Libyen auswirkt, wird zudem überhaupt nicht gesprochen.

Was mich auch vor Corona gestört hat, ist die Tatsache, dass die Seenotrettung vor allem dann im Fokus ist, wenn es um die Rettenden geht. Nachdem Carola Rackete 2019 ohne Genehmigung in Lampedusa angelegt hat, gab es viel Solidarität aus der Zivilgesellschaft. Das ist richtig und wichtig. Aber der Fokus sollte auf den Betroffenen liegen. Auch dieses Interview hier wird mit mir und nicht mit einer betroffenen Person geführt.

Ich finde es schwierig, wenn Seenotrettung und ähnliches als Heldentum dargestellt wird. Es ist unsere Verantwortung, uns für Geflüchtete einzusetzen, etwa weil unser Reichtum auf der Ausbeutung anderer Menschen und Länder beruht. Solange die Staaten sich ihrer Verantwortung verweigern, liegt es an der Zivilgesellschaft, das Thema nicht ruhen zu lassen.

 

Lena V. lebt in Freiburg und ist regelmäßig als Guest-Coordination auf der Sea-Watch 3 im Einsatz. Dort kümmert sie sich um die Logistik für die Geretteten (Guests) an Bord. Das Interview führte Larissa Schober (iz3w).

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