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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt Liebe zur Gewalt - Warum Faschismus und Terror unzertrennlich sind

Liebe zur Gewalt - Warum Faschismus und Terror unzertrennlich sind

Faschismustheorien unterscheiden sich in ihren Definitionen von Faschismus und setzen differierende Akzente bei der Ursachenforschung. In einem sind sie sich jedoch einig: Die Nähe zu Gewalt ist ein Grundmerkmal aller faschistischer Bewegungen. Welche Ausprägungen nimmt deren Terror heute an?

 

von Mathias Wörsching

Ideologien menschlicher Ungleichheit und Ungleichwertigkeit wie Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Antisemitismus gehören zum Wesenskern des Faschismus.1 Für linke Gesellschaftskritik ist klar, dass solche menschenfeindlichen Ideologien tödliche Konsequenzen haben, dass Sexismus und Frauenverachtung ebenso zum Femizid führen können wie Rassismus und Antisemitismus zu Pogrom und Terror.

In einer Gesellschaft, die insgesamt von Ungleichheit, Unfreiheit, Konkurrenz und Ausgrenzung geprägt ist, mag der faschistische Terror nur als Spitze eines Eisbergs permanenter Gewalt erscheinen – einschließlich verbaler und psychischer sowie insbesondere institutioneller und struktureller Gewalt. Damit ist für linke Gesellschaftskritik eigentlich weniger der faschistische Terror an sich erklärungsbedürftig als vielmehr das stets erneute, jedes Mal ratlose Entsetzen einer liberalen Öffentlichkeit nach dem jeweils letzten faschistischen Mordanschlag.

 

Die faschistischen Krieger…

Bürger*innen werden dann faschistisch, wenn sie aus den ohnehin gewaltsamen Verhältnissen des modernen Kapitalismus die »Gewaltkonsequenz« ziehen, wie der marxistische Faschismusforscher Reinhard Opitz es nannte. Faschistische Subjekte vertreten also eine besonders radikale und aggressive Variante der Ungleichwertigkeitsideologien; sie fordern lautstark die Anwendung von Gewalt (auch Staatsgewalt) im Sinne dieser Ideologien – oder sie schreiten gleich selbst zum Terrorakt.

Woher kommt die besondere Aggressivität des Faschismus? Opitz formulierte, Faschisten seien Menschen »in Rebellion gegen die richtig als ungerecht empfundenen Verhältnisse, aber den Kopf vollgefüllt mit der Ideologie der Herrschenden«. Er beschrieb die faschistische Bewegung als von unten aufsteigendes autoritäres Protestpotenzial – wütende, enttäuschte Anhänger*innen nationalistischer, rassistischer und imperialistischer Ideologie, die deren konsequente, gewalttätige Umsetzung einfordern. Solche Leute sind laut Opitz massenhaft vorhanden, weil diese Ideologie fortwährend »von oben« mit hohem Aufwand in der Bevölkerung verbreitet wird, während die gesellschaftlichen Verhältnisse besonders in Krisenzeiten viele Menschen in Wut und Verzweiflung treiben.

Laut Opitz radikalisieren die Anhänger*innen des Faschismus die herrschende Ideologie und verlangen nach hartem Durchgreifen gegen innere und äußere Feinde: »Das Kennzeichen dieser Mentalität besteht, auf einen Satz gebracht, darin, daß sie aus dem imperialistischen Feindbild die Gewaltkonsequenz zieht und nach deren praktischer Einlösung verlangt.«2 Für Opitz wie für viele andere marxistische Denker*innen muss die faschistische Ideologie den Menschen also erst »von oben« durch Propaganda und Manipulation eingepflanzt werden; sie bleibt den Subjekten im Grunde äußerlich.

Hingegen kamen die sowohl psychoanalytisch als auch marxistisch inspirierten Theorien von Wilhelm Reich3, Erich Fromm4 und Theodor W. Adorno5 ebenso wie die marxistische »Kritische Psychologie« zu folgender Erkenntnis: Autoritarismus und Ungleichwertigkeitsideologien samt der mit ihnen verbundenen Aggression sind tief in der Persönlichkeitsstruktur der Einzelmenschen verankert und werden von ihnen selbst immer wieder neu hervorgebracht. Besonders wichtig zum Verständnis des faschistischen Terrors ist die von Klaus Theweleit analysierte Persönlichkeitsstruktur der »soldatischen Männlichkeit« (siehe auch Seite 34). Den Männern dieser Art ist blutiger, öffentlich ausgestellter Terror gegen Andersdenkende und Minderheiten ein zwingendes, geradezu körperliches Bedürfnis.6

Auf einen anderen Aspekt faschistischer Mentalität wiesen der Politologe Zeev Sternhell7 sowie lange vorher und auf andere Weise der marxistische Philosoph Ernst Bloch8 hin: Ein Element früher faschistischer Bewegungen war die Rebellion junger, meist bürgerlicher und kleinbürgerlicher Männer gegen die industrielle Massengesellschaft des modernen Kapitalismus. Die westlich-moderne Welt erschien diesen Jungmännern zu kalt und gefühllos; das bürgerliche Leben war ihnen zu berechenbar, einförmig, engstirnig und langweilig. Sie verwarfen dieses Leben radikal zugunsten einer »Liebe zu Heldentum und Gewalt«, so Sternhell. Typisch dafür ist eine Äußerung des französischen Faschisten Georges Valois: Das Schwert zu ziehen, sei die Antwort auf Schweinezüchter, Finanziers und Ölhändler, die sich für die Herren der Welt halten und sie nach dem Gesetz des Geldes beugen wollen. Diese antibürgerliche, kriegerische und heroische Attitüde trug wesentlich zu einem zentralen Teil faschistischer Praxis bei: dem kriegerischen Männerbund oder männlichen Kampfbund.

 

… und die faschistischen Kampfbünde

Männliche Kampfbünde entstehen zwangsläufig, wenn sich »soldatische Männer« zum Terror gegen Andersdenkende und Minderheiten zusammenfinden. Abhängig von den jeweiligen politischen Gegebenheiten und Kräfteverhältnissen mögen diese Kampfbünde paramilitärisch-milizartige oder regulär-militärische Formen annehmen; sie können als klandestine Terrorzellen und -netzwerke agieren oder auch als wenig organisierte Schlägertrupps auf der Straße.

Die nach dem Ersten Weltkrieg in Italien gegründeten ultranationalistischen, antidemokratischen und antimarxistischen »fasci di combattimento« (Kampfbünde) gaben dem Faschismus seinen Namen. Das Personal der »fasci« und der späteren nazistischen »Sturmabteilungen« (SA) in Deutschland, aber auch anderen rechtsextremen Paramilitärs im damaligen Europa ähnelte sich. Hoch war der Anteil ehemaliger Frontsoldaten, unter ihnen nicht wenige Elitekämpfer und Offiziere. Daneben gab es viele Männer, die auf den Fronteinsatz gebrannt hatten, jedoch zu jung für ihn gewesen waren und das Kriegserlebnis dann in den Kampfbünden gewissermaßen nachholten.9

Die Nähe zwischen den staatlichen Gewaltorganisationen Militär und Polizei einerseits und den faschistischen Kampfbünden andererseits zieht sich durch die gesamte Geschichte des Faschismus. Soldatisch und autoritär geprägte Männer aus den Staatsapparaten drängen zum Faschismus; faschistische Männer drängen in Militär und Polizei, besonders in diejenigen Bereiche, die Kampfpraxis und elitären Charakter zu bieten haben.10 Die Nähe zum Staatsapparat ermöglicht den Faschisten oftmals Zugang zum Fachwissen über organisierte Gewalt, zu Waffen und Waffentraining. So wird das mörderische Potenzial des faschistischen Terrors vervielfacht. Aber auch ohne direkte Verbindung zum Staatsapparat und professionelles Training sind viele Faschisten als »soldatische Männer« begeistert, ja besessen von Waffen.

Die faschistische Revolte gibt sich nicht zufrieden mit reaktionär-konservativen Reparaturvorschlägen für die herrschende Ordnung, sondern strebt mit oft terroristischen Mitteln die faschistische Wieder- oder Neugeburt einer Gemeinschaft an. Im Mythos von Wieder- oder Neugeburt erkannte der Faschismusforscher Roger Griffin ein zentrales ideologisches Element des faschistischen Ultranationalismus.11 Welche neue Art von Gemeinschaft schwebt faschistischen Subjekten vor? Hier kommen wieder die Kampfbünde ins Spiel. Nach dem Soziologen und Historiker Michael Mann12 ist es der Paramilitarismus der Faschisten, der ihr Gesellschaftsideal vorwegnimmt: eine straff hierarchische und gleichwohl von Kameradschaft und Leistungsprinzip geprägte Gemeinschaft, in der Führer und Geführte, Herrschende und Beherrschte eine kämpfende Einheit gegen Feinde und Fremde bilden. Zur Verwirklichung dieser militaristisch-totalitären Vorstellung von Gemeinschaft müssen die – aus Sicht des Faschismus – bedrohlichen und störenden inneren wie äußeren Feinde bekämpft werden. Die »Lehre von den Gegnern«13, also davon, welche Gruppen und Mächte zu bekämpfen sind, macht einen großen Teil jeder faschistischen Ideologie und Propaganda aus. Typisch für den Faschismus ist hierbei, sich nicht mit dem Zurückdrängen der Feinde zu begnügen, sondern deren vollständige, endgültige Vernichtung anzustreben.

Der Faschismus rechtfertigt seinen Terror, der meist Schwächere und Wehrlose trifft, mit immer ähnlichen Erzählungen: Die brutale Gewalt sei nur Selbstverteidigung gegen eine feindliche Übermacht, ja sie sei eine Rettungsmaßnahme für die eigene Gruppe, die sonst bald unvermeidlich untergehen würde. Derlei Erzählungen haben eine hochgradig mobilisierende Wirkung; zweifellos werden sie von den meisten faschistischen Subjekten wirklich geglaubt. Die extreme Destruktivität des rechten Terrors speist sich auch aus diesem Glauben.

Dabei wird die Gemeinschaft, die es aus faschistischer Sicht gewaltsam zu retten gilt, häufig als lebender Körper vorgestellt, der von eindringenden Gefährdern und Parasiten, Krankheitsbefall oder Ähnlichem befreit und gereinigt werden muss. Die entsprechenden Sprachbilder haben dann oft mit dem Ausbrennen und Herausschneiden infizierter Körperteile oder ähnlich gewaltsamen Operationen zu tun.14 Die Vermutung liegt nahe, dass diese Rhetorik eigentlich von der Angst des faschistischen Individuums zeugt, sein eigener Körper würde von außen wie innen durch feindliche Mächte bedroht.

Heutige »weiße« faschistische Bewegungen in Europa, Russland, Nord- und Südamerika, Südafrika, Australien und Neuseeland wollen zurück zu souveränen Staaten und Wirtschaftsräumen mit scharf gezogenen, undurchlässigen Grenzen. Vor allem jedoch kämpfen sie für Gemeinschaften, die im rassistischen Sinn ethnisch-kulturell rein sind.

 

Neofaschistischer Terror

Ein zeitgemäßes faschistisches Kampfbund-Wesen entsteht vielleicht bereits. Seine Konturen zeigen sich heute bei selbstermächtigten »Bürgerwehren« und anderen Pogromhelden15, die illegalisierte Migrant*innen sowie deren Unterstützer*innen terrorisieren. Solche Kampfbünde entdecken die ohnehin militarisierten Grenzen zwischen reichen und armen Weltgegenden zunehmend als Einsatzgebiet für sich und machen dort Jagd auf Zuwanderer*innen, etwa im Süden der USA, auf dem Balkan oder im Mittelmeer.

Aktuell schockiert noch eine weitere Sorte neofaschistischen Terrors: Dessen Täter*innen operieren nicht im Kampfbund, sondern als Kleinstgruppen oder »einsame Wölfe«, die jedoch Teil eines »digitalen Rudels«16 sind. In diese Kategorie gehören zum Beispiel die Morde des NSU (2000-2006), des Breivik (Norwegen, 2011) und des Tarrant (Neuseeland, 2019), außerdem die Anschläge und Amokläufe von München, Halle und Hanau (2016, 2019, 2020). Der rassistisch, oft auch verschwörungsideologisch und antisemitisch motivierte Terror dieser Sorte will keinen realpolitischen Einfluss im nationalstaatlichen Rahmen ausüben, sondern mediale Zeichen an seine internationale Fangemeinde senden. Häufig wird dabei das Ziel verfolgt, ein apokalyptisches Szenario von Systemzusammenbruch, Bürger- und »Rassen«krieg auszulösen oder zu beschleunigen.

Zu Opfern dieses Terrors werden nicht-»weiße« und jüdische Menschen, aber auch wirkliche oder vermeintliche Vertreter*innen liberaler Eliten. Die Rechtsterroristen geben diesen Eliten die Schuld an ethnischer und kultureller Vermischung, Massenzuwanderung sowie allgemein an der von Rechten beklagten Verweichlichung und Dekadenz der »weißen Völker« und insbesondere des »weißen Mannes«.

Ein politischer Erfolg des neofaschistischen Terrors ist unwahrscheinlich. Die wirtschaftliche Globalisierung – und mit ihr die von den Rechten beklagte weltweite Hybridisierung und Vereinheitlichung von Kulturen – würde sich nur sehr schwer zurückzwingen lassen. Die Gesellschaften des globalen Nordens und Westens werden weiterhin ethnisch-kulturell vielfältiger werden, dafür sorgt schon die großstädtische Bevölkerungsentwicklung. Diese Gesellschaften beginnen allmählich, ihren bisher hegemonialen »weißen« Charakter zu verlieren. Und auf internationaler Ebene verlieren sie an Vorherrschaft gegenüber der kommenden Supermacht China.

Genau diese Entwicklungen nehmen auch die Rassist*innen aller Couleur wahr, und sie sind davon alarmiert und mobilisiert. Ganz besonders gilt dies für die aggressivsten Strömungen dieses Spektrums – also die neofaschistischen und damit tendenziell terroristischen. Dass sein Kampf vermutlich aussichtslos ist, wird den faschistischen Terror aller historischen Erfahrung nach nicht zum Aufgeben bewegen, sondern seine Brutalität noch steigern.

Welche Entfaltungsmöglichkeiten der faschistische Terror bekommt, darüber hat in der Geschichte immer maßgeblich das Verhalten der Herrschaftsgruppen in Staatsapparat und Wirtschaft entschieden. In diesem Punkt sind sich die meisten Faschismusforscher*innen einig. Werden die heutigen Eliten des Kapitalismus Distanz zum Faschismus halten, ihn vielleicht sogar wirksam bekämpfen? Werden sie die faschistische Gefahr tolerieren, weil ihr Augenmerk auf ganz anderen Gefahren für sie selber liegt? Oder werden sie im eigenen Profit- und Machtinteresse mit dem Faschismus paktieren, wie es in besonders krasser Form in Italien 1922 – 1943 und in Deutschland 1933 – 1945 schon einmal geschah?

 

Anmerkungen

1    Drei hilfreiche Faschismusdefinitionen sind hier nachzulesen: https://faschismustheorie.de/wp-content/uploads/2013/01/17-10-18-Faschismusdefinitionen_Handout_MW.pdf

2    Reinhard Opitz: Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus. In: Das Argument, H. 7-9, 1974, S. 543-603, 591ff.

3    Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus (1933)

4    Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (1941)

5    Theodor W. Adorno u.a.: Studien zum autoritären Charakter (1950)

6    Klaus Theweleit: Männerphantasien (1977/78); Das Lachen der Täter (2015)

7    Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie. Eine Einführung (Berlin 2002, zuerst 1976). Eine Neuübersetzung von Volkmar Wölk erschien 2019 im Berliner Verbrecher Verlag.

8    Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit (1935)

9    Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA (2002)

10  Heike Kleffner/Matthias Meisner: Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz (2019). Ein aktueller Überblick zur Situation bei Eliteeinheiten der Bundeswehr steht hier: https://bit.ly/2M7vfYA

11  Roger Griffin: The Nature of Fascism (London 1993)

12  Michael Mann: Der Faschismus und die Faschisten. In: Mittelweg 36, Feb./März 2007, 26-54

13  So der rechtsintellektuelle Antikommunist Ernst Nolte in: Einleitung: Vierzig Jahre Theorien über den Faschismus. In: Ders. (Hg.): Theorien über den Faschismus. Königstein/Ts. 1984, 15-72 (zuerst 1967), 16/17

14  Der Soziologe Andreas Kemper hat die faschistische Gewaltrhetorik am Beispiel des AfD-Spitzenpolitikers Björn Höcke analysiert. Siehe https://bit.ly/2TMClWz

15  »Pogromhelden« hießen bei Lenin die Mitglieder antisemitischer, monarchistischer, ultranationalistischer, christlich-fundamentalistischer Kampfbünde in Russland um 1900 (»Schwarzhunderter«).

16  Yassin Musharbash/Holger Stark: Der einsame Wolf und sein digitales Rudel (DIE ZEIT, 23.3.2019, https://bit.ly/3dm9wI4)

 

Mathias Wörsching ist Historiker und Politologe aus Berlin. Er betreibt die Internetseite faschismustheorie.de. Jüngst erschien sein Buch »Faschismustheorien. Überblick und Einführung« in der Reihe theorie.org beim Schmetterling Verlag (Stuttgart 2020).

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