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»Science-Fiction gewinnt in China an Einfluss«

Interview mit dem chinesischen Autor Cixin Liu. Zu den hellsten Sternen am aktuellen Firmament der Science-Fiction zählt der 1963 in Beijing geborene Cixin Liu. Seine Romane sind einerseits Hard-SF, denn der ehemalige Computertechniker beschreibt immer wieder (astro-)physikalische Theorien auf verständliche Weise. Zugleich packt er philosophische und gesellschaftspolitische Fragestellungen in spannende Geschichten.

 

iz3w: Sie sind Techniker, und ihre Bücher sind gespickt mit astrophysikalischen Theorien. Aber ist Science-Fiction für Sie auch ein politisches Genre?

Cixin Liu: Falls »politisches Genre« bedeuten soll, Politik in einem realen Sinne darzustellen, dann nein. Ich fände das im Vergleich zu den weit ausgedehnten Universen in SF-Romanen sehr eingeschränkt und langweilig.

 

Wie sind Sie selbst zu einem Science-Fiction Fan und später Schriftsteller geworden?

Es gibt mehrere Faktoren, die mich zu einem begeisterten Anhänger des Genres gemacht haben. Dazu gehören die Neugierde in Bezug auf den Kosmos und die Natur sowie der Wunsch, dem trockenen Alltag zu entfliehen und in einem weit ausgedehnten Raum zu leben. Ein weiterer Grund sind auch die SF-Romane, die ich bereits in jungen Jahren gelesen habe. Ich bin zur Zeit der Kulturrevolution geboren. Damals war es schwierig, einen SF-Roman zu bekommen. Doch trotz der äußerst knappen Lektüre haben mich diese Bücher zu einem Fan gemacht.

 

Science-Fiction ist in China in den letzten Jahren sehr populär geworden. Was sind die Ursachen dafür?

Der wichtigste Grund ist, dass sich China in einer neuen Ära befindet. Das Land ist in einem Prozess der raschen Modernisierung, dergestalt, dass es sich Tag für Tag verändert. Und in einem solchen Land wirkt die Zukunft äußerst anziehend. Das ist der Nährboden, auf dem das Genre gedeihen kann, ähnlich wie in der goldenen Epoche der SF im Amerika des 20. Jahrhunderts.

Früher fanden SF-Romane in China wenig Leser*innen, heute verkaufen sie sich sehr gut und gewinnen großen Einfluss. Mittlerweile haben chinesische Schriftsteller*innen bereits zwei Jahre in Folge den Hugo-Award erhalten (2015 Cixin Liu, 2016 Hao Jingfang, Anm. d. Red.). Der SF-Film »Die wandernde Erde« (2019), der auf einer meiner Kurzgeschichten basiert, ist im Hinblick auf die Kassenverkäufe der zweiterfolgreichste Film in der chinesischen Filmgeschichte.

 

Gibt es »chinesische« Science-Fiction?

Science-Fiction ist von außen nach China gekommen. Es ist schwer, in der traditionellen chinesischen Kultur Elemente davon zu finden. Daher kann man nicht von einer »chinesischen« SF im engeren Sinne sprechen. Natürlich gibt es SF-Romane, die die chinesische Geschichte und Kultur als Hintergrund haben, aber der Grundcharakter dieser Romane ist kein chinesischer. Ihnen liegt eher eine moderne, zukunftsorientierte Denkweise zugrunde.

Chinesische SF-Romane weisen viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zu denen anderer Regionen der Welt auf. Der größte Unterschied besteht möglicherweise in den Motiven: Chinesische SF beschäftigt sich großteils mit der menschlichen Entwicklung im Universum und den Wundern, die die Technologie der Zukunft bringen kann. Im Westen, vor allem in moderner amerikanischer SF, liegt der Fokus mehr auf rassistischer und geschlechtlicher Diskriminierung und auf der Entfremdung der Menschen durch Technologie. Obwohl sich auch in China viele SF-Romane mit solchen Themen befassen, finden sie weniger Leser*innen.

 

Ein zentrales Thema in Ihrem Buch »Die drei Sonnen« ist die Begegnung mit dem »Anderen«. Welche historischen Ereignisse liegen Ihren Beschreibungen zugrunde?

In »Die drei Sonnen« gibt es keine historischen Vorbilder. Ich versuche, Dinge zu beschreiben, die die Menschheit noch nie erlebt hat. Der Ansatz, in meinen Büchern Verbindungen zur Geschichte herzustellen, wie zum Beispiel zum westlichen Kolonialismus, entspricht nicht meiner Motivation. Ich habe kein Interesse daran, Science-Fiction zu nutzen, um metaphorisch die Geschichte oder die Realität darzustellen.

 

In »Die drei Sonnen« werfen Sie einen sehr kritischen Blick auf die Kulturrevolution. Ist ein offener Umgang damit in China möglich?

Tatsächlich wird im heutigen China eine eher kritische Haltung gegenüber der Kulturrevolution eingenommen. Dennoch kann man nicht offen darüber sprechen, da es sich immer noch um ein sensibles Thema handelt. Die Stellen über die Kulturrevolution haben im Vergleich zum SF-Teil keine großen Reaktionen hervorgerufen.

Dabei geht es nicht einmal darum, dass das Thema so heikel wäre, sondern dass es im heutigen China schon fast vergessen ist. Obwohl sicher die Hälfte der damaligen Zeitgenoss*innen noch lebt, verspüren die Leute wenig Lust, diese Zeit von neuem aufleben zu lassen und sich daran zurückzuerinnern. Vor allem junge Menschen, die diesen Abschnitt der Geschichte nicht miterlebt haben, zeigen kein Interesse daran.

 

In einem Interview sagten Sie, dass das SF-Genre bald aussterben würde. Wie war diese Prognose gemeint?

Ich habe nie behauptet, dass das Genre aussterben würde, lediglich, dass es im Niedergang begriffen ist. Das ist auch die Ansicht vieler Autor*innen und Literatur-Kritiker*innen. Science-Fiction-Romane basieren auf dem Gefühl des Mystischen sowie einem gewissen Befremden gegenüber Wissenschaft und Technologie. Heutzutage hat die Technik jeden Bereich unseres Lebens erfasst. Sie hat ihre Mystik verloren, was wiederum ein Rückschlag für SF ist.

SF-Autor*innen haben immer versucht, dem Genre Wege zur Weiterentwicklung zu bereiten, wie in der »New Wave«-Bewegung des letzten Jahrhunderts – leider ohne Erfolg. Dennoch denke ich, dass SF-Romane und -Filme, zumindest in China, noch lange existieren und an Popularität und Innovationskraft gewinnen werden.

 

Ein Klassiker der SF-Literatur ist George Orwells »1984«. Liest man die Nachrichten aus China, gewinnt man den Eindruck, dass Orwells Dystopie mit dem »System der sozialen Vertrauenswürdigkeit« bereits umgesetzt wird. Wie ist Ihre Einschätzung?

Das denke ich nicht. Die Welt, wie sie in »1984« beschrieben wird, könnte unmöglich in der kurzen Zeitspanne von 30 Jahren ein Viertel der Menschheit aus Armut und Hungersnöten herausholen und bescheidenen Wohlstand erreichen lassen. In »1984« wäre es unmöglich, dass jedes Jahr mehr als 100 Millionen Menschen um die ganze Welt reisen. Und es gäbe niemals ein fortschrittliches, mobiles Internet, das Einzug in jeden Lebensbereich gehalten hat (abgesehen von den »Teleschirmen« im Roman).

Zudem kann die öffentliche Meinung im Netz starken und sogar entscheidenden Einfluss auf wichtige staatliche Ereignisse nehmen. Die Stimmen stammen aus verschiedenen sozialen Schichten: von Paketlieferant*innen, Müllsammler*innen oder Standbetreiber*innen. Vor 30 Jahren konnten sich diese Menschen nur schwer Gehör verschaffen. China verzeichnet in allen Bereichen rasante Fortschritte. Es entfernt sich von einem »1984«, statt sich ihm zu nähern. Dies kann man jedoch nur wahrnehmen, wenn man lange Zeit in China lebt.

 

Ihre Fans sind begeistert von den großen Zeitabschnitten, die Sie in den Blick nehmen. Was ist das Reizvolle daran, Gesellschaften in der fernen Zukunft zu entwerfen?

Der Charme liegt in der Unerschöpflichkeit der Möglichkeiten und ihrer Unerreichbarkeit für uns. Wir stellen uns vor, was für ein wundersames Leben die Menschen der Zukunft wohl führen, welch weit entfernten Räume sie erreichen und welche ausgedehnten Zeiträume sie dann durchqueren könnten. Die Krux dabei: Keinem der Autor*innen oder Leser*innen ist es möglich, dies selbst zu erleben. Wenn das, was in SF-Romanen dargestellt wird, unsere Realität werden würde, wäre das Genre sehr schnell langweilig.

Unsere heutige Gesellschaft entspricht in Bezug auf die Informationstechnologie in gewisser Weise der Welt der SF-Romane des letzten Jahrhunderts. Aber niemand findet es wundersam. Daher ist die Unerreichbarkeit der fernen Zukunft ein wichtiger Grund für ihre große Anziehungskraft.

 

In einem weiteren Interview gaben Sie eine pessimistische Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie sprachen von einer »inward looking civilization«. Was haben Sie damit gemeint?

Es könnte sein, dass die stetig und rapide fortschreitende Entwicklung der Nachrichtentechnologie einen komfortablen, virtuellen Raum für uns schafft, der im Vergleich zum realen Leben eine höhere Anziehungskraft ausübt. Tatsächlich hat sich der Trend, das Virtuelle und Reale schwer unterscheiden zu können, schon eingestellt. Deswegen könnte es passieren, dass die Menschheit ihren Drang verliert, die Erde und den Kosmos weiter zu erforschen.

Das ist jedoch nur eine der zahlreichen Möglichkeiten, wie sich die Zukunft entwickeln könnte. Es existieren gleichzeitig auch bessere Aussichten. Welche davon einmal Realität werden, wissen wir nicht und können es nicht einmal absehen.

 

Das Interview führte Katrin Dietrich (iz3w). Übersetzung aus dem Chinesischen von Bernhard Koch (Konfuzius Institut Freiburg).

 

 

Die Universen des Cixin Liu

Zu den hellsten Sternen am aktuellen Firmament der Science-Fiction zählt der 1963 in Beijing geborene Cixin Liu. Seine Romane sind einerseits Hard-SF, denn der ehemalige Computertechniker beschreibt immer wieder (astro-)physikalische Theorien auf verständliche Weise. Zugleich packt er philosophische und gesellschaftspolitische Fragestellungen in spannende Geschichten. Sein international bedeutendstes Werk ist die »Trisolaris-Trilogie«, deren Handlung in der chinesischen Kulturrevolution beginnt und sich über mehrere Jahrhunderte Erdenzeit erstreckt, um im letzten Band die Grenzen von Raum und Zeit zu überschreiten. Eine Pflichtlektüre für alle Fans von intelligenter Science-Fiction!

Cixin Lius Werke wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland sind seine Bücher im Heyne Verlag erschienen.

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