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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 380 | Science-Fiction Was wäre, wenn es kein Geschlecht gäbe?

Was wäre, wenn es kein Geschlecht gäbe?

Anfang der 1970er Jahre forderte eine erste Welle feministischer Science-Fiction das prototypische männliche SF-Narrativ heraus. Aktuell erleben wir eine Wiederbelebung des Genres, in der auch ältere dystopische Entwürfe neu gelesen werden. Feministische Autorinnen damals wie heute sehen soziale Bewegungen als Inspirationsquelle für ihre Werke. Damit ermutigen sie gleichzeitig Aktivist*innen und schaffen neue Möglichkeiten zur Weiterentwicklung von Theorie und Praxis.

von Alice Rombach

»Die Science-Fiction hat Monster und Raumschiffe; speculative fiction könnte hingegen tatsächlich passieren«, sagte Margaret Atwood, Altmeisterin der feministischen Science-Fiction (FSF) über ihr Genre. Auch andere Autorinnen dieser Gattung, wie Ursula K. Le Guin, Marge Piercy und Joanne Russ, sprechen lieber von Spekulativer Fiktion. Damit grenzen sie sich zum einen von hegemonialen Narrativen ab, die einen männlichen weißen Helden ins Zentrum ihrer Geschichten stellen. Zum anderen von realen politischen Utopien, die von ihnen als statische Idealbilder empfunden werden – wie beispielsweise der Klassiker »Utopia« von Thomas Morus (1516) oder »Eiland« von Aldous Huxley (1962). Diese utopischen Werke beschreiben eine ideale Welt, in der jegliche Formen von Leid und Ungerechtigkeit nicht mehr existieren. Hier wird Utopia zum Nicht-Ort, also zu einer fernen Insel mit glücklichen Menschen und einem perfekten Staat als in sich abgeschlossene Alternative.

In der Science-Fiction gehe es laut der US-amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin darum, einen Raum für das Experimentieren mit Möglichkeiten zu öffnen: Also für »ein Spiel, dessen Regeln sich ständig ändern«, bei dem es nicht darum gehe, festgelegte oder gar bestmögliche Szenarien zu entwerfen. In den 1970er Jahren entwickelte sich im Kontext der fordistischen Krise und der 68er-Bewegung ein breit angelegtes Experimentieren mit der Auflösung von Geschlechtergrenzen, welches auch die FSF bewusst als Stilmittel einsetzte. Autorinnen nahmen in ihren Werken Selbstbilder, gesellschaftliche Strukturen und Rollenmodelle in den Blick. Dadurch erprobten sie neue geschlechterpolitische und intersektionale Konzepte. Ursula K. Le Guin, Joanna Russ oder Marge Piercy, aber auch Octavia Butler als frühe afroamerikanische FSF-Stimme sowie queere Autor*innen wie Melissa Scott oder Larissa Lai inspirierten damit die Weiterentwicklung feministischer, queerer, Schwarzer, ökologischer sowie wachstumskritischer Bewegungs- und Theoriekontexte.

 

Dystopie als Warnung

In den Fokus der Aufmerksamkeit geriet in den letzten Jahren vor allem ein dystopisches feministisches Werk: Im Jahr 2195 werden in dem christlich fundamentalistischen Staat Gilead Frauen je nach Fruchtbarkeit als Hausfrauen, Gebärmaschinen oder Sklavinnen eingeteilt und Fortpflanzung wird durch rituelle Vergewaltigungsakte vollzogen. Margaret Atwoods Roman »The Handmaid’s Tale« (1985) war als Serie verfilmt worden und wurde überaus populär. Atwood hat nach Erscheinen des Buches erklärt, sie beschreibe darin nichts, was es nicht schon auf der Welt gegeben habe.

Atwoods Roman schildert extreme gesellschaftliche Rückschritte hin zu fundamentalistischen, antifeministischen und homophoben gesellschaftlichen Strukturen. Auffallend ist, dass dieses visionäre Werk gerade dann erinnert wird, wenn erkämpfte reproduktive Rechte von rechten Akteur*innen wieder in Frage gestellt werden. Einerseits sind öffentliche Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten diverser geworden und haben progressive Dynamiken erhalten: Debatten um #metoo, Gender Pay Gap und No-means-No-Kampagnen werden nun auch im Mainstream geführt. Auf struktureller Ebene gab es einige Änderungen: Seit dem 22. Dezember 2018 besteht beispielsweise in Deutschland die Möglichkeit, im Personenstandsregister die Angabe »divers« eintragen zu lassen. Im selben Jahr stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem grundlegend überarbeiteten Krankheitenkatalog Trans*-Personen nicht länger als Menschen mit »Störung der Geschlechtsidentität« ein und sogar in Irland wurden Abtreibungsrechte gesetzlich verankert. Andererseits ist ein starker Backlash und die Zunahme repressiver Diskurse zu beobachten. Befeuert von einer antifeministischen und homophoben Rhetorik auf der politischen Weltbühne und einem Wiedererstarken rechtspopulistischer Stimmen wurde eine gewaltvolle Sprache zunehmend normalisiert. Diese richtet sich explizit gegen all diejenigen, die patriarchale Privilegien kritisieren.

Die dystopische FSF entwirft ein extrem düsteres Zukunftsmodell und warnt damit vehement vor der vollen Entfaltung dieses geschlechterpolitischen Rollbacks. »Das Normale«, sagte Tante Lydia in Atwoods Werk vor mehr als dreißig Jahren, »ist das, was ihr gewohnt seid. Was ihr jetzt erlebt, mag euch vorläufig noch nicht normal vorkommen, aber nach einiger Zeit wird sich das ändern. Es wird das Normale werden.« Ein Zukunftsentwurf, in dem alle Errungenschaften der Frauenbewegung ausgelöscht worden sind, ist ambivalent: Die Dystopie der einen kann die Utopie der anderen sein. Denn was für manch radikalen Christen, Ultrarechten oder misogynen Menschen die Verwirklichung seiner Wunschvorstellung sein könnte, wäre für Frauen und Feminst*innen ein Albtraum. Es ist die erzählerische Perspektive, die entscheidet – wozu und in welcher Art Gewalt dargestellt wird, inwiefern Geschlechterverhältnisse darin thematisiert werden und insbesondere, ob ein Ausblick auf kollektive Widerstandformen gegeben wird. In »The Handmaid’s Tale« ist es die Magd Desfred, die sich auflehnt, sich trotz massiver Tyrannei die Vision einer anderen Lebensweise bewahrt und versucht, einen Weg aus der Sklaverei zu finden.

Die filmische Umsetzung von Atwoods Werk erschütterte viele – gerade die Parallelisierung der dargestellten männlichen Gewaltherrschaft mit möglichen Konsequenzen aktueller antifeministischen Repressionswellen inspirierte Aktivist*innen. In den USA protestierten beispielsweise Mitglieder der Vereinigung »Planned Parenthood« gegen Abtreibungsverbote, dabei trugen sie rote Kutten, die einen klaren Bezug zu dem Erscheinungsbild der Mägde in »The Handmaid’s Tale« herstellen. Aber es gab auch Stimmen, die gerade jene Szenen expliziter Gewaltdarstellung gegen den Frauenkörper als durchaus nah an »torture porn« kritisierten. Eine reine Inszenierung von degradierten Körpern ohne Aussicht auf Widerstand oder selbstbestimmtes Handeln ist sicherlich nicht im Sinne einer emanzipatorischen FSF.

Der Erfolg der Serie hält an, es wurden zwei weitere Staffeln gedreht, die über das Romanende hinausgehen. Inzwischen gibt es mit dem Buch »Die Zeuginnen« auch eine literarische Fortsetzung, in der Atwood Elemente der Serie aufgenommen hat und für das sie 2019 den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize, erhalten hat.

In einem neueren Werk, »Vox« von Christina Dalcher (2018) stehen Frauen hundert Worte pro Tag zu, reglementiert durch ein Zählwerk an ihrem Handgelenk, das bei Überschreibung Stromschläge bis hin zur Ohnmacht aussendet. Doch auch in dieser Dystopie gibt es eine Widerstandbewegung. Dalcher macht das Instrument der Stimme – verdammt zum Schweigen oder genutzt für einen mächtigen Aufschrei – ganz explizit zum wachrüttelnden Zentrum der Erzählung.

 

Geschlecht als fluide Kategorie

Ordnungen des sozialen Geschlechts – mit und ohne Wirkung von biologischen Voraussetzungen – können in der FSF nach Belieben umkonstruiert werden. Naheliegend ist dabei das Austesten vermeintlich extremer Gesellschaftsformen: Was wäre, wenn es gar kein Geschlecht gäbe? Ursula K. Le Guin entwirft in ihrem Roman »The Left Hand of Darkness« (1969) eine Gesellschaft, die ohne die identitäre Einteilung von Geschlechterrollen im alltäglichen Leben und Arbeiten auskommt und dementsprechend frei von geschlechtsspezifischen Hierarchien ist. Auf dem Planeten Winter leben geschlechtslose Menschen, die sich nur einmal im Monat entscheiden, ob sie kurzzeitig männliche oder weibliche Geschlechtsattribute annehmen wollen, um ihre Sexualität auszuleben. Geschlecht sei für die Bewohnenden dieses Planeten »keine absolute Kategorie, eher etwas, das flexibel und fluide ist«, sagte Le Guin. Mit der Figur eines Gesandten der Erde setzt die Autorin einen Identifikationspunkt zwischen der uns bekannten und dieser geschlechtslosen Welt ein, um ihr in neue entworfene Gedankenräume folgen zu können.

Mit der Idee einer Welt, in der ausschließlich Frauen leben, wird ein utopischer Ort geschaffen, an dem das Potential einer vermeintlich homogenen Gruppe – der Frauen – ohne den relationalen Abgleich mit Maskulinität und patriarchalen Strukturen untersucht werden kann. Diese Utopie entwerfen unter anderem Joanna Russ, Marge Piercy oder auch schon Charlotte Perkins Gilman in einem sehr frühen Werk (»Herland«, 1915). In Joanne Russ’ Roman »The Female Man« (1975) begegnen sich vier Frauen auf vier parallelen Zeitspuren. Janet lebt auf dem Planeten Whileaway, der weitgehend von Landwirtschaft geprägt ist. Männer sind hier ausgestorben, Frauen gehen miteinander Liebesbeziehungen ein und pflanzen sich eingeschlechtlich fort. Jeannine befindet sich auf einer Zeitspur, in der die Weltwirtschaftskrise andauert und der Zweite Weltkrieg nie stattgefunden hat. Jael lebt in einer Zukunft, in der sich Männer und Frauen seit Jahrzehnten in einem bitteren Krieg bekämpfen, in dem sie unter anderem auch Kinder gegen Ressourcen eintauschen. Joannes Welt wiederum ähnelt sehr der unseren in den USA der 1970er Jahre. Die einzelnen Begegnungen der vier J‘s lösen weitreichende Dynamiken in ihrem jeweiligen Paralleluniversum aus, nicht zuletzt durch die Figur der Janet auf dem männerlosen Whileaway. Das Spektrum der Varianzen innerhalb eines Geschlechts und die individuellen Ausprägungen einzelner Figuren werden entfaltet und beleuchtet, und dabei wird Geschlecht als dualistische Kategorie entlarvt und überflüssig gemacht.

 

Heterosexualität als Perversion

Melissa Scott (»Shadow Man«, 1995) dreht den Spieß um und beschrieb eine Welt, in der fünf Geschlechter und neun Sexualitäten die Normalität sind. Zweigeschlechtlichkeit sowie Heterosexualität werden als Perversion eingestuft. In Nicky Draydens Roman »Escaping Exodus« (2019) leben Menschen im Inneren einer riesigen Kreatur, in der sie durch den Weltraum reisen. In der strengen Hierarchie eines Clan-Matriarchats entwickelt sich die Liebesgeschichte zweier Frauen verschiedener Kasten. Larissa Lai (»Salt Fish Girl«, 2002) hingegen zeichnet eine von Unternehmen dominierte Zukunft, in der sie unter Aushandlung von lesbischen Beziehungen queere Ideen zur Reproduktion aufgreift und ethnische Identitätszuschreibungen ins Post-Humane auflöst. Ihre Protagonistin ist ein Shape-Shifter, die ihre Form zwischen Mädchen, Fisch, Frau und Schlange wechseln kann und sich zwischen einem China im 19.Jahrhundert und einer futuristischen Mega-City an der Pazifikküste durch die Zeiten bewegt.

Olivia Butlers Werke (unter anderem »Kindred« von 1979) nehmen die Kategorien Race und Gender unter die Lupe, um von dort aus in posthumane Bereiche vorzudringen. Die Schwarze Protagonistin aus den USA der 1970er Jahre begegnet auf Zeitreisen zurück in das rassistische System der Sklaverei sowohl ihren eigenen Vorfahren als auch einem jungen weißen Sklavenhändler, dessen Leben sie rettet. Dabei verstrickt sie sich immer tiefer in den verschiedenen Orten, Zeiten und Körpern, in denen sie die unvollständig aufgearbeiteten Traumata der afrikanischen Diaspora erlebt.

Außerirdische Wesen landen vor der nigerianischen Hauptstadt Lagos … – dies ist der Ausgangspunkt von Nnedi Okorafor afrofuturistischen Romans »Lagoon« (2014). Die nigerianisch-amerikanische Schriftstellerin hatte immer vergeblich nach »komplexen schwarzen Frauenfiguren« in Büchern gesucht und vermisste zudem die spezifische Perspektive der afrikanischen Diaspora in der Science-Fiction-Literatur. Deshalb ist ihr Werk geprägt von der Verbindung sozialer Utopie mit afrofuturistischer Vision und postkolonialer Kritik. Dass afrofuturistische Werke nicht nur in der Schwarzen Community rezipiert werden, beweist die Überreichung der beiden wichtigsten Science-Fiction-Preise der USA – der Hugo-Award und der Nebula-Award – an Nnedi Okorafor.

 

Ambivalente Technik

Neben den Kategorien Körper und Geschlecht ist die Angst vor Unterwerfung der Frauen mittels Fortpflanzung durch neue Bio- und Reproduktionstechnologien ein häufiges Motiv in der FSF. Gleichzeitig wird darin das Versprechen einer Befreiung aus heteronormativen Reproduktionsmöglichkeiten sichtbar – aktuelle queer-feministische Bewegungen fordern den erweiterten Einsatz solcher Technologien, um neue Familienformen zu ermöglichen. Octavia Butler, Marge Piercy oder jüngst auch Laurie Penny nehmen die Frage nach der Rolle von Technik und neuen Bio- und Reproduktionstechnologien für feministische utopische Möglichkeiten als gedanklichen Ausgangspunkt. Marge Piercys Roman »Woman on the Edge of Time« (1976) spielt in einer anarchistischen Kommune mit gentechnisch modifizierter Agrikultur. Hier gibt es Brüter, in denen Babys geboren werden, die von Männern wie Frauen gestillt werden. Durch diese Konstruktion kann Piercy eine Erzählung aufspannen, die dort beginnt, wo Männer und Frauen sich unter gleichen Voraussetzungen dem Thema Reproduktion und Care widmen.

Die Biologin und Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway bezog sich in den 1980er Jahren auf feministische Zukunftsentwürfe und sprengte somit bewusst Genregrenzen zwischen Wissenschaft und FSF. In ihrem Cyborg-Manifest aus dem Jahre 1985 verweist Haraway auf Joanne Russ‘ Werk und verwebt Auszüge davon in ihren sprunghaften Gedankenspielen aus FSF-Szenen, wissenschaftlichen Analysen und eigenem fiktionalen Schreiben. Ihr omnipräsentes Thema: die Auflösung der Grenzen zwischen Mensch und Maschine wie auch der künstlich gesetzten Grenzen zwischen Natur und Kultur sowie Mann und Frau. Es war Marge Piercys Roman, der sie zum Entwurf ihrer »blasphemischen, antirassistischen-feministischen Figur« der Cyborg inspirierte, die diese Grenzen überwindet. Im Kontext der Frauenbewegung wie auch der linken Bewegung ihrer Zeit bezieht sich Haraway explizit darauf, den Einsatz von Technologie nicht per se als kapitalistisch, patriarchal und militärisch abzulehnen. Sie schlägt vor, sich aktiv einzumischen und diesen Einsatz vielstimmig mitzugestalten und subversiv zu unterlaufen. Haraway betont im Cyborg-Manifest, dass »Cyborg-Technologien zur Herrschaftssicherung wie zu deren Unterwanderung eingesetzt werden können«.

 

Literatur

Charlotte Perkins Gilman: Herland, 1915

Ursula K. Le Guin: The Left Hand of Darkness, 1969, dt.: Die linke Hand der Dunkelheit

Joanna Russ: The Female Man, 1975, dt.: Planet der Frauen

Marge Piercy: Woman on the Edge of Time, 1976, dt.: Frau am Abgrund der Zeit

Octavia Butler: Kindred, 1979

Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale, 1985, dt.: Der Report der Magd. The Testaments, 2019, dt.: Die Zeuginnen

Donna Haraway: A Cyborg Manifesto, 1985, dt.: Ein Manifest für Cyborgs

Melissa Scott: Shadow Man, 1995

Larissa Lai: Salt Fish Girl, 2002

Nnedi Okorafor: Lagoon, 2014, dt.: Lagune, 2015

Christina Dalcher: Vox, 2018

Nicky Drayden: Escaping Exodus, 2019

 

Alice Rombach ist Soziologin und freie Journalistin.

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