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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Bitterer Beigeschmack – Koloniale Spuren im globalen Ernährungsregime

Bitterer Beigeschmack – Koloniale Spuren im globalen Ernährungsregime

(Langfassung) Der Handel mit Weizen, Reis und Gewürzen ist so alt wie die Migrationsgeschichte der Menschen. Doch erst seit dem frühen Kolonialismus wurden die körperzehrende Plantagenwirtschaft und der transkontinentale Handel mit Nahrung strategisch zum Zwecke der Machtsicherung eingesetzt. Der Kolonialismus hat das globale Ernährungssystem in seiner jetzigen Form stark geprägt.

(Langfassung als pdf zum Download hier)

 

von Martina Backes

Hier in Niumi hat er begonnen, der Export von Arbeitskraft, Salz und Palmöl. Der kleine Küstenort im westafrikanischen Gambia liegt an der Mündung des gleichnamigen Flusses, nicht weit entfernt von James Island, wo der Handel mit versklavten Menschen in den Black Atlantik im 16. Jahrhundert einen seiner Anfänge nahm und Tauschgeschäfte mit Gold, Salz, Arbeitskraft und Waffen die transatlantische Globalisierung einleiteten.[1] Salz galt als lebenswichtiges Gut für die Versorgung der Sklav*innen, die in der Karibik und in spanischen Kolonien auf Plantagen Zuckerrohr schnitten. Als die ersten portugiesischen Sklavenschiffe Afrikaner*innen in die Karibik verschleppten, diente Palmöl als Reiseproviant. Gewonnen wurde es aus der in Westafrika heimischen Ölpalme. Damit begann die globale Reise einer Pflanze, deren kulturgeschichtliche Verbreitung und heutiger agroindustrieller Anbau eng mit der frühen Phase des Kolonialismus verwoben ist.

Auch das Zuckerrohr steht für die Anfänge der kolonialen (Land-)Wirtschaft im transatlantischen Raum: Die Plantagenpflanze, die von den versklavten Afrikaner*innen in der Karibik und in Venezuela angebaut wurde, hatte zu dieser Zeit schon eine weite Reise hinter sich: Zuckerrohr stammt aus Neu-Guinea und war bereits vor 8.000 Jahren über den asiatischen Kontinent und die arabische Einflussnahme sowie die Kreuzzüge in den Mittelmeerraum gelangt. Christoph Kolumbus nahm auf seine zweite Reise in die Karibik Stecklinge mit nach Hispaniola, in das heutige Haiti. Die dort lebenden Taínos sollten, so der Auftrag der spanischen Krone, über ein Tributsystem dazu gebracht werden, Rohzucker, aber auch Zitrusfrüchte und Gewürze für die spanischen Siedlungen zu produzieren.

In dieser historischen Phase kamen dank des sogenannten Kolumbianischen Austauschs auch Nahrungsprodukte wie Kartoffeln, Tomaten, Kakao und Kürbisse aus der Neuen Welt nach Europa. Da Zucker, damals ein Luxus, in Europa sehr begehrt war, waren alle europäischen Kolonialmächte – allen voran Spanien, Portugal und Frankreich – an den Westindischen Inseln interessiert. Bald schon entwickelte sich die Karibik zum Hauptanbaugebiet für Zuckerrohr.[2] Als die Taínos-Bevölkerung in Haiti wegen des spanischen Tributsystems dezimiert war, importierten die europäischen Mächte versklavte Afrikaner*innen, um die Plantagenwirtschaft auszubauen. Europäische Sklavenhändler tauschten an der westafrikanischen Küste Waren wie Gewehre, Alkohol und Stoff gegen die versklavten Menschen und „verkauften“ deren Arbeitskraft in der Karibik. Vom Erlös erwarben die Sklavenhändler landwirtschaftliche Produkte wie Rohrzucker, Rum, Melasse und Baumwolle (atlantischer Dreieckshandel).

 

Indian Corn und syrische Hirse

Eine der heute dominanten Weltwirtschaftspflanzen, die Kolumbus von seiner Reise mit nach Spanien brachte, ist der Mais. Etymologisch leitet sich Mais (maihz) aus der Sprache der Taíno-Arawak-Indigenen von den Karibischen Inseln ab. Schnell erkannten die Spanier*innen den Wert der anpassungsfähigen, schnell wachsenden und früh reifenden Getreidepflanze. Sie versorgte gerade die arme Bevölkerung mit Kohlenhydraten, viele Wochen, bevor Hirse und Weizen geerntet werden konnten. Die Eroberung von Mexiko (Herkunft des Kakao) und Peru (Herkunft der Kartoffel und der Tomate) war noch in vollem Gange, als in Andalusien der Mais bereits in den Hausgärten der Landbevölkerung wuchs. Auch in Norditalien wurde schon bald die aus Maisgries gekochte Polenta zur Hauptspeise armer Bauernfamilien.

Vor allem jedoch begann zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Maisanbau auf dem afrikanischen Kontinent. Die Portugiesen brachten die Körnerpflanze über die Insel Sao Tomé an die Goldküste, von dort aus fand sie Eingang in traditionelle Landbausysteme. In Niumi, der Küstenregion im heutigen Gambia, ist Mais inzwischen eine wichtige Nahrungspflanze, deren Verbreitung über den afrikanischen Kontinent mit dem Sklav*innenhandel und der kolonialen Plantagenwirtschaft in Südamerika einherging. Die Weltreise des Mais, die mit der Hochkultur der Maya begann, lässt sich an seinen Namen ablesen: Europäische Asienreisende bezeichneten den Mais im 17. Jahrhundert als „türkischen Weizen“, in der Türkei hieß er „ägyptisches Korn“ und in Ägypten „syrische Hirse“. Inzwischen stellt Mais für die Ernährung von über 900 Millionen Menschen in Afrika und Lateinamerika das wichtigste Grundnahrungsmittel dar. Die weltweite Maisernte liegt vor Reis und Weizen auf Platz eins der Weltgetreidesorten.

 

Die Kosten der süßen Ware

Im Zuge der kolonialen Expansion erfreuten sich in Europa kleine und größere Kolonialwarenläden mit überseeischen Genussmitteln wie Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürzen und Tee großer Beliebtheit. Noch heute erinnert der Einzelhandelsverband Edeka namentlich an seine kolonialen Ursprünge: an die „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“ (kurz E. d. K.). Die Speisen der Reichen wurden dank des Kolonialismus bereichert, während die Mahlzeiten derjenigen, die in ausbeuterischer Landarbeit für die Verfügbarkeit global gehandelter Nahrungsmittel sorgten, an Nährstoffen verarmten. In Italien, aber auch unter den nach Brasilien verschifften Sklav*innen, die den Mais als nahezu einzige Hauptnahrungspflanze für ihren Eigenbedarf anbauten, breitete sich die Mangelkrankheit Pellagra aus. Diese ernährungsbedingte Störung wird durch Mangel an Niacin (Vitamin B3) verursacht, zum Beispiel, wenn eine Ernährung nahezu ausschließlich auf Mais basiert und dieser nicht, wie traditionell in Mexiko, alkalisch zubereitet wird.

Wie groß das Interesse Frankreichs am karibischen Zuckerrohrgeschäft war, bezeugt die Abgabe territorialer Ansprüche in Kanada an die Briten im Frieden von Paris 1763. Im Gegenzug erhielt Frankreich die für den Zuckerrohranbau tauglichen Inseln Guadeloupe und Martinique – sie sind bis heute französisches Übersee-Département und als solche Bestandteil der EU.

Insbesondere die Geschichte Haitis ist vom Zucker- und Sklavenhandel geprägt. Diese ehemals französische Kolonie namens „Saint-Domingue“ erklärte am 1. Januar 1804 unter dem Namen Hayti ihre Unabhängigkeit von Frankreich. Das Versprechen der Freiheit, das fünfzehn Jahre zuvor mit der Französischen Revolution in Frankreich verbunden war, galt nicht für Sklav*innen. So setzten die Sklav*innen in Sainte Domingue die Zuckerrohrfelder, auf denen sie für die französische Kolonialwirtschaft arbeiteten, in Brand. Die damals profitabelste Plantagenwirtschaft ging in die Hände derer über, die sie mit ihren Körpern teuer bezahlten: den Sklav*innen. Zwar verdankt so das heutige Haiti seine Existenz dieser erfolgreichen Sklavenrevolution. Doch die Zuckerrohr-Plantagenwirtschaft wurde auf der Insel Hispaniola keineswegs abgeschafft. Heute arbeiten tausende Haitianer*innen als Zuckerrohrschneider in der Dominikanischen Republik. Sie leben unter erbärmlichen Bedingungen in Bateys, in firmeneigenen Siedlungen.

 

Am unteren Ende der Skala

Der atlantische Dreieckshandel wäre ohne Rohrzucker kaum denkbar gewesen. Die einstige Luxusware Zucker hat aber zudem auch die Ernährungsgewohnheiten der Menschen weltweit stark negativ beeinflusst. Zucker ist heute global verfügbar, 74 Prozent des Zuckers weltweit wird aus Zuckerrohr gewonnen. Rund Dreiviertel davon wird in der Getränke-, Süßwaren- und Backindustrie verarbeitet  – für billige, ernährungsphysiologisch minderwertige Lebensmittel, deren Konsum für den Anstieg von Diabetes mitverantwortlich ist.[3] Das Land mit der größten Anbaufläche ist Brasilien mit rund zehn Millionen Hektar, gefolgt von Indien mit rund 4,5 Millionen Hektar. Über die bis heute teils sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrschneider*innen in diesen Ländern wurde selbst in öffentlich-rechtlichen Medien vielfach berichtet. Laut der Internationalen Arbeitergewerkschaft der Nahrungsmittelindustrie (IUF) haben sich die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse der Arbeiter*innen in den Ländern am unteren Ende der Skala des UN-Index der Menschlichen Entwicklung infolge der Restrukturierungsprozesse in der Zuckerwirtschaft erheblich verschlechtert, Zwangs- und Wanderarbeit nehmen dort zu.

Ähnlich harte, teils sklavenähnliche Arbeitsbedingungen sowie Verbote gewerkschaftlicher Organisierung, gesundheitsschädlichen Belastung mit Pflanzenschutzmitteln, ausbeuterische Kinderarbeit und unsichere Lohnzahlungen sind heute auch aus dem Anbauwesen weiterer Genussmittel bekannt, die im Zuge der kolonialen Landwirtschaft aufgebaut wurden: etwa von Kakao, Palmöl oder Tee. Laut der entwicklungspolitischen NGO INKOTA arbeiten 2020 noch immer rund zwei Millionen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen in Westafrika. Dabei hat sich die Schokoladenindustrie selbst zum Ziel gesetzt, die Kinderarbeit bis 2020 um 70 Prozent zu reduzieren.

Für die Diskriminierung von Frauen in diesem Sektor, die als Kakaopflückerinnen oft nur die Hälfte des für Männer üblichen Lohns verdienen, interessieren sich laut Oxfam die drei weltweit größten Kakao-Verarbeiter Mondelez, Mars and Nestlé nicht. Mit 700.000 Tonnen Kakaobohnen und vorveredelter Kakaomasse stellt Kakao, vielfach geerntet von schlecht bezahlten Kindern und Frauen oder von migrantischen Arbeitskräften aus Mali, das Hauptexportgut der Elfenbeinküste dar. Gewinnträchtig veredelt wird es in Europa.

 

„Butterfeine Rama“

Vermutlich kamen Samen der Ölpalme bereits im 16. Jahrhundert von Westafrika nach Südamerika, später auch Wassermelonen, Okra, Bananen und die Yamswurzel sowie Augenbohnen. Heute ist der Anbau der Ölpalme auf lateinamerikanischen Plantagen von Honduras über Kolumbien bis nach Peru und Brasilien weit verbreitet, für den Eigenbedarf und als Exportgut. Mit 85 Prozent der Weltpalmölproduktion sind allerdings Indonesien und Malaysia die führenden Exporteure.[4] Die erste koloniale Ölpalmenplantage gründete 1908 der Brite William Lever im von Belgien besetzten Kongo. Er stellte zusammen mit seinem Bruder Seifen aus Palmöl her und übertrumpfte damit seine Konkurrent*innen, die noch Kuhtalg benutzten.

Unilever, das Unternehmen mit der bis 2017 weltweit größten Abnahme von Palmölen, ging 1929 aus einer Firmenfusionierung  des britischen Seifenherstellers Lever Brothers mit der niederländischen Margarine Unie hervor.[5] Die Niederländer waren bereits 1911 in der Ölpalmen-Plantagenwirtschaft in ihren kolonialen Territorien des heutigen Indonesiens umtriebig[6] – und sind es bis heute. Noch heute gelten ihre Nordseehäfen als internationale Drehscheibe des weltweiten Palmölhandels[7], in der EU sind die Niederlande der größte Importeur von Palmöl. Die Marktmacht von Unilever geht unter anderem auf die frühen kolonialen Ausbeutungsverhältnisse und Landenteignungen in Südostasien zurück. Die kolonialen Ölpalmen-Plantagen im Kongo und ab 1911 in Südostasien gelten als Vorläufer der heute extensiven Anbaupraxis und miserablen Arbeitsbedingungen.

In den letzten 15 Jahren haben die Auswirkungen des Ölpalmen-Plantagenanbaus für die Kosmetik- und Biotreibstoffindustrie auf Mensch und Umwelt den Agrarministerien der EU viel Arbeit eingehandelt. Der Ölpalmenanbau ist wegen seiner nachweislichen Vernichtung von Regenwäldern und gesundheitsbelastenden Arbeitsbedingungen im Billiglohnsektor ein hochumkämpftes Feld (siehe iz3w 368). Mit dem steigenden Bedarf der Treibstoffindustrie an Palmöl hat sich die Debatte über den Ölpalmenanbau, der weltweit enorme Flächen verbraucht, nochmals zugespitzt. Unter dem Slogan “Tank oder Teller” wird seit 2005 heftig darum gestritten, ob die Landwirtschaft nun eigentlich der Ernährung – und damit einem verbrieften Menschenrecht auf Nahrung – oder dem Profit großer Konzerne dienen solle (siehe iz3w 310 und 386).

 

Durch und durch verdorben

Doch nicht nur die heutigen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen beim Anbau und der Weiterverarbeitung von Exportnahrungsmitteln aus dem Globalen Süden sind mit dieser kolonialen Vergangenheit behaftet. Nahezu das gesamte globale Ernährungssystem und der Anbau von Nahrungspflanzen sowie die politischen Konzepte zur Ernährungssicherung enthalten koloniale Spuren. Mit dem europäischen Siedlerkolonialismus wurde die Basis dafür gelegt, das Wissen über das globale Ernährungssystem in die Hände derer zu legen, die im Schulterschluss mit den Handelshäusern den Anbau und die Verteilung von Nahrungsmitteln kommerzialisierten und privatisierten.

Diese Strukturen haben deutliche Spuren im heute dominanten Ernährungsregime hinterlassen. Sie schlagen sich in der Gegenwart in multinationalen Agrarhandelspraktiken und internationalen Handelsabkommen nieder. Sie schaffen Ungleichheit, verwehren  tausenden landlosen Landarbeiter*innen den Zugang zu angemessener Ernährung und produzieren zugleich Berge von „Lebensmittelabfällen“. Laut Welthungerhilfe landen jährlich 1,3 Milliarden Tonnen und damit ein Drittel aller produzierten Lebensmittel auf Abfallbergen.

 

Die Schule des Kolonialismus

Für eine erfolgversprechende Bewirtschaftung und Ausbeutung der Kolonien, so die Ansicht der Kolonialmächte, braucht es Expertentum. Die historische Entwicklung von landwirtschaftlicher Expertise ging im British Empire schon recht früh mit den Interessen der Handelshäuser einher. So wurden beispielsweise im englischen Cambridge 1921 von der Empire Cotton Growing Corporation, der staatlichen Baumwollanbau-Gesellschaft, zwanzig Stipendien an junge Männer vergeben, die in britischen Kolonien den Baumwollanbau voranbringen sollten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts konnte an der 1845 gegründeten Königlichen Landwirtschaftshochschule in Cirencester – der heutigen Royal Agricultural University – Indische und Tropische Landwirtschaft als eigener Studiengang gewählt werden. Viele der frühen Absolvent*innen dieser stark im Interesse kolonialer Landwirtschaftsforschung gegründeten Hochschule bewarben sich auf Positionen im Kolonialdienst der Krone oder im diplomatischen Dienst Ihrer Majestät. Mit Stipendien geförderte Bengal*innen brachten ihrerseits die Interessen der königlichen Landwirtschaftsvereinigung direkt in die kolonialen Landwirtschaftsministerien.

Expertise wurde ab 1898 auch in der Deutschen Kolonialschule Witzenhausen (DKS) strategisch herangezogen. Bis 1944 bildete man hier junge Männer zu Tropenlandwirten aus, wobei harte körperliche Arbeit im Internatsleben ebenso wichtig war wie die Vermittlung der rassistischen „Herrenmenschen“-Ideologie. In einem Schulprospekt liest sich das Ziel der Ausbildung so: „Praktische Wirtschafts- und Plantagenbeamte, Pflanzer, Landwirte und Viehzüchter für die deutschen Kolonien und überseeischen Ansiedlungsgebiete tüchtig und vielseitig vorbereiten“. Mitbegründer und Sponsoren der DKS waren deutsche Handelshäuser, private Kaufleute, Fabrikanten und Plantagengesellschaften, die sich vom Handel und der Veredelung der landwirtschaftlichen Ressourcen aus Übersee ein gutes Geschäft versprachen. Eine unheilvolle Allianz, wie sich später für die lokalen Bauern und Bäuer*innen herausstellte.

Bald folgten im Kaiserreich weitere Lehrbetriebe wie die Kolonial-Akademie zu Halle, das Hamburgische Kolonialinstitut und die Deutsche Ansiedlerschule Hohenheim. Den 300- bis 400-jährigen Vorsprung der britischen, spanischen, portugiesischen und französischen Konkurrenz galt es aufzuholen, um in dieser Zeit der Industrialisierung [8] und des damit einhergehenden Handels von Gütern bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen aus Übersee nicht abgehängt zu werden.

Auch in den Kolonien wurden Institute zur Erforschung landwirtschaftlicher Methoden gegründet, eines der größten in Java von den Niederländer*innen. Das biologisch-landwirtschaftliche Institut Amani, im Hinterland der tansanischen Hafenstadt Tanga von den Deutschen zunächst zur Erforschung von Sisal (Herkunft Mexiko) und Chinin [9] gegründet, stand von Anfang an im Interesse der kolonialen Plantagenwirtschaft - und nicht etwa der Ernährung oder Gesundheit der tansanischen Bevölkerung im ehemaligen Deutsch-Ostafrika. Später diente das Amani Institut Kolonialmächten wie Belgien, Frankreich, Italien, Portugal und England botanischen und landwirtschaftlichen Studien, etwa im Bereich der mineralischen Pflanzendüngung.

 

Pflanzenjagd und Exotik

Hier und da greifen heutzutage Führungen durch die Botanischen Gärten selbstkritisch ihre ehemalige Rolle für die Expansion einer kolonialen Plantagenwirtschaft auf, die zum Gewinn europäischer Handelshäuser entwickelt worden war. Sie sammelten damals nicht nur seltene und schöne Pflanzen zum Studium und zur Anschauung, sondern spezialisierten sich auf die Kultivierung von Nutzpflanzen, die entscheidend für europäische Ansiedlungen in tropischen Klimazonen wurden. Staatliche Subventionen unterstützten diese Wissenschaft.

Auf Initiative des Auswärtigen Amtes des Deutschen Kaiserreichs wurden die botanischen Sammlungen aus den deutschen Kolonien im Berliner Botanischen Garten zusammengeführt. Die hier angegliederte Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien kontrollierte den Transfer von tropischen Nutzpflanzen in die Kolonialgebiete und organisierte die Beratung von Kolonialverwaltung und Plantagenunternehmen in Fragen der tropischen Landwirtschaft. Bis 1907 sollen rund 16.500 lebende Jungpflanzen in die Kolonien überführt worden sein. Zudem sorgten die der Kontemplation mit exotistischem Flair dienenden Gärten dafür, dass das botanische Wissen über die Kolonien in den (bildungs-)bürgerlichen Schichten große Beliebtheit erlangte.

Im deutschen Kaiserreich brachte das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee (KWK), das  „kolonialwirtschaftliche Interessen in gemeinnütziger Weise zu fördern“ als seine Kernaufgabe definierte, den „Tropenpflanzer“ heraus. Die erste Ausgabe erschien 1897. Abonniert wurde die monatlich erscheinende Zeitschrift mit Reiseberichten und Studienergebnissen aus kolonialer Forst- und Landwirtschaft auch von zahlreichen Wirtschaftseinrichtungen und Institutionen des Kaiserreichs. Aus den Beiträgen geht auch hervor, dass deutschen Botaniker*innen in ihrer Sammelwut einheimische Formen der Landwirtschaft häufig missachteten. Die Pflanzensammler*innen ließen sich als Entdecker*innen glorifizieren, zahlreiche tropische Nutzpflanzen tragen europäische Namen.

Das vorrangige Motiv der KWK war, den Rohstoffbedarf der deutschen Industrie durch die Gewinnung von Baumwolle, Hanf, Ölprodukten, Kautschuk, Mineralien und Gerbstoffen in den „Schutzgebieten“ zu decken. Das bis heute sichtbare Erbe der deutschen kolonialen Landwirtschaft sind zum Beispiel die ausgedehnten Sisal-Plantagen in Tansania (Platz zwei der weltweiten Sisal-Produktion nach Brasilien). Investitionen sollten in Form neuer Plantagen und verbesserter Erträge in den Kolonien um ein Vielfaches zurückfließen, so die Kalkulation. Allerdings ging diese Rechnung nicht auf,  wenn (militärische) Ausgaben zur Aufrechterhaltung der Macht und zum Aufbau der Logistik in den Kolonien gegengerechnet wurden.

 

Corned Beef für die Metropole

Mit dem kolonialen Streben ging immer auch ein Wandel in der Ernährung einher, der Kolonisierenden ebenso wie der Kolonisierten. So verschärfte das britisch-imperiale Nahrungsregime einen diskriminierenden Zugang zu Nahrung entlang von Klassen- und Geschlechterzugehörigkeit und nach ethnischen Kategorien. In Kenia (British East Africa) zum Beispiel wurden vor allem junge Männer auf die Siedlerfarmen in die fruchtbaren White Highlands gezwungen, indem eine landesweite Kopf- und eine Hüttensteuer eingeführt und eingetrieben wurde, die von den Einheimischen an die koloniale Verwaltung abzuführen war und nur aufgebracht werden konnte, wenn man in der kolonialen Landwirtschaft unter miserablen Bedingungen für ein paar Shilling schuftete. Zuvor hatte sich die britische Kolonialverwaltung die fruchtbaren Hochländer angeeignet und an Siedler*innen aus ganz Europa verkauft. Die lokale Bevölkerung wurde so der fruchtbarsten Gebiete enteignet und in Native Reserves zusammengepfercht. Zeitgleich mechanisierte die britische Kolonialverwaltung die lokalen Anbausysteme (zunächst mit Pflug und Ochsen) und propagierte den Anbau von Mais in Monokulturen statt Sorghum im Mix mit vielfältigen proteinhaltigen Nahrungspflanzen.

Zweifelsohne waren die traditionellen Agroforstsysteme mit harter Feldarbeit verbunden. Auch basierte die Ernährung auf einem regionalen Handel mit Viehhirten, Fischern und Imkern. Das Leben in Kenia war – insbesondere nach der Heuschreckenplage und der verheerenden Hungersnot 1899 – alles andere als eines im Schlaraffenland. Zudem litten die Menschen an den massiven Viehverlusten infolge der von italienischen Truppen eingeschleppten indischen Rinderseuche, an der neun von zehn Rindern gestorben waren. Doch die Entscheidungshoheit über das, was produziert, geerntet, gegessen und gehandelt wurde, hatten die afrikanischen Bauern und Bäuerinnen in der Zeit vor der Siedlerepoche noch selbst inne.

Mit der kolonialen Land- und Viehwirtschaft wurde die lokale Produktion dann komplett auf den Kopf gestellt: Wer Ernten einfahren und verkaufen wollte, musste Landbesitztitel vorweisen und brauchte fortan Geld für Pflug, Ochsen und externe Betriebsmittel wie Saatgut und Dünger. Die Arbeitslast stieg: Die Männer rodeten große Flächen mit dem Pflug und verdingten sich dann als Wanderarbeiter in den White Highlands oder beim Eisenbahnbau, während die händisch zu bewältigende Aussaat, das dreimalige Jäten und die Ernte in Frauenhände fiel.[10]

Während die Nahrungsvielfalt der kolonisierten Landbevölkerung zurückging und Eiweiß und Gemüse knapper wurden, konnten die Briten ihre Importe an Weizen und Rindfleisch aus Übersee erhöhen, unter anderem dank des Baus von Schlachtereien und Konservenfabriken. Die Brotpreise in London sanken. Die billigen Grundnahrungsmittel für die wachsende Industriearbeiterschaft Londons, der britischen „Werkstatt der Welt“, vermochten deren Protestpotenzial einzudämmen und Lohnkosten gering zu halten. Zugleich entzog die vorrückende intensive Getreideanbau-Rindermast-Mischwirtschaft britischer Siedler*innen der lokalen Bevölkerung die Lebensgrundlage, während britische Kolonialsoldaten und Weiße Siedler*innen im Empire mit Corned-Beef-Konserven gut versorgt wurden.

 

Gemetzel um die besten Zutaten

Der Zugang zu Nahrung wurde für viele Afrikaner*innen in einem bis dato unbekannten Ausmaß davon abhängig, wie viele Geld sie verdienen konnten. Das Leben wurde teuer. Das galt in besonderem Maße für die Arbeiterschaft, die Kupfer, Kobalt, Gold, Uran und Kohle in belgischen, britischen und südafrikanischen Bergwerken abbauten, die Trassen bauten und Schienen verlegten.

Der Einsatz lokaler Arbeitskräfte auf den Plantagen in den britischen, französischen und niederländischen Kolonien verbilligte indes Genussmittel wie Kakao, Tee, Kaffee und Gewürze, Seifen, aber auch Öle und Textilfasern für die europäischen Kolonialwarenläden – vor allem, wenn die Waren aus den eigenen Kolonien kamen. Denn nur dann konnten sie zoll- und steuerbegünstigt eingeführt werden. Das Ringen um das Monopol über den Handel mit Muskatnuss (einem Gewürz, das primär auf den Banda-Inseln angebaut wurde) der niederländischen Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) erst mit den Portugiesen und später den Briten gipfelte in der Verwüstung einer ganzen Inselgruppe und der weitgehenden Dezimierung ihrer Bevölkerung. Der Streit über den Aufkauf der Muskaternte verwandelte die zum (heute indonesischen) Molukken-Archipel gehörenden Banda-Inseln in einen verheerenden Kriegsschauplatz. Die niederländischen Kolonialherren, die beim Tausch gegen Muskatnüsse wenig zu bieten hatten, massakrierten die Banda, die sich ihrerseits von den Briten Schutz erhofft hatten – ein Massaker zur Sicherung des niederländischen Monopols beim Muskathandel.

 

Das Salz in der Suppe

Der transkontinentale Verkehr mit Grundnahrungsmitteln floss in der Hochphase der Siedlerkolonialzeit von der Peripherie in die europäischen Zentren. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Zweiten Weltkrieg kehrte sich diese Richtung teilweise stark um. Bereits zuvor schotteten sich Deutschland und Frankreich teilweise mit Schutzzöllen vor den Importen von Nahrungsmitteln aus Übersee ab, um die eigene Bauernschaft zu schützen. So erließ die Reichsregierung schon 1879 Schutzzölle auf ausländische Agrar- und Industriegüter. Zuvor war der Import von Getreide im Kaiserreich zollfrei gewesen.[11]

Die Landwirtschaft und der globale Handel mit Nahrungsmitteln erlebten mit der Weltwirtschaftskrise einen Richtungswandel. Zahlreiche Plantagen der kolonialen Besitztümer und die großen Farmen in den USA klagen ab 1929 über enorme Absatzschwierigkeiten.[12] Um die Einkommen der Farmer in den USA zu stabilisieren, wurden Preisgarantien gewährt und Subventionen in die US-amerikanische Landwirtschaft gepumpt - und so die Erträge enorm gesteigert. Während des Zweiten Weltkriegs stieg die Produktion nochmals an, denn die Alliierten sollten gut versorgt und ihre Ernährung im Notfall sichergestellt werden.

Das Kriegsende leitete eine Kaskade an Umbrüchen in der Landwirtschaft und damit im globalen Ernährungsregime ein. Mit dem Sieg der Alliierten wurden enorme Mengen an Chilesalpeter (nitratreiches Guano) als Ressource für die Ammoniakherstellung frei, die für die Sprengstoffproduktion reserviert worden waren und nun in die Mineraldüngerindustrie flossen.[13] Das Agrarsystem hungerte fortan nach fossiler Energie und maschinellen Technologien, um die Erträge zu steigern.

 

Almosen und Gnadenbrot

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die ersten kolonial besetzten Gebiete ihre Unabhängigkeit erklärt, weitere folgten bald. Als aufstrebende Kolonisatoren dieser nachkolonialen Phase, die nach Land und Absatzmärkten hungerten, um Gewinne zu erwirtschaften, konstituierten sich Kunstdüngerproduzenten, Saatgutfirmen, Pestizidhersteller und der Landmaschinenbau. 1945 begann Monsanto, Agrarprodukte zu vermarkten. Die BASF fuhr die Düngemittelproduktion hoch. Die bereits 1926 gegründete Firma Hi-Bred Corn Company (später Pioneer Hi-Bred) propagierte den Einsatz von Hybridmais in der ganzen Welt. Sein Anbau ging mit steigendem Verbrauch an Kunstdüngern, Pflanzenschutzmitteln und mit dem Einsatz von Maschinen einher. Firmengründer Henry Wallace wurde später erst US-Landwirtschafts-, dann US-Handelsminister und schließlich Vizepräsident, womit sein Einfluss auf die Exportstrategie amerikanischer Agrarprodukte wuchs. Das Rockefeller-Programm zugunsten von Weizenanbau in Mexiko und die Ford Foundation hatten mit der Züchtung von Hochertragssorgen die Zukunft der Landwirtschaft vorgegeben [14]: finanzintensive Monokulturen mit wenig Nahrungspflanzenvielfalt auf Basis käuflichen Saatguts statt agrobiologischer Vielfalt in Mischkultur und Bauernhand.

Die ebenfalls 1945 gegründete Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) propagierte die entsprechenden Entwicklungsmodelle für die Welternährung. Der damals hungernde Subkontinent Indien/Bengalen war der erste, die das neue Hybridmais-Rezept verabreicht bekam. Im Zuge der Grünen Revolution wurde das auf fossiler Energie basierende Agrarmodell – immer flankiert von der Rede über den Kampf gegen den Hunger – in die Welt und in die zuvor kolonisierten und heruntergewirtschafteten Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas exportiert. Die Agrarbranche wuchs gemeinsam mit dem Hunger. Politisch lautete die Argumentation in etwa so: Nahrung diente angesichts der Befreiungsbewegungen und der Stellvertreterkämpfe im Kalten Krieg als ökonomische und politische Waffe zur Eindämmung von Welthunger und „Weltkommunismus“.

Die frühen 1970er Jahre, die auf dem afrikanischen Kontinent als Zeit großer Hungersnöte im Sahel und in Äthiopien in die Geschichte eingingen, waren weltweit gesehen keine schlechten Erntejahre. So konnte laut Meldungen des Internationalen Weizenrates die Weltweizenernte 1975/76 gesteigert werden. [15] Weltbank, FAO und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) gründeten 1971 ein Netzwerk von tonangebenden Agrarforschungsinstituten (Consultative Group on International Agricultural Research - CGIAR), die fortan die nationalen Agrarministerien der Entwicklungsländer berieten und massiv dazu beitrugen, dass Hochertragssorten weniger Nahrungspflanzen heute die Welternährung dominieren. Sie flankierten die von den Geberorganisationen (Weltbank, IWF und bilaterale Entwicklungsgelder) gewährten Entwicklungspakete.

Ein weiter Puzzleteil, das die ehemals Kolonisierten zu Vasallen der Agrarkonzerne machte, sind die von den Geberländern mit starker Verhandlungsmacht durchgesetzten Agrarhandelsabkommen und Strukturanpassungsprogramme. Die Liste der Zerstörung lokaler Nahrungsmittelproduktionen und Märkte in West- und Subsahara-Afrika durch das Dumping subventionierter europäischer Agrarprodukte hat traurige Berühmtheit erlangt. Die Schwemme von europäischem Geflügelfleisch und Tomatenkonserven machten die lokale Produktion unrentabel und die Produzent*innen arbeitslos.[16]

Als Meilenstein der Gründung des Welternährungsprogramms (WFP) im Jahr 1961 gilt die 1960 von US-Präsident Dwight Eisenhower vor den Vereinten Nationen in New York gehaltene Ansprache, in der er dem Hunger den Kampf ansagte. Nahrung aus Flugzeugen abzuwerfen ersetzt jedoch keine nachhaltige Ernährungspolitik. Wenngleich das mit dem Friedensnobelpreis 2020 ausgezeichnete WFP in seiner Geschichte Millionen Menschen das Überleben dank Nahrungsmittelhilfen ermöglichte, muss es sich im historischen Rückblick den Vorwurf gefallen lassen, den Hunger der Anderen mit dem Absatz subventionierter Nahrungsmittel aus US-amerikanischen Farmen gestillt zu haben.[17] Und das während des Kalten Krieges insbesondere in Weltregionen, in denen der Kampf gegen den Hunger Teil des Zerrens und Ziehens zwischen Ost und West war.

Inzwischen ist das WFP die größte humanitäre Nothilfe-Organisation der Welt. Längst ist die Not der hungernden Bevölkerung in Ländern wie Jemen, Somalia oder Mali eine Größe im Kalkül von Warlords, Milizen und Armeen – ein politisches Minenfeld, in dem die Nothilfe für die hungerleidende Bevölkerung zu einem Spießrutenlauf für die humanitären Helfer*innen geworden ist. Der Hunger ist eine Waffe, ebenso wie der Zugriff auf so definierte kriegsrelevante Lebensmittel strategisch zur Absicherung der eigenen Macht kontrolliert wurde.

 

In den Blechschüsseln der Armen

Heute werden in Witzenhausen bei Kassel im Deutschen Institut für tropische und subtropische Landwirtschaft Expert*innen ausbildet, die in der Entwicklungszusammenarbeit, in der internationalen Agrarforschung und im Fairen Handel mit Genussnahrungsmitteln wie Tee, Kaffee, Kakao, Gewürze oder Avocado sowie biobasierten Stoffen wie Kautschuk, Palmöl und Baumwolle ihr Wirkungsfeld finden. Ein Pendant im Süden, etwa ein „Togoisches Institut für gemäßigte und mediterrane Landwirtschaft“, deren Absolvent*innen zum Beispiel die europäischen Bauernverbände oder die Agrarkommission der EU beraten, existiert hingegen nicht. Auch diese Leerstelle ist ein koloniales Erbe.

Bis heute hat die koloniale Geschichte des Nahrungsanbaus konkreten Einfluss auf agrarpolitische Abkommen und damit auf die Praxis der Nahrungsmittelproduktion. Die Entscheidungen darüber, welche Rezepte gegen den Hunger als wirksam erachtet werden, die Definitionen, was eine angemessene Ernährung ausmacht und die Strategien, wie nationale und globale Ernährungssicherheit zu realisieren ist, basieren historisch auf einer Wissensproduktion, die von kolonialrassistischem Gedankengut mitgeprägt wurde und die lokale Nahrungssysteme als „archaisch und unterentwickelt“ abgewertet hat.[18] So wurde neben dem beschleunigten Artensterben und dem Schwund an agrarbiologischer Diversität durch die geografische Ausdehnung von Monokulturen, giftigen Pflanzenschutzmitteln und durch die Dominanz weniger Nahrungspflanzen auch der Reichtum der Wissenssysteme dezimiert.

Hinter dieser zerstörerischen Dynamik stehen die treibenden Kräfte der kapitalistischen Verwertungslogik. Womit der zweite wirkmächtige Mechanismus angesprochen ist, der im kolonialen Konkurrenzkampf unter den Großmächten zur Prägung des heute dominanten Ernährungssystems beigetragen hat: der Kampf um Absatzmärkte. Er brachte den Protektionismus ebenso hervor wie den Freihandel bis hin zu seinen jetzigen Formen. In der jüngeren Vergangenheit hat dieser Konkurrenzkampf die Enteignung von lokalen Nahrungsproduzent*innen nochmals auf ganzer Linie verstärkt, sei es bei Landnahme, Saatgut, Wissen oder Verarbeitung. Die transnationalen Akteur*innen auf dem Agrarmarkt wie Saatgutfirmen, Pestizid- und Landmaschinenhersteller sowie die von ihnen finanzierten Agrarforschungsinstitute bestimmen weithin, welche Speisen auf den Life-Style-Gedecken der Reichen landen - und welche in den Blechschüsseln der Armen.

 

 

Martina Backes ist Biologin und Mitarbeiterin des iz3w.

 


[1] Donald R. Wright: The World and a Very Small Place in Africa: A History of Globalization in Niumi, the Gambia. Sources and Studies in World History. 2005

[2] Das Monopol des Kolonialzuckers aus Zuckerrohr wurde erst im 19. Jahrhundert mit der Entdeckung des Rübenzuckers gebrochen. Die erste Rübenzuckerfabrik ließ Friedrich Wilhelm III. 1802 in Schlesien bauen.

[3] Laut WHO, Weltdiabetes-Bericht 2014 und Internationale Diabetes Föderation 2017. Einer von elf Erwachsenen (425 Millionen Menschen) leidet an Diabetes, Zweidrittel leben in urbanen Gebieten.

[4] www.gtai.de/gtai-de/trade/branchen/branchenbericht/indonesien/palmoel-wichtiges-exportgut-fuer-indonesien-und-malaysia-22628

[5] Die Margarine-Sparte wurde 2017 verkauft.

[6] https://palmoelindonesien.atavist.com/die-traurige-geschichte-des-palmoels

[7] www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarwirtschaft/eu-27-uk-importieren-weniger-palmoel_article1593510604.html

[8] Zwischen 1871 und 1914 versechsfachte sich Deutschlands industrielle Produktion. Bis 1914 entwickelte sich Deutschland zur größten Industrienation Europas, sein Anteil an der Weltindustrieproduktion lag bei rund 15 Prozent.

[9] Die Erforschung von Chinin als Malariamittel und der Anbau des Chinarindenbaums (Herkunft Südamerika) galt als vielversprechendes Geschäft - der Bedarf an Fiebermitteln für die Kolonialtruppen war groß.

[10] Der Abzug männlicher Arbeitskraft auf die Weißen Farmen wird als wichtiger Faktor für das Bevölkerungswachstum in den Hochländern Kenias angesehen, da mit der vorhandenen Arbeitskraft eine ausreichende Nahrungsproduktion unter dem von der Kolonialverwaltung geförderten Anbausystem nicht mehr zu bewältigen war.

[11] Für Weizen stieg der Zoll von 1880 bis 1913 von zehn auf 70 Mark pro Tonne.

[12] Wenngleich die kolonial beherrschten Territorien wie Indien oder Kongo sehr individuell und zeitversetzt von der Großen Depression erfasst wurden, ist ihr Einfluss auf die Nahrungsproduktion zahlreicher Länder des Globalen Südens – und letztlich auf das globale Ernährungssystem – enorm.

[13] Die Grundlage zur mineralischen Stickstoffdüngung aus Luftstickstoff wurde in der BASF in Oppau bei Ludwigshafen mit dem Haber-Bosch-Verfahren 1908 gelegt – die Ammoniakgewinnung dann allerdings mit Beginn des Ersten Weltkrieges zunächst für die Sprengstoffherstellung genutzt.

[14] J.H. Skerritt: Research Organizations of the World: CGIAR. In: Encyclopedia of Food Grains (Second Edition) VOLUME 1, 2016, Pages 429-435

[15] Allein die USA verzeichneten 1975/76 eine Rekordweizenernte in Höhe von 58,2 Millionen Tonnen und damit eine Zunahme von 9,5 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr.

[16] www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/entwicklungspolitik-agenda-2030/wettbewerbsnachteile-afrikanischer-agrarprodukte/

[17] Erst nach langjähriger Kritik seit den 1990ern fand die Empfehlung zum Aufkauf von Lebensmitteln auf lokalen Märkten der Notregionen zur Einkommenssicherung lokaler Produzent*innen Eingang ins Handbuch der humanitären Mindeststandards.

[18] Ein bekanntes, vielkritisiertes Standardwerk aus dem Jahr 1979 trug den Titel „Die ökologische Benachteiligung der Tropen“ – ein Dokument westlicher Wahrnehmung, das den massiven Eingriff in lokale Nahrungsproduktion mit naturgegebenen Faktoren zu legitimieren versucht.

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