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Andreas Fahrmeir (Hg.): Deutschland | Lydia Lierke/Massimo Perinelli (Hg.): Erinnern stören

Pünktlich zu den wegen Corona klein ausgefallenen Feierlichkeiten zum dreißigjährigen Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung, erschienen zwei grundverschiedene Geschichtsbücher. Beide sind Aufsatzsammlungen, die jedoch ein gemeinsames Ziel haben: neue Blicke auf die deutsche Geschichte zu eröffnen.

Im beinahe tausend Seiten umfassenden Wälzer Deutschland. Globalgeschichte einer Nation, herausgegeben von Andreas Fahrmeir, taucht die Wiedervereinigung lediglich in einem fünfseitigen Kapitel auf. Sie ist auf der gigantischen Zeitachse, die vom Homo heidelbergensis 400 000 vor Christus bis zur Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg reicht, nicht so bedeutend.

Im von Lydia Lierke und Massimo Perinelli herausgegebenen Band Erinnern stören geht es hingegen vor allem um den 9. November 1989 und den 3. Oktober 1990. Das Ende der deutschen Teilung wird dabei jedoch aus der Perspektive derer wiedergegeben, die nicht Teil der hegemonialen Erinnerung sind. Zu Wort kommen Menschen, die in den Jubiläumsreden fehlen, für die die Wiedervereinigung gewalttätige rassistische Übergriffe und das Revival eines völkischen Deutschlands bedeuteten. Beides dauert in der Gegenwart an.

In Fahrmeirs Band tragen 172 Historiker*innen, Kulturwissenschaftler*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen in 177 gut lesbaren Kurzessays »einen Stein zum Mosaik einer Globalgeschichte Deutschlands« bei. Sie reproduzieren dabei kanonische Daten, betten diese aber in ihren globalgeschichtlichen Kontext ein und erweitern sie um neue, unerwartete Ereignisse und Verflechtungen. So ziert beispielsweise das Jahr 1996 ein Text über Roland Emmerichs Alien-Apokalypse-Film »Independence Day«, in dem der US-amerikanische 4. Juli von dem deutschen Regisseur zum Unabhängigkeitstag der ganzen Welt gemacht wird.

Ob der Anspruch des Buchs eingelöst wird, »dem bisherigen kanonischen Zeitstrahl neue Daten hinzuzufügen«, wird sich daran zeigen, ob diese ins kollektive Gedächtnis übergehen. Dass Deutschland – und dessen historische Vorgängergebilde – Hauptakteur bleibt, veranschaulicht, dass selbst globalgeschichtliche Ansätze den Nationalstaat und dessen Mythen affirmieren, auch wenn Fahrmeirs Band die Perspektive von außen und von Minderheiten in kritischen Artikeln präsentiert. Patrice G. Poutrus zeigt beispielsweise, wie der bundesdeutsche »Asylkompromiss« 1993 durch rassistische Pogrome motiviert wurde und das Recht auf Asyl drastisch einschränkte. Annette Ramelsbergers Beitrag demonstriert das Versagen deutscher Behörden beim Prozess gegen den Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und erzählt von »johlenden Neonazis« bei der Urteilsverkündung 2018 sowie der Kontinuität rechtsradikaler Morde bis heute.

Im krassen Gegensatz dazu stehen Texte wie »Sensibler Fußballweltmeister« von Gerhard Delling. Darin wird das »faire und sensible Auftreten der deutschen Nationalmannschaft« bei der WM 2014 in Brasilien mit der »positiven Wahrnehmung Deutschlands in der Welt« gleichsetzt. Der Beitrag strotzt vor deutscher Selbstgefälligkeit und gehört zum Tiefpunkt des Schmökers. Wenn Delling resümiert, dass »ein (deutscher) Nationalspieler eben mehr als ein guter Fußballer sein muss«, sind der sensible globalgeschichtliche Ansatz in der Tonne des schwarz-rot-goldenen Party-Patriotismus versenkt, zwei Weltkriege und der Holocaust »Made in Germany« vergessen sowie die Wiedergutwerdung der Deutschen mit einem goldenen Pott prämiert.

Matthias Politycki resümiert in seinem Beitrag über das Jahr 2015: »Was wir Deutsche als Willkommenskultur feierten, war für Chinesen und viele andere Völker außerhalb der westlichen Hemisphäre nichts anderes als Verrat an der eigenen Kultur«. Das ist in dieser Logik nur noch das 2:0. Spätestens jetzt fällt wachsamen Leser*innen auf, dass die Chronologie weder 1942 noch 1943 einen Beitrag zu Stalingrad aufweist, die Varusschlacht von 9 n. Chr. aber ihren Platz hat.

Lierke und Perinellis Band »Erinnern stören« konzentriert sich dagegen auf die Zeitgeschichte und wechselt zwischen Erlebnisberichten, Interviews und politischen Analysen. Ergänzt werden sie durch Illustrationen von Nino Paula Bulling und Burcu Türker. Der Oral-History-Ansatz inkludiert eine Vielzahl migrantisierter und jüdischer Stimmen. Sie fordern die hegemoniale Erzählung vom Mauerfall als erfreuliches Ereignis für ganz Deutschland heraus und stören die »Vereinigung als deutsche Homogenisierungsgeschichte«. Im Zentrum stehen Allianzen zwischen von Rassismus und Antisemitismus betroffenen Menschen und deren Empowerment durch die Wiedergabe von Wissen. Anstelle eines tausende Jahre umfassenden Zeitstrahls geht es den Autor*innen um eine postmigrantische und »multidirektionale Erinnerung« (Michael Rothberg), die nicht linear ist.

In Gesprächen erklären unter anderem Max Czollek, David Kowalski, Annetta Kahane und Mirna Funk ihre Wahrnehmung der Wiedervereinigung und der Geschichtsdiskurse. »Seit den 90er Jahren ist die Erinnerung an und die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust ein zentrales Moment eines neuen deutschen Selbstverständnisses geworden. Das ist natürlich sehr ambivalent. Es ist einerseits gut, andererseits auch zynisch. Denn das Problem ist, dass dieses Selbstverständnis Grundlage eines neuen Patriotismus ist – Deutschland als Erinnerungsweltmeister« (so Kowalski).

Der Band beschäftigt sich auch mit Can Cadans herausragendem Dokumentarfilm »Duvarlar – Mauern – Walls« (2000). Der türkische Filmemacher aus den USA hat darin die Reaktionen der türkischen Community Berlins 1990/91 auf den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und den Rassismus sichtbar gemacht. Auch sie gehören zu den Stimmen, die bis heute bei den nationalen Feierlichkeiten stören, da sie die »ganze Idee der Wiedervereinigung« als »ethnisch-völkisches Konzept« entlarven. Und sie setzen sie in Bezug zu den Pogromen von Hoyerswerda und Lichtenhagen sowie den rechtsterroristischen Morden von Halle und Hanau.

Patrick Helber

 

Andreas Fahrmeir (Hg.): Deutschland. Globalgeschichte einer Nation. C.H.Beck Verlag, München 2020. 936 Seiten, 39,95 Euro.

Lydia Lierke/ Massimo Perinelli (Hg.) Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Verbrecher Verlag, Berlin 2020. 540 Seiten, 20 Euro.

 

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