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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Die vermeidbare Katastrophe – Warum hungern Menschen, obwohl genug Nahrung produziert wird?

Die vermeidbare Katastrophe – Warum hungern Menschen, obwohl genug Nahrung produziert wird?

Nach Angaben der UN leidet fast ein Zehntel der Weltbevölkerung unter chronischem Hunger. Drei Milliarden Menschen sind zu arm, um sich gesund ernähren zu können. Durch COVID-19 droht die Zahl derjenigen, die von schweren Gesundheitsschäden bis hin zum Hungertod bedroht sind, von 150 auf 280 Millionen zu steigen. Dabei liegt die Menge der pro Kopf verfügbaren Lebensmittel auf einem historischen Höchststand.

von Roman Herre und Philipp Mimkes

Die Zahl der Hungernden steigt seit fünf Jahren kontinuierlich an. Rund 690 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt. 144 Millionen Kinder unter fünf Jahren – weltweit mehr als ein Fünftel aller Kinder – sind in ihrem Wachstum beeinträchtigt. Pro Jahr sterben rund fünf Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, häufig infolge von Unterernährung. Und insgesamt zwei Milliarden Menschen sind von »mittlerer bis schwerer Ernährungsunsicherheit« betroffen, hungern also temporär.

Zwar haben Länder wie China und Vietnam seit der Jahrtausendwende große Fortschritte gemacht. Jedoch steigt in Afrika und Lateinamerika die Zahl der Betroffenen weiter an. In Afrika südlich der Sahara hat fast ein Viertel der dortigen Bevölkerung nicht ausreichend zu Essen, weshalb Afrika als Hungerkontinent wahrgenommen wird. Doch auch in Indien hungern 195 Millionen Menschen – und damit fast so viele wie südlich der Sahara (230 Millionen).

Laut Welternährungsorganisation FAO wurde noch nie so viel Nahrung produziert wie heute. Alle geernteten Pflanzen zusammen liefern etwa das 2,5-fache der zur Ernährung benötigten Kalorienmenge. Viele Kalorien gehen jedoch durch industrielle und energetische Nutzung, Fleischproduktion und Verarbeitungsverluste verloren.

 

Die Getreidelager sind voll

Seit 1960 hat sich die Getreideernte mehr als verdreifacht, die Fleischproduktion mehr als vervierfacht und die Fischmenge gar versechsfacht. Trotz Bevölkerungswachstums steht pro Kopf 30 Prozent mehr Nahrung zu Verfügung als noch vor 60 Jahren. Dieser Trend hält auch unter Corona-Bedingungen an: Nach jüngsten Schätzungen der FAO werden die Getreideernten 2020 rund 2,6 Prozent über denen des Vorjahres liegen. Bereits 2019 wurden für Weizen und Mais Rekordernten eingefahren. UN-Expert*innen schätzen, dass es derzeit genügend Nahrung für 10 bis 12 Milliarden Menschen gibt.1 Der Hunger ist daher einer der großen Skandale unserer Zeit.

Nicht nur die globalen Produktionsvolumina liegen auf Höchststand, auch die Getreidespeicher sind so voll wie nie zuvor. Die Weltgetreidevorräte sind seit 2014 um ein Drittel auf 927 Millionen Tonnen angestiegen (so die Corona-bedingt konservative Schätzung für 2020). Das parallele Ansteigen der Lagerbestände und der Zahl dauerhaft hungernder Menschen zeigt deutlich, wie stark Agrarproduktion und Hunger heute entkoppelt sind. Auch dies entlarvt den immer wiederkehrenden Ruf nach mehr Produktion seitens der Agrarindustrie und der von ihr lobbyierten Staaten als weitgehend interessendominiertes Argument.

 

Landbevölkerung überproportional betroffen

Für eine Bewertung der Welternährungslage sind solche Zahlen allein nicht ausreichend. Es stellen sich zunächst zwei einfache Fragen: Wer hungert überhaupt? Und warum?

Trotz anhaltender Urbanisierung leben heute so viele Menschen von der Landwirtschaft wie nie zuvor. Zählt man Familienangehörige mit, sind es laut FAO rund 2,6 Milliarden Menschen. Die meisten davon sind kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduzent*innen. Etwa 300 bis 400 Millionen arbeiten als Lohnarbeiter*innen, viele davon in extrem prekären Arbeitsverhältnissen auf Plantagen. Sie halten das industrielle Ernährungssystem am Laufen.

Zugleich leidet insbesondere die Landbevölkerung unter Hunger: Kleinbäuer*innen machen rund die Hälfte der Betroffenen aus, Landarbeiter*innen 22 Prozent, Nomad*innen und Indigene rund acht Prozent. Es hungern also paradoxerweise jene Bevölkerungsgruppen, die selbst Nahrung produzieren und die Versorgung mit Nahrung sicherstellen. Die wichtigsten Ursachen hierfür sind Marginalisierung und Diskriminierung: Die Landbevölkerung hat meist nur wenige Möglichkeiten, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen, wird wirtschaftlich benachteiligt und oft in widrige Gebiete abgedrängt – mit schlechten Böden, Trockenheit, Hanglagen, schlechtem Zugang zu Märkten oder fehlender Infrastruktur.

Auch die Arbeitsbedingungen von Plantagenarbeiter*innen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten weiter verschlechtert. Die Löhne sind oft nicht existenzsichernd, gewerkschaftliche Organisation wird kriminalisiert. Die Ursachen hierfür liegen insbesondere in der Marktkonzentration beim Handel und bei der Verarbeitung von Nahrungsmitteln. Der daraus resultierende Preisdruck führt zum Preisverfall der von Kleinbäuer*innen verkauften Nahrungsmittel. La Via Campesina, ein Bündnis von Kleinbäuer*innen, Landarbeiter*innen, Fischer*innen, Landlosen und Indigenen aus über 80 Ländern, bringt diese Benachteiligungen auf den Punkt: »Heute können wir kein Einkommen mehr erwirtschaften, das uns ermöglicht, in Würde zu leben. Eine Mischung aus nationalen Politiken und internationalen Rahmenbedingungen ist verantwortlich dafür, dass wir ausgelöscht werden.«

Das größte Problem ländlicher Bevölkerungsgruppen bleibt der mangelnde Zugang zu Ressourcen, insbesondere Land, Wasser und Saatgut. Auch an günstigen Krediten, lokaler Lagerhaltung oder öffentlicher Schulung fehlt es oft. Die Ursachen sind vielfältig: Die Verschuldung vieler Staaten des Südens, ungünstige politische Rahmenbedingungen wie das Verbot von Zollschranken für den Agrarsektor, eine einseitige Förderpolitik etwa bei der Ausweisung großer Landflächen für agrarindustrielle Farmen, die Vergabe von Forschungsgeldern nur für kommerzielles Saatgut und Steuererleichterungen für Großinvestoren.

 

Verzerrte Wahrnehmung

In der hiesigen Berichterstattung werden zumeist der Klimawandel und bewaffnete Konflikte als zentrale Hungerursachen genannt. Richtig ist, dass beide Faktoren die Situation verschärfen. So haben die Kriege in Syrien, Südsudan und Jemen zu Millionen Hungernden geführt. Trotz eindeutiger Verbote im Völkerrecht wird Aushungern weiterhin als Methode der Kriegsführung eingesetzt.

Und auch die Erderwärmung führt schon heute zum Anstieg des Hungers. Durch extreme Wetterereignisse, die sich seit 1990 mehr als verdoppelt haben, nehmen regionale Störungen in der Agrarproduktion zu. Die Länder südlich der Sahara haben Anbauflächen verloren. Durch Naturkatastrophen werden doppelt so viele Menschen vertrieben wie durch Krieg. Laut einem aktuellen UN-Bericht droht die Erderwärmung »für hunderte Millionen Menschen mangelhafte Ernährung, erzwungene Migration, Krankheit und Tod« mit sich zu bringen. Damit stünden »sämtliche Fortschritte auf dem Spiel, die für die globale Entwicklung, Gesundheit und Armutsbekämpfung in den letzten 50 Jahren erzielt wurden«.2 Dennoch stehen zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch andere Hungerursachen im Vordergrund.

 

Die Ernährung ist oft einseitig und ungesund

Auch wenn die bunten Lebensmittelregale in den Geschäften anderes suggerieren, ist die Welternährung mittlerweile gefährlich einseitig. 75 Prozent der Nahrungsmittel stammen von nur zwölf Pflanzen und fünf Tierarten ab. Gerade drei Nahrungsmittel – Reis, Weizen und Mais – stellen 60 Prozent der pflanzlichen Kalorienversorgung sicher.

Hierzu tragen Akteure wie die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) stark bei (siehe den Beitrag auf S. D7). Mit einer Milliarde US-Dollar privater und staatlicher Gelder versucht AGRA seit 15 Jahren, eine industrielle Landwirtschaft mit Fokus auf wenige kommerzielle Pflanzen – vor allem Mais – zu befördern. Hierdurch ändert sich die Landnutzung gravierend: Laut einer aktuellen Untersuchung expandierte in den 13 Ländern, in denen AGRA aktiv ist, die Anbaufläche von Mais um 45 Prozent. Die Anbaufläche nahrhafter, lokal angepasster Pflanzen wie Hirse sank hingegen. Eine ähnliche Entwicklung ist in Südamerika durch den explodierenden Soja-Anbau zu beobachten, der den Anbau von Obst, Gemüse und anderen Grundnahrungsmitteln zurückdrängt.

Die Agrar- und Ernährungsindustrie leistet starken Widerstand dagegen, in internationalen Vereinbarungen frische Nahrungsmittel und lokale Ernährungssysteme oder Gesundheitsrisiken von hochverarbeiteten Nahrungsmitteln zu thematisieren. Als Teil einer Gegenbewegung wurde das Konzept der Ernährungssouveränität populär: Es betont das Recht von Regierungen, die eigene Landwirtschaft vor Nahrungsmittelimporten, Dumpingpreisen und dem Einfluss des Agro-Business zu schützen. Zentrales Anliegen von Ernährungssouveränität sind mehr Rechte für Kleinproduzent*innen wie etwa Zugang zu Land und mehr Rechte der Konsument*innen auf freie Wahl ihrer Nahrungsmittel.

 

Zwischen Weltmarkt und Bauernmärkten

Im Globalen Süden wird die Landwirtschaft von kleinbäuerlichen Strukturen dominiert. In vielen Ländern sind über 70 Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft aktiv. Sie bilden das Rückgrat der lokalen und nationalen Ernährungssicherung. Trotz dieser wichtigen Funktion werden sie von ihren Regierungen kaum unterstützt. Deren Fokus – wie auch jener der Entwicklungszusammenarbeit des Globalen Nordens – liegt auf der Exportproduktion (Cash Crops) und agrarischen Wertschöpfungsketten. Diese Ausrichtung baut jedoch in erster Linie auf den Interessen global agierender Agrar- und Ernährungsunternehmen auf.

So ist es nicht verwunderlich, dass immer weniger landwirtschaftliche Produkte direkt für die Ernährung verwendet werden. Nur noch 43 Prozent der Weltgetreideernte landen heute laut FAO direkt auf dem Teller. Ein wachsender Anteil hingegen wird als Futtermittel (36%), für industrielle Nutzung (11 %) und zur Energiegewinnung (10%) verwendet.

Die Weltbank propagiert seit den 1980er Jahren den Ansatz der »handelsbasierten Ernährungssicherung«. Die Produktion soll sich demnach auf den Weltmarkt ausrichten, die nationale Ernährungssicherung hingegen verstärkt über den Import von Nahrungsmitteln gesichert werden. Hierfür sind Handelsliberalisierungen wie niedrige Zölle von zentraler Bedeutung. Durch diese einseitige Politik wurden die fünfzig ärmsten Länder seit den 1980er Jahren von Selbstversorgern und Netto-Exporteuren von Nahrungsmitteln zu Netto-Importeuren. Heute müssen diese Länder jährlich 46 Milliarden US-Dollar für den Import von Grundnahrungsmitteln aufwenden.3 Diese Abhängigkeit erklärt auch, wie der rasante Anstieg der Weltmarktpreise für Nahrungsmittel in Folge der Finanzkrise 2007/ 2008 zu Hungerrevolten in rund 40 Ländern führte.

Ein weiteres Problem der Fokussierung auf den ‚freien‘ Weltmarkt ist die extrem ungleiche Förderung der Landwirtschaft: Die OECD-Staaten unterstützen ihre Landwirtschaft jährlich mit 346 Milliarden US-Dollar, während die Hilfen für kleinbäuerliche Landwirtschaft im Globalen Süden oft minimal sind.4 Dies auch, weil dort vorhandene Förderungen im Rahmen der Strukturanpassungsmaßnahmen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) seit den 1980er Jahren immer mehr zusammengestrichen wurden.

Zugleich werden die für die Versorgung zentralen lokalen Bauernmärkte von der Politik ignoriert. Der Generalsekretär des Westafrikanischen Kleinbauernnetzwerkes ROPPA erklärt dazu: »Die ‚unsichtbaren‘ Märkte, in denen die meisten Kleinproduzent*innen aktiv sind, fallen unters Radar. Dies sind die Märkte, durch die die meisten Nahrungsmittel fließen, aber sie werden ignoriert. Wir verlangen, dass die Politik diese Strukturen fördert, anstatt Entscheidungen auf Basis internationaler Märkte zu treffen, die völlig anders funktionieren.«

 

Menschenrechte im Zentrum der Lösung

Das Recht auf Nahrung gehört zu den verbrieften Menschenrechten und ist damit Teil des internationalen Rechts. Es betont den Zugang zu produktiven Ressourcen und damit das Recht, sich selbst in Würde ernähren zu können. Marginalisierte Gruppen genießen bei der Umsetzung Priorität. Über die Einhaltung wacht der UN-Sozialausschuss. Dieser äußerte sich schon vor über zwanzig Jahren deutlich zu den Debatten um globale Produktionsmengen: »Im Grunde liegt die Wurzel von Hunger und Mangelernährung nicht in einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern im mangelnden Zugang großer Teile der Weltbevölkerung zu den verfügbaren Nahrungsmitteln.« 5

Eine Welt ohne Hunger wird es daher nur geben, wenn die Verwirklichung der Rechte von benachteiligten Menschen an erster Stelle steht. Dafür dürfen Hungernde und Fehlernährte nicht als passive Bedürftige gesehen werden. Sie müssen vielmehr die Rolle von aktiv handelnden Subjekten einnehmen können. Ein Positivbeispiel auf globaler Ebene ist der Welternährungsrat CFS, in dem organisierte Plantagenarbeiter*innen, Kleinbäuer*innen, Indigene und andere von Hunger betroffene Gruppen bei Strategien zur Hungerbekämpfung direkt mitreden können. Die Erfahrungen von Menschenrechtsorganisationen zeigen, dass völkerrechtliche Mindeststandards wie Kernarbeitsnormen, Menschen-, Frauen- und Landrechte nur dann effektiv durchgesetzt werden, wenn die betroffenen Gruppen es schaffen, sich zu organisieren und Handlungsdruck auf staatliche Akteure und auf Unternehmen auszuüben.

Das Konzept der Ernährungssicherheit – entstanden in den 1970er Jahren im Kontext der Hungerbekämpfung durch die FAO – bietet hingegen keine ausreichenden Antworten auf die strukturellen Probleme. Die Verengung auf technische und vermeintlich politisch neutrale Lösungen mit einseitigem Fokus auf globale Produktionsmengen ist nicht nur inhaltlich falsch. Die tonangebenden Akteure schaffen es damit auch, ihre eigene Markt- und Machtexpansion in eine Lösung für den Hunger in der Welt umzuetikettieren.

 

Anmerkungen

1  Economic and Social Council of the United Nations (2006): Report of the Special Rapporteur on the right to food, S.4.

2  Climate Change and Poverty (2019). https://undocs.org/A/HRC/41/39

3  Statistische Datenbank der UNCTAD

4  OECD (2017); Agricultural Policy and Evaluation 2017

5  CESCR (1999): Allgemeiner Rechtskommentar 12 zum Recht auf Nahrung

 

 

Roman Herre ist Agrarreferent der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland. Philipp Mimkes ist ihr Geschäftsführer. FIAN setzt sich seit 1986 weltweit für das Recht auf Nahrung ein.

 

 

Globale Hungerzahlen sind mit Vorsicht zu genießen

Wer heute von 690 Millionen Hungernden weltweit spricht, bezieht sich auf die Schätzungen der FAO. Diese globalen Hungerzahlen bilden jedoch nicht die ganze traurige Realität ab. Per Definition werden nur Personen gezählt, die über ein ganzes Jahr hindurch nicht genug zu essen haben und schweren Hunger leiden. Die vielen Menschen, die unregelmäßig – sei es durch Dürren oder prekäre, saisonale Jobs – nicht ausreichend zu essen haben, werden nicht mitgezählt.

Die FAO-Zahlen beziehen sich zudem in erster Linie auf den Kalorienverbrauch. Mangelernährung, die oft bei armen Menschen durch einseitige Ernährung auftritt, wird weitgehend ausgeklammert. Der Kalorienverbrauch ist außerdem sehr niedrig angesetzt. Er bezieht sich auf Menschen mit einem bewegungsarmen Lebensstil (Bürotätigkeiten). Legt man den Kalorienverbrauch etwa von Landarbeiter*innen zugrunde, schnellen die Zahlen um die Hälfte in die Höhe.

Die Zahlen basieren nicht auf Untersuchungen vor Ort, sondern auf Schätzungen am Schreibtisch. Ihre Methodik wird zudem immer wieder geändert. Als die FAO sie 2012 änderte, gab es auf einmal 100 Millionen weniger Hungernde.

382 | Welternährung
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