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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Der Hunger bleibt - Die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« schadet Mensch und Umwelt

Der Hunger bleibt - Die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« schadet Mensch und Umwelt

Die negativen Auswirkungen des industriellen Agrarmodells sind durch zahlreiche Studien gut belegt: Hunger und soziale Ungleichheit wachsen, Pflanzen- und Tierarten sterben aus und die Klimakrise schreitet voran. Dennoch setzen Regierungen in Nord und Süd zur Sicherung der Welternährung weiter auf den Intensivierungsansatz der Grünen Revolution. Eine neue Studie über die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« (AGRA) zeigt, wie dieser Ansatz selbst an seinen eigenen Versprechen scheitert.


von Lena Bassermann

Es klingt vielversprechend: Im Rahmen einer Grünen Revolution die Landwirtschaft modernisieren, die Erträge steigern und so den Hunger bekämpfen. Doch unabhängige Bestandsaufnahmen zeigen, dass dieses Modell nicht funktioniert. Beispiel Ruanda: Eine Untersuchung1 über die Auswirkungen der Grünen-Revolutions-Politiken auf Kleinbäuerinnen und -bauern ergab, dass nur eine relativ wohlhabende Minderheit von ihnen in der Lage war, die Modernisierung umzusetzen und von ihr zu profitieren. Stattdessen erhöhte sich die Ungleichheit für ärmere Landbewohner*innen. Negativ wirkte sich auch aus, dass traditionelle Agrarpraktiken unterbrochen und damit die lokalen Wissens-, Handels- und Arbeitssysteme beeinträchtigt wurden. Unter dem Strich nahm die Armut zu.

Ähnliche Warnungen vor der agro-industriellen Landwirtschaft und ihrer Grünen Revolution gibt es zuhauf. Schon vor mehr als zehn Jahren kamen die Autor*innen des Weltagrarberichts (ISTAAD) zu dem Ergebnis, dass ein »weiter so« in der landwirtschaftlichen Produktion keine Option ist, wenn Hunger und Armut überwunden werden sollen. Auch Berichte des Weltklimarates IPCC und des Weltbiodiversitätsrates IPBES belegen die schädlichen Effekte. Im November veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) einen Bericht zur Agrarpolitik, in dem er »eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft durch ihre umfassende Ökologisierung« fordert.

Zu offensichtlich sind insbesondere die Probleme des Ansatzes der Grünen Revolution. Demzufolge werden durch eine Intensivierung landwirtschaftlicher Nutzflächen mit konventionellen Anbaumethoden Erträge massiv gesteigert und damit die Welternährung gesichert. Internationale Politik und Agrarkonzerne setzen seit den 1960er Jahren auf diesen Ansatz, der ständig weiterentwickelt wird. Auch Entwicklungsprogramme im Globalen Süden setzen bis heute bevorzugt auf diesen Technologiemix aus chemischen Düngemitteln, Pestiziden und Hybridsaatgut, um die Produktion von kleinbäuerlichen Erzeuger*innen zu steigern. Dabei werfen die vielen Geschichten des Scheiterns die Frage auf, ob dieser Ansatz überhaupt funktionieren kann. Immer mehr deutet darauf hin, dass bereits die Grundannahme der Ertragssteigerung falsch ist.

Leere Versprechen für »Afrika«

Das zeigt auch eine aktuelle Analyse2 von Timothy Wise über die milliardenschwere »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA)«. Diese Allianz wird gebildet aus finanzkräftigen privaten Geldgebern wie der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung sowie aus Privatunternehmen wie dem Futter- und Lebensmittelkonzern Cargill oder der Bayer AG. Letztere ist eine der ganz großen Akteurinnen, wenn es um den Verkauf von Pestiziden und Saatgut geht. Mit Unterstützung zahlreicher afrikanischer und internationaler Regierungen, darunter auch der deutschen, setzen sie alle gemeinsam auf das Modell der Grünen Revolution. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sollen mit landwirtschaftlichen Betriebsmitteln versorgt werden und vor allem intensiv Mais als Monokultur anbauen.

Ein Bündnis aus zehn afrikanischen und deutschen Organisationen beauftragte den US-amerikanischen Wissenschaftler Timothy Wise, eine Analyse der Situation in den AGRA-Schwerpunktländern durchzuführen. Er sollte genau hinschauen, was aus den vollmundigen Versprechen geworden ist, mit denen die Agrarallianz erfolgreich um internationale Geber wirbt. In 14 Jahren sollten die Erträge von 30 Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Ländern der Allianz verdoppelt und der Hunger für sie beendet werden. Wie ehrgeizig dieses Versprechen ist, zeigt ein Blick auf die Daten, die die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zur Verfügung stellt. Denn 30 Millionen entsprechen in etwa allen kleinbäuerlichen Betrieben, die es überhaupt in den 13 AGRA-Ländern gibt.

Bereits bei der Gründung im Jahr 2006 regte sich weltweit Widerstand gegen AGRA. Afrikanische und internationale zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Wissenschaftler*innen äußerten Bedenken, bisher allerdings mit wenig Erfolg. AGRA hat bis heute keine offizielle Evaluierung veröffentlicht und auch auf Nachfrage keine Zahlen über die erzielten Wirkungen bekannt gegeben. Die Studie von Wise gibt nun einen Hinweis, warum das so war. Denn ihr Fazit lautet: Die AGRA ist an ihren eigenen Versprechen gescheitert.

Statt wie vorgesehen die Erträge in den 13 AGRA-Ländern zu verdoppeln, wurden sie in 14 Jahren um nur 18 Prozent erhöht. Das entspricht einem jährlichen Anstieg von 1,5 Prozent und ist damit vergleichbar mit der Zeit vor AGRA. In den zwölf Jahren davor betrug die Steigerung bereits 17 Prozent. Und statt wie beabsichtigt die Einkommen der 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalte zu verdoppeln, ist im Gegenteil die Zahl der Hungernden in den AGRA-Ländern um 30 Millionen Menschen gestiegen – ein Anstieg von 30 Prozent gegenüber der Zeit vor AGRA.

Wise’ Studie zeigt zudem, dass das AGRA-Modell zu Lasten der Nahrungsmittelvielfalt geht, die so wichtig für eine gesunde Ernährung und die Überwindung von Hunger ist. So ist etwa ein deutlicher Rückgang von traditionellen Ackerfrüchten wie Hirse zu beobachten. Zugleich schadet der Ansatz der Umwelt. Die Produktionssteigerungen in den AGRA-Zielländern basieren größtenteils auf der Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbauflächen. Sowohl der starke Flächenverbrauch als auch die Förderung des Ausbringens von synthetischen Düngemitteln, die mit großem Energieaufwand hergestellt werden müssen, gehen mit hohen Emissionen von Treibhausgasen einher. Dies verschärft die Folgen des Klimawandels und erschwert es den bäuerlichen Erzeuger*innen, sich an dessen Folgen anzupassen.

 

Auch in Tansania nichts Gutes durch AGRA

Wie das AGRA-Modell in der Praxis funktioniert, veranschaulicht eines der Fallbeispiele der Studie. In Tansania schließen einzelne Gruppen im Namen ihrer Mitglieder, jeweils bestehend aus mehreren kleinbäuerlichen Erzeuger*innen, Verträge mit Agrarchemiehändlern. Sie zahlen die Hälfte der Kosten im Voraus und den Restbetrag auf Kredit. Diese Schulden müssen nach der Ernte zurückgezahlt werden. Die Verträge untersagen ihnen, Mischkulturen anzubauen. Doch wenn jede Ackerfrucht auf einem gesonderten Feld angebaut werden muss, steigt der Produktionsaufwand enorm und es geht Vielfalt verloren. Zudem schwanken die Preise im landwirtschaftlichen Sektor und sind gerade zur Erntezeit, wenn die Kredite zurückgezahlt werden müssen, oft äußerst niedrig.

Gruppeninterviews mit kleinbäuerlichen Erzeuger*innen im tansanischen Dorf Ibembwa im Distrikt Mbozi ergaben, dass 2019 die Maispreise so niedrig waren, dass manche Kleinbäuerinnen und -bauern sogar ihr Vieh verkaufen mussten, um Schulden für Inputs wie Saatgut zu begleichen. Gelingt es ihnen nicht, die Kredite zu bedienen, geraten sie in eine Schuldenfalle. Die ungleichen Machtverhältnisse werden besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass Agrarchemiehändler und Saatgutkonzerne hierbei wenig Risiko tragen. Obwohl AGRA seit vielen Jahren in Tansania tätig ist, geht die Strategie der Grünen Revolution hier nicht auf: Zwischen 2004 und 2018 ist die Zahl unterernährter Menschen um vier Millionen auf nun 17,6 Millionen gestiegen.

Doch AGRA arbeitet nicht nur mit Bäuerinnen und Bauern zusammen. Die Agrarallianz lobbyiert auch bei Regierungen im Interesse von Agrarkonzernen, zum Beispiel bei der Gesetzgebung für Düngemittelhersteller und Saatgutfirmen, anstatt sich für den freien Austausch von bäuerlichem Saatgut und bessere Erzeugerpreise einzusetzen.

 

Die neue Grüne Revolution

Obwohl AGRA bislang keinerlei öffentliche Rechenschaft über erzielte Wirkungen und damit über die Verwendung von rund einer Milliarde US-Dollar an privaten und öffentlichen Geldern abgelegt hat, genießt die Allianz politisches Vertrauen. So hat UN-Generalsekretär Antonio Gutierrez die AGRA- Präsidentin Agnes Kalibata zur Sonderberichterstatterin des UN-Welternährungsgipfels berufen. Er soll 2021 unter dem Titel »UN Food Systems Summit« über die Zukunft der Welternährung beraten. Im offiziellen Schreiben zu Kalibatas Ernennung nimmt Gutierrez an, dass AGRA »durch schnelles, integratives, nachhaltiges landwirtschaftliches Wachstum ein nahrungssicheres und wohlhabendes Afrika ermöglicht und die Produktivität und die Lebensgrundlagen von Millionen von Kleinbauern in Afrika verbessert.«

In der aktuell durch Covid-19 ausgelösten Ernährungskrise bleiben die Positionen von AGRA ebenfalls einem »weiter so« verhaften. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sollen sich an die neuen Realitäten durch die Pandemie anpassen. Die Regierungen sollen globale Lieferketten insbesondere für Dünger und Saatgut aufrechterhalten. Gestützt wird diese Position auch mit dem Logo des deutschen Entwicklungsministeriums BMZ.

Dahinter steht der feste Glaube an den globalen Handel von Agrarprodukten für eine weltweite Ernährungssicherung. Laut der kanadischen Wissenschaftlerin Jennifer Clap ist die Integration von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in globale Lieferketten sogar das zentrale Merkmal der »neuen Grünen Revolution«.3 Diese hat in der Zeit nach der Welternährungskrise der Jahre 2007/2008 ihren Anfang genommen und nahm vor allem afrikanische Staaten in den Fokus, da dort die Hungerzahlen am bedrohlichsten anstiegen. Eine Reihe an Initiativen wurde aus dem Boden gestampft. Die AGRA-Allianz ist eine von ihnen, andere sind die Neue Allianz der G8 (New Alliance for Food Security and Nutrition) oder Grow Africa. Sie alle haben bis jetzt kaum zu einer Verbesserung der Ernährungssituation in afrikanischen Ländern beigetragen.

 

Stimmt die Grundannahme überhaupt?

Angesichts der umfangreichen Belege für das Scheitern der Grünen Revolution bestehen große Zweifel daran, dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern unbedingt weiter an sie herangeführt werden sollen. Viele Wissenschaftler*innen zweifeln insbesondere die Wirkung des grünrevolutionären »Dreiklangs« aus Dünger, Saatgut und Pestiziden an. Der indische Wissenschaftler Kapi Subramanian konnte beispielsweise zeigen, dass der Anstieg der indischen Weizenproduktion vor allem auf die Ausweitung der bewässerten Flächen zurückzuführen war.4 Denn Bewässerung ist nötig, damit der chemische Dünger seine Eigenschaften entfalten kann. Dem verwendeten Hybridsaatgut hingegen schreibt Subramanian keinen Einfluss auf höhere Erträge zu. Im Gegenteil: Wurden die Düngermengen reduziert, schnitten die traditionellen indischen Saatgutsorten besser ab als die so genannten Hochleistungssaatgutsorten. Diese konnten die beabsichtigen Ertragsteigerungen nur mit einem extrem hohen Düngemitteleinsatz in Kombination mit Bewässerung erzielen – was aber mit hohen ökonomischen und ökologischen Kosten einhergeht. Eine »billigere« Revolution, so Subramanian, wäre durch eine sparsame Anwendung von verfügbarem Dünger auf traditionelles indisches Saatgut zu erzielen gewesen – mit den gleichen Effekten und deutlichen finanziellen Vorteilen für die Bäuerinnen und Bauern.

Die Formel »doppelte Einkommen durch doppelte Erträge« scheitert regelmäßig an der Realität. Die benötigten externen landwirtschaftlichen Inputs sind teuer, ihre Beschaffung stellt für kleinbäuerliche Erzeuger*innen eine teils unüberwindbare Hürde dar. Zweifelsfrei können die Erträge von Kleinbäuerinnen und -bauern kurzfristig steigen, wenn sie zusätzliche Inputs einsetzen. Da dann aber die Kosten steigen, wird sich das Einkommen nicht verdoppeln, wenn sich die Produktion pro Hektar verdoppelt. Das trifft umso mehr zu, wenn kleinbäuerliche Erzeuger*innen gezwungen sind, weitaus mehr Inputs als bisher zu kaufen.

Darüber hinaus ignoriert die Formel, dass die Verkaufspreise für Nutzpflanzen wie Mais extrem schwanken und vom internationalen Agrarhandel beeinflusst werden. Gerade kleinbäuerliche Erzeuger*innen können aber mit dem Verkauf ihrer Ernte nicht warten, denn sie benötigen die Einnahmen zur Deckung laufender Kosten, der Begleichung von Schulden und zur eigenen Lebenshaltung häufig sofort. Außerdem haben sie meist nicht die Lagerkapazitäten, um ihre Güter später zu besseren Preisen verkaufen zu können.

Neue Krise, alte Ansätze

Wie die Beispiele Tansanias und Ruandas zeigen, profitieren gerade arme Bäuerinnen und Bauern in der Regel nicht von Programmen der Grünen Revolution. Es ist daher kein Zufall, dass Initiativen wie AGRA bevorzugt mit so genannten »Potentialbauern« zusammenarbeiten, die über mehr Land und Kapazitäten verfügen, um überhaupt ausreichende Mengen für globale Lieferketten zu produzieren. Steigende Hungerzahlen und ausbleibende Wirkungen zeigen jedoch, dass damit Hunger und Armut nicht überwunden werden können. Genau das muss jedoch das Ziel von Entwicklungsprogrammen im Bereich Landwirtschaft und Ernährung sein. Eine Neuausrichtung der Ansätze am Menschenrecht auf Nahrung und an den Bedürfnissen von Betroffenengruppen statt an den Interessen von Agrarkonzernen ist hierfür Voraussetzung.

Dennoch konnte sich diese Erkenntnis als Lehre aus früheren Krisen auch in der Covid-19-Pandemie bislang nicht durchsetzen. Diese verdeutlicht derzeit auf dramatische Weise, vor welchen gewaltigen Problemen das globale Ernährungssystem steht – unter anderem weil Nahrungsmittelketten rapide unterbrochen wurden. Entscheidend ist nun, dass neue Subventionssysteme geschaffen werden, die die Arbeit von Bäuerinnen und Bauern sowie Landarbeiter*innen gleichermaßen unterstützen, eine ökologische, lokale Produktion von vielfältigen Lebensmitteln für die Versorgung vor Ort begünstigen und alternative Vermarktungskonzepte in den Blick nehmen. Ein »weiter so« stellt keine Option dar, das zeigt die Corona-Krise aufs Neue.

 

Anmerkungen

1 Neil Dawson, Adrian Martin and Thomas Sikor (2016): Green Revolution in Sub-Saharan Africa: Implications of Imposed Innovation for the Wellbeing of Rural Smallholders. https://bit.ly/2UcKTGc

2 INKOTA, Rosa Luxemburg-Stiftung et al. (2020): Falsche Versprechen. Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika. https://webshop.inkota.de

3 Jennifer Clapp & William G. Moseley (2020): This food crisis is different: COVID-19 and the fragility of the neoliberal food security order. The Journal of Peasant Studies. https://bit.ly/32vKHWP

4 Kapil Subramanian (2015): Revisiting the Green Revolution. Irrigation and Food Production in Twentieth-Century India. https://bit.ly/3eKq0eJ



 

Lena Bassermann ist Referentin für Welternährung und globale Landwirtschaft bei INKOTA. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Agrarökologie, gerechte Ernährungssysteme und bäuerliche Rechte.

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