Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Mehr als ein Anbausystem - Wie die Agrarökologie das Ernährungsregime revolutionieren kann

Mehr als ein Anbausystem - Wie die Agrarökologie das Ernährungsregime revolutionieren kann

Einschlägige Konzerne verbreiten seit Jahrzehnten die Mär, die Weltbevölkerung sei nur mittels agroindustrieller Monokulturen zu ernähren. Doch agrarökologische Ansätze widerlegen diese Behauptung in Theorie und Praxis. Ein Expertengremium der UNO kommt zu dem Schluss: Agrarökologie bedeutet mehr als nur ein Anbauverfahren, sie zielt auf grundlegende Umgestaltung des globalen Ernährungsregimes.

 

von Peter Clausing

Mit Hilfe der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) wird derzeit seitens mächtiger westlicher Akteur*innen alles getan, um die afrikanische Landwirtschaft auf agroindustriellen Anbau zu trimmen (siehe S. D7 in diesem Dossier). Doch trotz all solcher Bemühungen kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich eines Tages doch agroökologische Anbauverfahren durchsetzen. Um diese Chance nicht zu verpassen, wurde die N2Africa-Initiative ins Leben gerufen. Maßgebliche Akteure sind die Gates- und die Howard-G.-Buffett-Stiftung, die niederländische Universität Wageningen und das Internationale Institut für tropische Landwirtschaft (IITA), ein ebenfalls von der Gates-Stiftung mitfinanziertes Institut.

Mit dem 2009 in 13 afrikanischen Ländern begonnenen Projekt, das sich später auf Äthiopien, Ghana, Nigeria, Tansania und Uganda konzentrierte, sollen nach eigenen Angaben die Ernährungssicherheit armer Bevölkerungsgruppen verbessert und über 550.000 Bäuerinnen und Bauern erreicht werden. Das Ziel ist klar definiert: N2Africa arbeitet »mit dem privaten Sektor zusammen, um eine stabile Versorgung mit landwirtschaftlichen Inputs wie Saatgut, Dünger und Impfkulturen zu sichern«. Es geht bei N2Africa insbesondere um die Privatisierung von Leguminosen-Saatgut und die Kommerzialisierung von Rhizobien-Bakterienstämmen, die bei agrarökologischen Anbausystemen eine wichtige Quelle der Stickstoffdüngung darstellen.

N2Africa ist somit ein Paradebeispiel für die Verzerrung agrarökologischer Konzepte: Einzelne Komponenten werden isoliert und als vermeintliche technologische Lösung präsentiert. Der Kontrast zu den Vorschlägen des Gremiums hochrangiger Expert*innen für Ernährungssicherheit (HLPE) des Komitees für Welternährungssicherheit (CFS) der UNO könnte nicht größer sein.

 

Überraschend deutlich formuliert

Das HLPE veröffentlichte 2019 einen umfassenden Bericht zur Rolle der Agrarökologie auf dem Weg zur Schaffung globaler Ernährungssicherheit.1 Die Erkenntnisse des HLPE sind nicht neu, sie werden seit Jahren von immer mehr Wissenschaftler*innen diskutiert. Doch die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen sind für ein Gremium, das von den Vereinten Nationen beauftragt wurde, überraschend deutlich formuliert. Agrarökologie, in ihren Anfängen eine Disziplin angewandter biologischer Wissenschaften, wird in dem HLPE-Bericht als »dreifache Manifestation« betrachtet: als Wissenschaft, als landwirtschaftliche Praxis und als soziale Bewegung. Darauf fußend entwickelte das HLPE-Gremium die Vision einer fünfstufigen Transformation zu einem »neuen globalen Ernährungssystem, basierend auf Partizipation, Regionalität, Fairness und Gerechtigkeit«.

Damit wird deutlich, dass eine nachhaltige Transformation des Welternährungssystems, die diesen Namen tatsächlich verdient, sich nicht auf die Abschaffung von Agrochemikalien beschränkt. Folgerichtig sehen HLPE-Mitstreiter Alexander Wezel und seine Mitautor*innen2 im Verzicht auf die Nutzung von teuren, umweltschädigenden Inputs nur den ersten Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welternährung. Die Vergabe von Öko-Labels kann dabei zwar unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen hilfreich sein, aber die Transformation darf sich nicht darin erschöpfen. Der Bio-Landbau ist keine Garantie für soziale Gerechtigkeit, wenn sich das so bebaute Land in den Händen weniger finanzstarker Investor*innen konzentriert.

Laut Wezel und Kolleg*innen sind der Ersatz von chemischen Inputs durch agrarökologische Anbauverfahren und Etablierung betriebsinterner Stoffkreisläufe nur erste Schritte bei einem solchen Übergang. Der Übergang selbst beginnt erst mit einer kompletten Neugestaltung der Agroökosysteme, setzt sich fort mit der (Re)-Etablierung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Produzent*innen und Konsument*innen mittels alternativer Nahrungsnetzwerke und soll in einem neuen globalen Ernährungssystem gipfeln.

Das HLPE-Gremium definierte dazu 13 »konsolidierte« agrarökologische Prinzipien. Einige davon – wie Recycling, Reduzierung externer Inputs, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität – kommen sofort in den Sinn, sie gehören einfach zu dem, was man sich unter Agrarökologie vorstellt. Andere genannte Prinzipien wie die gemeinsame Schaffung und der freie Austausch von Wissen, soziale und Geschlechtergerechtigkeit, Fairness oder Partizipation bei der Entscheidungsfindung entsprechen der dritten HLPE-»Manifestation« von Agrarökologie. Diese Manifestation bedeutet nichts anderes als die Forderung nach der Schaffung einer gerechten (Welt)-Gesellschaft. Die Prinzipien der dritten Manifestation – soziale Bewegung – können laut HLPE nicht isoliert auf die Sicherung der Welternährung angewendet werden, wenn die übrigen gesellschaftlichen Sphären auf Ausbeutung, Extraktion und Umweltzerstörung basieren.

 

Weg von den Scheinlösungen

In Ländern, in denen kleinbäuerliche Landwirtschaft dominiert und ein großer Teil der Bevölkerung von landwirtschaftlicher Erwerbstätigkeit lebt, hätte eine im Agrarbereich beginnende gesellschaftliche Transformation ein größeres Gewicht als in Industriestaaten. Trotz gegenläufiger Tendenzen wie Landgrabbing, Extraktivismus und auf unfairem Handel beruhende globale Wertschöpfungsketten stehen die Chancen für einen solchen Übergang nicht so schlecht, wie man annehmen könnte. Das grandiose Scheitern der AGRA, der Klimawandel und der verschärfte Zwang zu Flucht und Migration zwingen förmlich dazu, die Welt der Scheinlösungen zu verlassen und nachhaltige Verbesserungen zu etablieren.

Fundierte Prognosen belegen, dass die Ernährung von knapp zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 mit agrarökologischen Anbauverfahren möglich ist. Ein Beispiel dafür ist das vom indischen Entomologen Zeyaur Khan entwickelte agrarökologische Push-Pull-Verfahren, das zu einer Verdreifachung der Maiserträge führt.3 Dabei wird eine Hülsenfruchtart, die als Viehfutter dient und einen für Schädlinge abstoßenden Geruch verbreitet, zwischen den Mais gepflanzt (Push). Elefantengras umgibt das Feld und lockt weibliche Schädlinge an (Pull), wobei ihre dort abgelegten Eier sich nicht entwickeln können.

Die Zahl der Anwender*innen in Afrika stieg von 50.000 in 2012 auf heute über 230.000. Khan geht davon aus, dass die solcherart verbesserte Einkommenslage auf dem Land den Urbanisierungstrend stoppen kann: »Zwei Dollar ist die magische Zahl in Afrika. Wenn ein Bauer auf seinem Hof mehr als zwei Dollar pro Tag verdienen kann, was dem Betrag entspricht, den er durchschnittlich verdienen würde, wenn er in die Stadt migriert, dann bleibt er auf dem Land.«

Doch die Agrarkonzerne behaupten weiter, dass Ertragssteigerungen nur mit Hilfe von Hybridsorten, Pestiziden und synthetischem Dünger möglich seien. Die Konzerne gehen dabei unter anderem von Monokulturen und deren auf den ersten Blick riesigen Hektarerträgen aus. Eine »komplette Neugestaltung der Agroökosysteme« im Sinne des HLPE schlösse jedoch das sogenannte Multicropping ein – den gleichzeitigen Anbau sich gegenseitig ergänzender Fruchtarten. Damit ginge der eigentliche Flächenertrag oftmals über den einfachen Hektarertrag hinaus. Eine weitere Unterstellung seitens der Konzerne ist die Fortschreibung globaler Trends beim Konsum von tierischem Eiweiß und nahrungsfremder Verwendung landwirtschaftlicher Produkte (Agrotreibstoffe).

 

Ein tragfähiges Wachstum

Sicher, agrarökologischer Anbau ist arbeitsaufwendiger und nach derzeitigen betriebswirtschaftlichen Maßstäben teurer als agrarindustrielle Produktion. Doch bei letzterer ist die Externalisierung zahlreicher Kosten ausgeblendet. So werden allein die Gesundheitskosten durch hormonschädliche Pestizide in der EU auf jährlich 120 Milliarden Euro geschätzt.4 Für viele andere Externalisierungen fehlen solche Hochrechnungen gänzlich. Diese Art von Marktverzerrung ist in Regionen mit höherem Anteil an kleinbäuerlichen Betrieben weniger durchschlagend.

Dem HLPE-Bericht ist zu entnehmen, dass zwischen 2009 und 2017 die agrarökologisch bewirtschafteten Flächen in Afrika, Asien und Ozeanien deutlich schneller wuchsen als in Europa, Latein- und Nordamerika. Bei der knappen Verdopplung der globalen Flächen in diesem Zeitraum auf 69,9 Millionen Hektar stieg der Anteil Afrikas, Asiens und Ozeaniens von 46 auf 63 Prozent. Diese Entwicklung kann durchaus als weiterer indirekter Beleg für die Tragfähigkeit agrarökologischer Konzepte gewertet werden.

 

Anmerkungen

1 HLPE (2019): Agroecological and other innovative approaches for sustainable agriculture and food systems that enhance food security and nutrition.

2 Alexander Wezel et al. (2020): Agroecological principles and elements and their implications for transitioning to sustainable food systems. A review. Agronomy for Sustainable Development. https://doi.org/10.1007/s13593-020-00646-z

3 www.push-pull.net

4 L. Trasande et al. (2016): Burden of disease and costs of exposure to endocrine disrupting chemicals in the European Union: an updated analysis. Andrology 4: 565–572.



 

Peter Clausing ist Landwirt und Toxikologe. Er engagiert sich bei México via Berlín e.V. und beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany).

382 | Welternährung
Cover Vergrößern