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Der neue Weg

Hefteditorial

Rückblickend mag die Welt im Jahr 1970 einfacher gewesen sein. Es war eine bipolare Welt, in der Konflikte in der Regel als Systemkonflikte interpretiert wurden: Da gab es den kommunistischen Osten und den kapitalistischen Westen. Der Vietnamkrieg galt wie viele andere Konflikte als Stellvertreterkrieg, den die rivalisierenden Systeme ausfochten, um einer direkten Konfrontation (und der Gefahr eines Atomkriegs) aus dem Weg zu gehen. In den Kriegen jener Zeit kämpften überall »Imperialisten« gegen »Kommunisten«, Schattierungen in der schwarz-weißen Welt wollten oder sollten nicht gesehen werden.

Demokratisch gewählte Sozialist*innen wie Salvador Allende in Chile hatten nicht zuletzt deshalb keine Chance, weil für sie in diesem Weltbild kein Platz vorgesehen war. Vor 50 Jahren, im November 1970, war Allende zum Präsidenten Chiles gewählt worden. Er wollte den demokratischen Sozialismus in der Praxis umsetzen. Das verursachte Gegenreaktionen: »Ich habe beschlossen, dass wir Allende von der Bühne holen«, sagte US-Präsident Nixon nach der chilenischen Wahl und der Verstaatlichung der Kupferindustrie, denn: »Er ist ein Feind.« Drei Jahre später war das Experiment beendet. Der rechte General Pinochet hatte geputscht und Chile über Jahrzehnte zu einer Militärdiktatur gemacht.

 

Ebenfalls im November 1970 im südwestdeutschen Freiburg erschien die erste Ausgabe der iz3w, die sich noch viel mit Chile beschäftigen sollte. Ihr damaliger Name war »blätter des informationszentrums dritte welt«. Die Macher*innen der ersten Stunde glühten für den demokratischen Sozialismus, die undogmatische Linke, und für die aus dem »Prager Frühling« gebliebenen Vorstellungen einer demokratischen Reform des Kommunismus jenseits der beiden dominierenden politischen Blöcke. Die Chile-Solidarität war Ausdruck der Sympathie für einen »dritten Weg« und begleitete die iz3w für eine lange Zeit.

In den Anfängen des Internationalismus und der »Dritte-Welt-Bewegung« ging es zunächst darum, überhaupt Informationen über die Entwicklungen im Globalen Süden zu bekommen und zu verbreiten. Den etablierten Medien waren die Länder des Südens meist nur Randspalten wert. Die blätter dienten daher nicht zuletzt der Wissensvermittlung. Sie waren aus dem Rundbrief des zwei Jahre zuvor gegründeten informationszentrums entstanden – dieses Jubiläum des gesamten Projekts haben wir 2018 groß gefeiert.

Ein Ziel der blätter war die Vernetzung entwicklungspolitischer Gruppen bei gleichzeitiger Kritik der Entwicklungspolitik. Die in der Ausgabe 1 genannte »theoretische und analytische Schulung« diente immer auch der Darstellung dessen, was sonst kaum irgendwo geschrieben stand. Es findet sich dort unter anderem der neunseitige Beitrag »Neues vom Zuckerweltmarkt«. Dass im Themenschwerpunkt »Ernährung« der hier vorliegenden Ausgabe sich erneut ein Beitrag mit dem Weltzuckermarkt auseinandersetzt (Dossier Seite 10), deutet darauf hin, dass sich die Welt so grundlegend offenbar doch nicht geändert hat. Und darauf, dass die iz3w auch nach 50 Jahren – und diversen Generationen von Redakteur*innen und Mitarbeiter*innen – den Blick immer wieder dahin richtet, wo andere weniger genau und kritisch hinschauen.

 

Vor einem Generations-, zumindest aber personellen Wechsel, stehen wir auch vor dem 51. Jahr der Zeitschrift. Friedemann Köngeter, ein Jahrzehnt lang Geschäftsführer, verlässt das iz3w-Team zum Jahreswechsel. Friedemann hat die Finanzen des Vereins über diese Zeit hochprofessionell geführt und uns engagiert durch manche Krise gelotst. Ganz herzlichen Dank, Friedemann, für diesen Einsatz und die schöne gemeinsame Zeit! Christian Stock, ein über viele Jahre die Zeitschrift prägender Redakteur, verabschiedet sich in eine zweijährige Elternzeit. Ab Januar werden wir einen stilistisch, konzeptionell, inhaltlich topfitten und engagierten Redakteur vermissen. Herzlichen Dank, Christian, und eine gute, kreative Zeit.

Ihr und Sie, liebe Leserinnen und Leser, werdet und werden in den kommenden Ausgaben den einen oder anderen neuen Namen hier entdecken – aktuell sind wir noch auf der Suche nach Verstärkung in der Redaktion (siehe Stellenausschreibung Seite 50). Freut Euch und freuen Sie sich mit uns auf manch neuen Blick auf die Dinge, auf gelegentlich andere (Schreib-)Stile – und auf eine Kontinuität in der iz3w, die akribisch, meinungsstark und kritisch bleiben wird. Auf die nächsten 50 Jahre!

 

die redaktion


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382 | Welternährung
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