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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Warum hungern Frauen anders?

Warum hungern Frauen anders?

Ein patriarchales Gesellschaftssystem macht vor der Ernährung nicht halt

 

von Paola Romero, Andrea Nuila und Wilma Strothenke

Frauen und Mädchen machen weltweit 70 Prozent der Hungernden aus. Indigene und Frauen afrikanischer Abstammung sind in den Ländern des Globalen Südens wiederum am stärksten von chronischer Unterernährung betroffen, die meistens eng mit Armut verwoben ist. Laut UN Women, der Einheit der Vereinten Nationen für die Gleichstellung und Ermächtigung der Frauen, werden bis 2021 schätzungsweise 47 Millionen Frauen und Mädchen in extreme Armut geraten. Beispielsweise haben 72 Prozent der Hausangestellten weltweit laut der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) aufgrund der COVID 19-Pandemie bis Juni 2020 ihren Arbeitsplatz verloren.

Weltweit tritt derzeit mäßige oder schwere Ernährungsunsicherheit bei Frauen mit 27 Prozent doppelt so oft auf wie bei Männern (13 Prozent). Mädchen, Jugendliche und ältere Frauen benötigen in bestimmten Momenten des Lebens (Wachstum/Schwangerschaft/Stillzeit usw.) zudem Nahrungsmittel mit höherem Nährwert, die tendenziell teurer sind. Gerade arme und migrantische Frauen im Globalen Süden macht dies anfälliger für den Verlust des Zugangs zu angemessenen Nahrungsmitteln – und damit für verschiedene Arten der Unterernährung. Doch warum ist das so?

Carolina Junco1, städtisch, berufstätig, aus der Mittelschicht und Mutter zweier Töchter, leidet an Fettleibigkeit, so wie ihre jüngere Tochter. Ihre Lebensmittel enthalten immer weniger Nährstoffe. Nubia Anayai ist Bäuerin, Fischerin und Aktivistin und lebt ebenso wie Carolina Junco in Kolumbien. Seit in ihrer Umgebung vor über zwanzig Jahren ein Wasserkraftwerk errichtet wurde, hat sich ihre Nahrungssituation zunehmend verschlechtert. Die ökologischen Bedingungen wurden durch die Privatisierung des Flusses stark verändert, Tiere und Nutzpflanzen durch ständige Überschwemmungen und Dürren beeinträchtigt, der Fischfang systematisch reduziert und der Zugang zu Trinkwasser eingeschränkt. Dies alles hat zu Hunger, Magenkrankheiten und Anämie geführt.

Beide Frauen sind von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen. Die dreifache Last einer nicht angemessenen und nicht ausreichenden Ernährung von Frauen umfasst neben der Unterernährung den Mangel an Mikronährstoffen und drittens Übergewicht und Adipositas samt der damit einhergehenden chronischen Krankheiten. Wenngleich ihre Lebenskontexte sehr verschieden sind – und damit auch die Symptome –, so werden diese doch in beiden Fällen durch das dominante patriarchale (Ernährungs-)System mitbestimmt: Männer bekommen oft das bessere Essen, haben einen besseren Zugang zu Bildung, sind mobiler, haben mehr Zeit für Gelegenheitsjobs und Geschäfte (auch weil sie weniger Care-Arbeit leisten), haben eher Zugang zu Krediten und Geld, während Frauen weniger Einkommen erwirtschaften, etwa um mangelnde Ernte mit zugekauften hochwertigen Lebensmitteln auszugleichen.

 

Vermeidbare Krankheitsrisiken

Erst Ende des 20. Jahrhunderts begann man, Krankheiten differenziert nach Geschlecht zu untersuchen. Zuvor basierten klinische Studien auf weißen Männern mittleren Alters aus dem Globalen Norden. Darüber hinaus konzentrieren sich heute die normativen und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen rein auf das reproduktive Umfeld von Frauen (Schwangerschaft und Stillzeit). Dabei werden Geschlechterstereotype reproduziert und integralere Perspektiven auf Körper und Lebenszyklen weithin außer Acht gelassen.

Nur wenige Autor*innen schauen differenziert auf die Häufigkeit von Erkrankungen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe. Die spanische Forscherin und Gesundheitspolitikerin Carme Valls-Llobet unterscheidet etwa zwischen Krankheiten, die mit biologischen Aspekten zusammenhängen (Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre), und solchen, die auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen sind: die sogenannten chronischen, nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes mellitus, Anämie und Mangelernährung. Viele davon hängen mit Nährstoffmangel oder Stoffwechselproblemen zusammen und führen zu spezifischen Krankheitsbildern bei Frauen und Mädchen.

Gründe dafür sind unter anderem Machtungleichheiten im Zusammenhang mit mangelnder Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper. Durch die Überlagerung mehrerer Diskriminierungskategorien wie Geschlecht, Herkunft, Klasse, Alter, Indigenität und Gesundheit wird die Benachteiligung noch verschärft.

 

Feminisierung der Mangelernährung

Viele Frauen erfahren keine gleichberechtigte Unterstützung in der häuslichen Pflegearbeit, so dass ihnen im Rahmen der Dreifacharbeitsleistung von Erwerbsarbeit, Haushalt und Sorgearbeit auch die Zubereitung des Essens zufällt. Dies führt zu wachsendem Verbrauch von hyperverarbeiteten Lebensmitteln, die leicht zuzubereiten, preiswert – jedoch teuer im Hinblick auf Gesundheit und Umwelt – und leicht zugänglich sind. Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln wird zunehmend von Supermärkten und Konzernen kontrolliert, die eine Vielzahl von Marken hyperverarbeiteter Lebensmittel anstelle abwechslungsreicher und lokaler Lebensmittel bereitstellen. Die Entscheidungsgewalt von Frauen über ihre Ernährung und damit über ihren Körper wird zusehends weniger souverän.

Übergewicht nimmt bei Frauen und Männern und Adipositas bei Frauen in allen Regionen der Welt zu. Dies ist vor allem auf den wachsenden Konsum von hyperverarbeiteten Lebensmitteln zurückzuführen. 2016 litten weltweit 32,8 Prozent der Frauen (613 Millionen) im gebärfähigen Alter aufgrund von Eisenmangel an Anämie. Außerdem sind in den letzten Jahren niedrigere Vitamin-D-Spiegel häufiger bei Frauen anzutreffen. Mit der Schaffung »verbesserter Formeln« in der Lebensmittelindustrie ändern sich diese Trends jedoch nicht. Mikronährstoffmangel – auch als versteckter Hunger bekannt – weckt starkes Interesse auf Seiten der Industrie. Zahlreiche Unternehmen priorisieren Lösungen wie die Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen – vor allem mit Kalzium, Vitamin D und Eisen. Der Siegeszug von Fertigprodukten wie Cornflakes Fortified with Iron oder Brotaufstrichen wie Blue Band Fortified with Vitamins in den Supermarktketten wie Jumbo, Shoprite, Walmart und Carrefour ist an steigenden Umsätzen und wachsenden Listen von Neueröffnungen leicht abzulesen. Über Werbespots, die irreführende Narrative von »Wahlfreiheit« und vermeintlichem »Empowerment« einsetzen, werden Frauen als »Konsumentinnen« von industriell hyperverarbeiteten Lebensmitteln gewonnen.

Mit derlei Produktpaletten wird jedoch den strukturellen Ursachen für Nährstoffmangel aus dem Weg gegangen. Der Markt fördert den Konsum von hyperverarbeiteten Lebensmitteln, die billiger zu produzieren und für Unternehmen profitabler sind, aber keine natürlichen oder nur geringe Mengen an hochwertigen Makro- und Mikronährstoffen enthalten. Meistens weisen sie einen Überschuss an kritischen Nährstoffen wie Natrium, Zucker und Transfetten auf. Vielfach geht ihre Vermarktung mit irreführenden und sexistischen Marketingstrategien einher. Sei es Ersatznahrung für Kalzium bei älteren Frauen oder der Muttermilchersatz, beide haben in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen und Essgewohnheiten und damit die Ernährung verändert, was sich wiederum negativ auf Nachfrage, Erzeugung und den Konsum von nährstoffreichen Lebensmitteln auswirkt. Die staatliche Ernährungs- und Gesundheitspolitik stellt die Interessen der Industrie über die Rechte von Frauen und ergreift keine Maßnahmen, die Produktion, Verbrauch und Zugang zu echten, vielfältigen und an Spurenelementen reichen Nahrungsmitteln fördern würden – und zwar in allen Lebensphasen der Frauen.

 

Über das Essen entscheiden

Für eine Kehrtwende bei dieser Entwicklung müssen Frauen und Mädchen substanziell an den Entscheidungen über ihre Ernährung und damit über ihre Körper beteiligt werden. Dies erfordert Aktionen, die auf die Schaffung von Autonomie und Ernährungssouveränität aus feministischer Perspektive abzielen und so mit kapitalistischen Diskursen brechen, die Ernährung im Interesse des Kapitals gewinnbringend organisieren statt sie als Menschenrecht zu gewährleisten.

Eigene politische Agenden erlauben den Frauen, gemeinsam widerständig und kreativ zu wirken und gleichzeitig gegenüber dem Staat angemessene Ernährung als Menschenrecht einzufordern. Diese Agenden könnten ein Verbot oder zumindest eine Kontrolle der Einmischung der »Nahrungsmittel«-Industrie beinhalten, damit Staaten nicht die Interessen Dritter gegenüber Leben und Gesundheit von Frauen und Mädchen vorn anstellen.

Eine Ernährungspolitik, die ernsthaft gegen Unterernährung vorgeht, müsste Alter, Geschlecht sowie kulturelle, ethnische, territoriale, wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte angemessen berücksichtigen. Nationale Regelwerke müssten internationale Menschenrechtsstandards sowie ganzheitliche und intersektionale Perspektiven miteinschließen. Sie müssten die Rolle von Frauen in Bezug auf Ernährung anerkennen und gleichzeitig die Normalität der Dreifachrolle als Pflegerin-Mutter-Ehefrau durchbrechen. Um Unterernährung wirksam zu bekämpfen, müssen Frauen die Räume erobern, in denen über Ernährung verhandelt wird.

 

Anmerkung

1 Name geändert



 

Paola Romero arbeitet bei FIAN Kolumbien und ist dort für den Bereich Menschenrechte von Frauen zuständig. Wilma Strothenke und Andrea Nuila arbeiten bei FIAN International. Der Beitrag beruht auf der Publikation »Cooking up political agendas – a feminist guide to food and nutrition for women in rural areas« (kostenlos herunterladbar bei Fian.org).

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