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Mission Eiweißversorgung

Warum deutsche Ernährungsprojekte in Togo gescheitert sind

 

von Stefan Seefelder

Im Oktober 1961 wandte sich der neue Präsident Togos, Sylvanus Olympio, an den deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke und erbat Unterstützung für den Aufbau der Landwirtschaft. Der »Olympio-Plan« sah vor, die Arbeitslosigkeit zu verringern und die Ernährung der Bevölkerung zu verbessern: durch die Rekrutierung von Jugendlichen, den Aufbau von Lehrbetrieben und die anschließende Ansiedlung in genossenschaftlich organisierten Musterdörfern.

Der Vorschlag, die Kosten des Projekts in Höhe von 20 Millionen DM aus EWG-Mitteln zu decken, wurde vom Bundeswirtschaftsministerium mit der vielsagenden Begründung zurückgewiesen, dies werde »nachteilige psychologische Auswirkungen in Togo« haben. Die ehemalige deutsche »Musterkolonie« Togo, bereits seit der Unabhängigkeit größter Empfänger deutscher Finanzhilfen, sollte nicht in die Versuchung kommen, das Narrativ der »guten« deutschen Kolonialmacht in Frage zu stellen und sich aus der Bindung an die Bundesrepublik zu befreien. Die Kosten für das Projekt wurden schließlich von der Bundesregierung übernommen.

Die mit den Musterdörfern angestrebte Verbesserung der Ernährungslage durch den großflächigen Einsatz von Maschinen sowie einer effizienten Organisation der Produktion hatte nicht nur humanitäre Gründe: Eine 1962 durchgeführte Marktstudie von zwei deutschen Wirtschaftsvertretern im Auftrag des damaligen Bundesamts für gewerbliche Wirtschaft offenbarte, dass »Arbeitsleistung in dem Ausmaß, wie sie für eine rationelle Produktion regelmäßig gefordert werden muss, [...] nur bei einer sinngemäßen Steigerung und Regulierung der Eiweißversorgung erwartet werden [kann].« Hinter dieser Formulierung verbirgt sich schlicht der Umstand, dass die togoische Bevölkerung derart unterernährt war, dass kaum jemand körperlich in der Lage gewesen wäre, im Schichtbetrieb einer noch zu planenden Industrieproduktion zu arbeiten.

Neben den Musterdörfern, die unter Projektleiter Otto Schnellbach ab 1962 in Agou, Nuatja und 1965 in Kambolé errichtet wurden, kamen weitere Ernährungsprojekte unter deutscher Federführung hinzu. Der Hafen von Lomé, zur selben Zeit von deutschen Baufirmen errichtet, sollte nicht nur der größte Warenumschlagsplatz Westafrikas werden, sondern durch die Anlage eines Fischereihafens helfen, die Eiweißlücke abzudecken, aber auch Fisch für den Export bereitzustellen. Gegenüber dem Warenverkehr nahm die Fischerei in den Hafenplanungen allerdings nur eine sekundäre Rolle ein. Es wurde zumindest ein provisorisches Fischereiprojekt gestartet, mit dem letztlich eine togoische Fangflotte samt Ausbildung der Besatzungen initiiert werden sollte.

Obwohl all die Projekte zu Beginn vom Bundesministerium für Entwicklungshilfe (heute BMZ) als wichtige Beiträge zu einer »Hilfe zur Selbsthilfe« gefeiert wurden, war bereits nach wenigen Jahren klar, dass die gesteckten Ziele kaum erreicht werden konnten. Die Musterdörfer erwiesen sich als unrentabel. Die völlig verfehlte Konzeption einer mechanisierten, genossenschaftlich organisierten Landwirtschaft, die noch dazu in geographisch ungeeigneten Gegenden betrieben werden sollte, sorgte für Resignation auf allen Seiten. Teure Gerätschaften wie Sägeanlagen und Traktoren rosteten im Hafen vor sich hin, da kein Bedarf an der Nutzung bestand und die Versorgung mit Diesel und Ersatzteilen in den unzugänglichen Waldgebieten schwierig geworden wäre.

Neokoloniale Überheblichkeit und Desinteresse an den lokalen Gegebenheiten vonseiten der deutschen »Experten« sorgten für Frust bei den togoischen Counterparts. Die als »Leiter« eingesetzten Deutschen waren vollkommen unqualifiziert für landwirtschaftliche Aufgaben – in Kambolé handelte es sich beispielsweise um einen deutschen Marineoffizier. Zudem entstand eine klare Trennlinie zwischen den deutschen Beteiligten und der einheimischen Bevölkerung, die ein Jahr lang umsonst für die Deutschen arbeitete und später nur Hungerlöhne erhielt.

Auch der Fischereihafen blieb ohne Erfolg: Zwei von der BRD bereitgestellte Fischkutter, die bereits bei der Auslieferung als störanfällige Fehlkonstruktionen angesehen wurden, boten kaum Arbeitsmöglichkeiten für die togoischen Fischer. Die häufig notwendigen Reparaturen waren nur in Ghana möglich, da es in Lomé keine Werft gab. Außerdem existierte in Togo keine Reederei, die die Schiffe rentabel hätte betreiben können. Hinzu kamen der Mangel an geeigneten Kühlhäusern und Verarbeitungsbetrieben für den Fisch. Ein auf Anlass des BMZ angefertigter Sachverständigenbericht kam 1967 zum Schluss, dass »die BRD vermutlich nur weiter viel Geld und Ansehen« verlieren werde, sollten die Projekte nicht umgehend neu konzipiert oder eingestellt werden.

Das Ziel, die Ernährungslage in Togo zu verbessern, wurde mit keinem der deutschen Entwicklungsprojekte annähernd erreicht. Noch 1972 wurde in einem Bericht der deutschen Botschaft in Lomé die »Verbesserung der Proteinversorgung durch Förderung von Viehzucht und Fischerei« als wichtiges Ziel genannt. Interne Konflikte der Projektbeteiligten, Ignoranz gegenüber lokalen klimatischen, geographischen und kulturellen Verhältnissen sowie von oben herab gefällte Entscheidungen resultierten jedoch in Frust und Ablehnung auf togoischer Seite.

Seither hat sich die Ernährungslage in Togo zweifelsohne verbessert – allerdings nicht wegen der deutschen »Entwicklungshilfe«, sondern aufgrund von Verbesserungen bei Anbau und Verteilung der Nahrungsmittel sowie mühsam erkämpften besseren Handelsbedingungen. Bis heute sind jedoch noch immer zwei Drittel der togoischen Bevölkerung in der schlecht bezahlten Landwirtschaft tätig, die insbesondere im Norden als Subsistenzwirtschaft betrieben wird.

 

 

Stefan Seefelder ist Doktorand am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam.

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