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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung »Das muss sich ändern«

»Das muss sich ändern«

Interview mit Shefali Sharma über das Unwesen der Molkereikonzerne

iz3w: Die Weltbank hat in den letzten zehn Jahren 1,8 Milliarden Dollar in große Molkereifirmen investiert. Warum?

Shefali Sharma: Die Kernaufgabe der Weltbank besteht vorgeblich darin, die Entwicklung in den Entwicklungsländern zu unterstützen. Dabei geht es unter anderem darum, den Viehzuchtsektor in ländlichen Gebieten zu unterstützen. In Wirklichkeit aber verschärft der privatwirtschaftliche Zweig der Weltbank, die International Finance Corporation, die Probleme der globalen Märkte. Im Viehzuchtsektor ist das die enorme Macht der großen Fleisch- und Molkereiunternehmen über ländliche Produzent*innen. Sie schlucken kleine Unternehmen, verringern die Zahl der Molkereien und Schlachthöfe und machen die Landwirte abhängig von den niedrigen Preisen. So werden die Unternehmen immer mächtiger und haben auch auf der politischen Ebene die Macht, Umwelt- oder Gesundheitsvorschriften zu verhindern oder zu umgehen.

Es ist skandalös, dass Gelder der Weltbank zum Beispiel an Minerva gehen, ein großes Rindfleischunternehmen, das im brasilianischen Amazonasgebiet und im Cerrado produziert, an den niederländischen Molkereikonzern Arla Foods oder an den chinesischen Futtermittelhersteller New Hope. Die sind weit davon entfernt, öffentliche Gelder zu benötigen. Stattdessen müssten sie für alle ökologischen und sozialen Kosten ihres Geschäftsmodells zur Rechenschaft gezogen werden.

 

Welche Rolle spielt die Milchwirtschaft in Ländern mit einer schwierigen Ernährungssituation?

Unter- und Fehlernährung hat wenig mit dem Ausmaß der Milchwirtschaft zu tun, sondern mit deren erheblichen strukturellen Problemen. Indien ist dafür das beste Beispiel. Es ist bei weitem der größte Milchproduzent der Welt, jeder Konzern will sich einen Anteil an diesem Markt sichern. Dennoch gibt es dort ernsthafte Probleme mit der Ernährungssicherheit. Es kommt auf soziale Sicherungsnetze für ländliche Gemeinschaften an; auf die Wahrung von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit des öffentlichen Nahrungsmittelverteilungssystems.

Das Gleiche gilt für Länder in Afrika südlich der Sahara: Die Milchwirtschaft kann eine sehr wichtige Nahrungsmittelquelle sein. Aber die ländlichen Gebiete brauchen grundlegende Unterstützung beim Erwirtschaften des Lebensunterhalts, der meist aus Ackerbau und Viehzucht besteht. Hier lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen, die Weltbank, IWF, die EU und die großen US-amerikanischen Geldgeber diesen Ländern auferlegt haben: Kann die Landwirtschaft unter solchen Bedingungen gedeihen oder fällt alles in die Hände des Großkapitals?

 

Sind Großmolkereien ein bedeutender Beschäftigungsfaktor im Globalen Süden?

Großmolkereien sind mechanisiert. Durch sie schrumpft die Zahl der Menschen, die von der Michwirtschaft leben, während sie gleichzeitig die Produktion steigern. Großmolkereien investieren in hochproduktive Kühe und bauen sich eine Infrastruktur, die einem Massenproduktionsmodell entspricht. Wer da noch mithalten will, verschuldet sich häufig, während gleichzeitig die Erzeugerpreise durch die Überproduktion drastisch sinken. Die größte Herausforderung für die Großmolkereien besteht darin, dass die Milchwirtschaft in vielen Teilen des Globalen Südens im informellen Sektor angesiedelt und von den globalen Märkten abgekoppelt ist. Dort ist die Büffelmilch und die lokale Milchproduktion eine wichtige Ernährungs- und Lebensgrundlage für die Menschen. Hier müssen die Regierungen eingreifen und diese Gemeinschaften unterstützen, um sicherzustellen, dass diese Märkte nicht von »Big Dairy« zerstört werden.

 

Sind die Arbeitsbedingungen in der Molkereiindustrie mit jenen in der Fleischindustrie vergleichbar?

Nein. Im Milchsektor übernehmen Maschinen einen Großteil der Verarbeitung, während man für die Fleischverarbeitung Arbeiter*innen braucht, die die Arbeit am Fließband leisten.

 

Ist der Schaden für das Klima, den die Milchindustrie durch den Ausstoß von Treibhausgasen anrichtet, vergleichbar mit dem der Fleischindustrie?

Das ist eine gute Frage. Wir haben festgestellt, dass nur 13 Molkereiunternehmen genauso viele Treibhausgase ausstoßen wie ganz Großbritannien. Das ist ziemlich signifikant! Die Emissionen von fünf Fleisch- und Milchunternehmen zusammengenommen haben in einem Jahr jene von Shell, Exxon oder BP übertroffen. Zwei dieser fünf Unternehmen waren Molkereiunternehmen: Fonterra und die Dairy Farmers of America. Einige der größten Emittenten haben ihren Sitz in der EU: Le Groupe Lactalis, Arla, Friesland Campina, Danone, DMK Deutsches Milchkontor.

 

Macht es für die Ernährungssituation und für die Auswirkungen auf das Klima einen Unterschied, ob Milchprodukte von kleinen Betrieben oder Großmolkereien hergestellt werden?

In unserem Bericht »Milking the Planet« zeigen wir, dass die Verlagerung hin zu immer größeren Betrieben sowohl im Globalen Norden als auch im Süden sehr viele Landwirt*innen aus dem Geschäft gedrängt und die Emissionen drastisch erhöht hat. Größere Betriebe produzieren viel mehr Milch, mehr Emissionen und drücken die Milchpreise weltweit. Dadurch verlieren kleine Erzeuger*innen ihr Einkommen und ihre Ernährungssicherheit. Wir plädieren für eine Politik der Angebotssteuerung, um die Milchproduktion zu begrenzen, die Einkommen auf dem Land zu sichern und die Emissionen zu reduzieren.

Eine Minderung der Milchproduktion würde nicht zu einem Mangel an Milcheiweiß führen. Die EU und viele andere Industrieländer haben einen zu hohen Milchkonsum – das muss sich ändern. Eine Angebotssteuerung muss aber mit einer Sozialpolitik einhergehen, die die Ernährungssicherheit der ganzen Bevölkerung und gerade der Bedürftigen sicherstellt.

 

Shefali Sharma ist Direktorin des European Office beim Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP). Interview und Übersetzung: Friedemann Köngeter (iz3w).

 

 

 

Hoffnungsträger künstliches Fleisch?

Der weltweit stetig steigende Fleischkonsum steht dem Ziel entgegen, den Hunger abzuschaffen. Denn etwa 70 Prozent der weltweiten Ackerbaufläche wird für Tierfutter eingesetzt. Hinzu kommt: Der Anteil der Fleischproduktion an den Treibhausgas-Emissionen wird auf bis zu 50 Prozent geschätzt. Künstliches Fleisch wird daher von verschiedenen Seiten als Alternative präsentiert. Mit der Frage, ob es zur Minderung von klimaschädlichen Gasen beitragen kann, hat sich sogar das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) beschäftigt. Es kommt zu dem Schluss, dass die Herstellung von »Cultured Meat« beim derzeitigen Stand noch mehr Energie verbrauche als herkömmliches Rindfleisch. Stark bezweifelt wird auch, dass diese Neuentwicklungen bald eine bedeutende Rolle für die Welternährung spielen können.

Es wäre ja auch zu schön: Der Bedarf an Fleisch wird durch Reaktoren gedeckt, die dezentral beliebige Mengen an schmackhaftem Fleisch brüten, für das kein Tier leiden muss, das kein Mikroplastik und keine Antibiotika enthält und kaum Umweltschäden verursacht. Vor allem in den USA, in den Niederlanden und in Israel forschen zahlreiche Startups, Lebensmittelfirmen und Universitäten zu künstlichem Fleisch und vermelden erste Erfolge. Den Anfang machte ein Forschungsteam um Mark Post an der Uni Maastricht. Aus den Stammzellen einer Kuh züchtete es Fleischfladen für Burger, die 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Nicht saftig genug, befand eine Kritikerin, aber dennoch geschmacklich viel näher an Fleisch als an einem vegetarischen Burger. 250.000 Euro soll das außergewöhnliche Mahl gekostet haben.

Doch die Entwicklung ging weiter, in der Hoffnung, »für meine Kinder eine bessere Welt« zu schaffen, wie Startup-Gründer Didier Toubia sagt. Als das israelische Unternehmen Aleph Farms 2019 ein in drei Wochen gewachsenes Steak aus seinem Labor vorstellte, war das Interesse groß. Inzwischen unterstützt das US-Landwirtschaftsministerium als strategischer Partner die Idee der Firma, Biofleisch in Inkubatoren zu züchten. Jannis Wollschläger von der Hochschule Reutlingen arbeitet derzeit an einem 3D-Drucker, der aus Fetten und Proteinen jede mögliche Form von Fleisch künstlich herstellen könnte – bis hin zur Schweinshaxe.

Lavanya Anandan, eine Teilnehmerin des Cultured Meat Symposium im Oktober 2020, rechnet damit, dass schon 2021 einige Luxusrestaurants »Clean Meat« auf ihre Speisekarte setzen werden. Bis in zehn Jahren, vermutet sie, werde künstliches Fleisch für »normale« Verbraucher*innen zugänglich sein. Dass viele von uns noch zu Lebzeiten in den Genuss kommen werden, »ein Stück Geschichte zu essen«, wie es Anandan pathetisch ausdrückt, ist also nicht unrealistisch. Nicht von ungefähr investieren Großkonzerne in die Forschung, der Pharmariese Merck ebenso wie die Lebensmittelkonzerne Cargill, Unilever, Thyson Foods und Nestlé. Auch die Eigentümer von Google und Microsoft sind von Anfang an dabei.

Friedemann Köngeter

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