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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 383 | Polizeigewalt D.F. Bertz (Hg.): Die Welt nach Corona

D.F. Bertz (Hg.): Die Welt nach Corona

Über verschwörungsliebenden Irrationalismus, kräftezehrende Klassenkämpfe in der Corona-Krise und feministische Forderungen

 

Die kommende Gesellschaft: Kann es ein Nach-Corona geben?

Die Medien sind voll davon, das Gespräch beim Treffen zum Spazierengehen kommt, selbst beim Vorsatz, über »was anderes« reden zu wollen, kaum daran vorbei: Corona, Covid, Krise. Warum sollte es sich da lohnen, einen 730 Seiten schweren Wälzer über die Schattenseiten der Pandemie in die Hand zu nehmen? Die Welt nach Corona – ist dieser Titel nicht ohnehin eine Dystopie? Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Sammelband mit dem Untertitel »Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustandes und der kommenden Gesellschaft« ist als aktuelles Nachschlagewerk zu empfehlen. Als Gesamtwerk analysiert es detailreich die gesellschaftliche Krise, die dem Virus auf Schritt und Triff folgt. Oder ihn gar überholt. Ohne die global agierende kapitalförmige Wirtschaftsweise und ohne die von Klassenstrukturen geprägte Gesellschaft wäre die tollwütige Ausbreitung des Virus, seine aggressiv anmutende Expansionsdynamik, ja vielleicht gar seine Entstehung als humaninfektiöser Parasit, der sich nur in unseren Zellen vermehren kann, gar nicht denkbar. Corona – eben kein naturhafter Schicksalsschlag, sondern ein Brandbeschleuniger existierender Miseren, eine Katastrophe mit Ansage. Die Virulenz dieser thesenhaften Sicht auf die Pandemie wird in dem von D.F. Bertz herausgegebenen Buch facetten- und faktenreich untermauert.

Seien es die sozialen Nebenwirkungen der »Stay-at-Home«-Direktiven, die bürgerliche Sehnsucht nach autoritären Führungsstilen, die vielfach verordnete Kombination von Ausgangssperre und Arbeitszwang und seine sozialen Folgen in Form von steigender Unsicherheit und Abgeschlagenheit der Armen einerseits und einem festungshaften Ausbau von Privilegien andererseits; oder sei es der Digitalisierungsschub, der kleine Freiheiten ebenso erlaubt wie er eine Spielwiese für jene autoritären Charaktere darstellt, die vom großen Kontrollwahn besessen sind: mit konkreten Beispielen aus Europa, aus Brasilien, Südafrika, Russland, Syrien, Libyen, Vietnam und vielen weiteren Ländern. Zu diesen und weiteren Nebenwirkungen erlaubt das Buch einen tiefen Blick in die gesellschaftlichen Missstände, die schon vor der Pandemie angelegt waren und mit ihr zutage treten.

Beim Blättern durch die Kapitel, etwa über Ausnahmezustände und soziale Epidemien, erfahren auch gut Informierte viel Wissenswertes, etwa über die Ursachen der manifesten Gesundheitsnotstände, über militaristische Narrative und rechtsextreme Antworten auf das Geschehen, über den »Frühling der Solidarität« mit Alten, Armen, Pflegearbeiter*innen, über den Backstage-Impfnationalismus und die milden Gaben des neoliberalistischen Krisenmanagements. Über verschwörungsliebenden Irrationalismus, kräftezehrende Klassenkämpfe in der Corona-Krise und feministische Forderungen. Der Wälzer gehört unbedingt ganz vorne ins Bücherregal aller Virolog*innen und Krisenmanager*innen!

Martina Backes

 

D.F. Bertz (Hg.): Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustandes und der kommenden Gesellschaft. Bertz und Fischer, Berlin 2021. 732 Seiten, 24 Euro.

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