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Timo Dorsch: Nekropolitik

Systematische Deutung der Geographien der Gewalt, in denen Nekropolitik vorherrscht

 

Bergbau, Drogen, Avocado – Ökonomie der Gewalt in Mexiko

Wie können Demokratie und Rechtlosigkeit in ein und demselben Land nebeneinander existieren? Timo Dorsch analysiert die Widersprüche in Mexiko, dem Land, das jährlich 40 Millionen Tourist*innen empfängt und in dem gleichzeitig seit 2006 über 300.000 Menschen ermordet wurden. Dafür greift er auf Achille Mbembes Konzept der Nekropolitik zurück. Der kamerunische Theoretiker geht davon aus, dass sich in den ehemaligen Kolonien eine von den europäischen Disziplinargesellschaften zu unterscheidende Form der Herrschaft herausgebildet habe, die auf der direkten Unterwerfung ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen unter die Macht des Todes beruhe.

Das war bereits bei Mbembe weniger eine kohärente Theorie als vielmehr ein politisch motivierter Dreisprung vom kolonialen Afrika über Auschwitz nach Israel. Auch in der Übertragung auf Mexiko erzeugt der Rückgriff auf Mbembes Nekropolitik Unklarheiten. Denn Dorsch besteht zunächst auf der Andersartigkeit Mexikos: Dort habe sich Herrschaft im 20. Jahrhundert »nicht, wie in Europa, über ein panoptisches System«, sondern durch »Formen direkter körperlicher Gewalt« durchgesetzt. Diese steile These bedarf einer Untermauerung. Doch Dorsch argumentiert im weiteren Verlauf des Buches in eine andere Richtung: Die Eskalation der Gewalt versteht er dabei als Produkt des Zerfalls des korporatistischen Modells Mexikos, das die über sieben Jahrzehnte herrschende Partei PRI in Folge der Mexikanischen Revolution errichtet hatte. So sei die Einhegung sowohl sozialer Bewegungen wie auch des organisierten Verbrechens mit den neoliberalen Reformen der 1990er-Jahre an ihre Grenzen gestoßen.

Höchst informativ wird das Buch dort, wo der Journalist eigene Recherchen und Interviews einbringt. Hier sticht die Analyse zum Ineinandergreifen von Legalität und Illegalität im Eisenbergbau und im Avocadosektor im Bundesstaat Michoacán hervor, für die Dorsch vor Ort recherchierte. Schlüssig argumentiert er, dass die Eskalation der Gewalt, etwa das Zurschaustellen toter Körper auf öffentlichen Plätzen, kein Hindernis für das Kapital darstellt, sondern gerade das ungehinderte Zirkulieren legaler und illegaler Waren durch ein Klima der Furcht ermöglicht. Die anfängliche These einer besonderen postkolonialen Gesellschaftsformation braucht es für diese Analyse letztendlich nicht.

Andere Passagen des Buches legen sogar nahe, dass Gründe für die Schwäche des Rechts in Mexiko gerade auch in der Ähnlichkeit mit Herrschaft im globalen Norden zu suchen seien: Etwa, wenn Dorsch feststellt, dass die wirtschaftsliberalen Reformen der letzten 30 Jahre für einen Großteil der Bevölkerung nicht die Integration in den Arbeitsmarkt, sondern vor allem Informalität bedeuteten. Aus materialistischer Perspektive könnte sich hier die Frage auftun: Was macht einen Menschen im Kapitalismus eigentlich zum Träger von Rechten? Wirkt das Konzept Mbembes auf Mexiko eher aufgezwungen, macht Dorsch diese Schwäche durch seine hervorragenden Recherchen zu Michoacán wett. Daher ist sein Buch empfehlenswert.

Nikolas Grimm

 

Timo Dorsch: Nekropolitik. Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko. Mandelbaum Verlag, Wien 2020. 286 Seiten, 19 Euro.

383 | Polizeigewalt
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