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Alex Feuerherdt und Florian Markl: Die Israel-Boykottbewegung

Wo hört Kritik auf, wo fängt Antisemitismus an?

 

Vom Entlastungsantisemitismus zum alten Hass im neuen Gewand

Einen passenderen Publikationstermin hätte sich für das Buch Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand kaum finden lassen: Die kritische Darstellung der gegen das Existenzrecht Israels gerichteten Kampagne für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS) erschien im Dezember 2020 fast zeitgleich mit einem Aufruf prominenter Führungspersonen des deutschen, linksliberalen Kulturbetriebs. Als »Initiative GG 5.3 Weltoffenheit« bezieht diese Stellung gegen eine 2019 verabschiedete Bundestagsresolution, in der eine parteiübergreifende Mehrheit des Bundestags die Argumentationsweise wie Methoden der Boykottbewegung als antisemitisch einstuft und fordert, dieser keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Die Leitungen von Goethe-Institut, Humboldt-Forum, Haus der Kulturen der Welt und anderen behaupten in ihrem »Plädoyer«, dass damit »durch missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs wichtige Stimmen beiseitegedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt« würden.

Die Autoren Alex Feuerherdt und Florian Markl legen in ihrem Buch dar, weswegen der Vorwurf im Falle von BDS die Richtigen trifft. Sie widmen dabei dem Israel-Boykott der Arabischen Liga ab 1946 eingangs ein Kapitel und werten diesen als »historisches Erbe« der BDS-Bewegung: So wurden Unternehmen weltweit vor Aufnahme von Handelsbeziehungen zu jüdischen Mitarbeitenden befragt und Aufträge verweigert, wenn auch mit Israel gehandelt wurde, bis in den 1990er Jahren viele Regierungen Unternehmen und jüdische Mitarbeitende mit Anti-Boykott-Gesetzgebungen vor dieser Praxis schützten. Auch die unmittelbare Gründungsgeschichte der BDS-Kampagne wird rekonstruiert: von der »Weltkonferenz gegen Rassismus« 2001, die für ihre antisemitischen Eklats in Erinnerung blieb, bis zum BDS Gründungsaufruf 2005.

Die zentralen Kapitel skizzieren die Forderungen der Bewegung und liefern Begründung, weshalb bei den Forderungen von Antisemitismus zu sprechen ist. Dabei greifen Feuerherdt und Markl auf übliche Methoden zurück – etwa den »3D-Test« Natan Sharanskis, nach dem Äußerungen als antisemitisch zu werten seien, wenn sie Israel dämonisieren, delegitimieren oder Doppelstandards anlegen. Kritikwürdig ist die Fixierung der Autoren auf ordnungspolitisches und staatliches Handeln gegen BDS: Dass Antisemitismus »Produkt und Bestandteil der modernen, bürgerlichen Gesellschaft« (Salzborn) ist und es durchaus Kritik an BDS vonseiten nichtstaatlicher beziehungsweise linker Akteur*innen gibt, rückt damit in den Hintergrund.

Eine interessante These findet sich am Ende eines Kapitels zum Wirken der BDS-Kampagne im Ländervergleich: So komme der antisemitischen Dämonisierung Israels über die gängigen Vorwürfe von »Apartheid« und »Siedlerkolonialismus« in britischen BDS-Kreisen die Funktion eines Entlastungsantisemitismus zu, indem »Kolonialverbrechen in der britischen Vergangenheit relativiert und die britische Wir-Gruppe entlastet« werden. Dies funktioniere indes im deutschsprachigen Kontext nur bedingt, da hier »das historische Negativleitbild eindeutig der Holocaust« sei. Die Autoren sprechen hier hoffnungsvoll von einer argumentativen Sackgasse der BDS-Bewegung im deutschsprachigen Raum: Der aus der internationalen BDS-Bewegung entnommene Apartheid-Diskurs sei hier zu wenig anschlussfähig, während ein offener Vergleich mit dem dominanten Bezugsrahmen Nationalsozialismus in die weitere Isolation führen würde.

Als Resultat der nun gut 15 Jahre währenden Kampagne sehen die Autoren einen kaum wahrnehmbaren, wirtschaftlichen Schaden des Boykotts, weisen aber darauf hin, dass der »Erfolg« der antisemitischen Kampagne auch daran zu messen sei, »inwieweit sie das politische und gesellschaftliche Klima für Juden und Israel beeinflusst«. Man sollte die Kulturschaffenden der »Initiative GG 5.3« auch darauf ansprechen, welche Kultur sie schaffen wollen, wenn sie sich offen zeigen für exklusiven Israel-Boykott.

Robin Brodt

 

Alex Feuerherdt und Florian Markl: Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand. Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020. 195 Seiten, 19,90 Euro.

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