Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 383 | Polizeigewalt Mithu M. Sanyal: Identitti

Mithu M. Sanyal: Identitti

Rasanter Roman über Identitätspolitik und postkoloniale Theorie

 

»Identität ist eine notwendige Lüge«

Mithu Sanyals autofiktionaler Debütroman Identitti ist eine mal satirische, mal ernste Auseinandersetzung mit zeitgenössischen postmigrantischen Identitätskonflikten, der Postkolonialen Theorie und ihren akademischen Superstars. Das über 400 Seiten dicke Buch hat einige Längen, das literarische Gefecht um »transracial identity« stellt allerdings wichtige Fragen und ist deshalb lesenswert.

Erzählt wird aus der Perspektive von Nivedita, Bloggerin of Color mit einem indischen und einem polnischen Elternteil. Die Studentin bloggt Konversationen und Diskussionen über ihr Leben mit der indischen Göttin Kali unter dem Namen »Identitti«. Kali, die Göttin des Todes aber auch der Erneuerung, ziert mit ihrem blauen Abbild, einem abgeschlagenen Männerkopf in der einen und einem Krummsäbel in der anderen, das sehr gelungene Cover des Romans. »Wann immer Kali und ich redeten, ging es um race & sex: Also – in Ermanglung einer korrekten Übersetzung oder auch nur einer, die nicht sofort in bodenlose Abgründe führt – um mein Verhältnis zu Deutschland und Indien, meinen beiden Nicht-Heimatländern.«

Motiviert wird Nivedita insbesondere durch ihre charismatische Professorin Saraswati, eine der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak nachempfundene Koryphäe der Postkolonialen Studien an der Universität Düsseldorf. In Niveditas erster Seminarsitzung wirft Saraswati alle weißen Studierenden aus dem Seminar. Im Laufe des Studiums gibt die Professorin Nivedita »ein Vokabular und eine Sprache für ihr Leben. Und nicht nur ihr. Im Kreis der von Saraswati ausgewählten Studierenden kommunizierten sie in einem fantastischen akademischen Abkürzungscode miteinander, in dem ein Wort ganze gewaltige Gedankenkonzepte ersetzen konnte: desi, happa, subaltern. Imagined communities, critical race theory, Intersektionalität. Und alle nickten wissend.« Umso größer ist der Schock, als sich herausstellt, dass die internationale Ikone keine Woman of Color, sondern eine weiße Deutsche ist, die aus ihrem Namen Sarah Vera Thielmann den indisch anmutenden Saraswati kreiert hat.

Sanyals Roman spielt auf mehreren Ebenen: Dem Narrativ um die enttarnte Professorin, dem Blog mit Kali, einem Crashkurs in Postkolonialer Theorie und einem kollaborativen Teil, der aus zahlreichen Tweets und Stimmen der feministisch-antirassistischen Twitter-Blase stammt. Die Entrüstung über den Blackfacing-Skandal um Saraswati in der Sprache gegenwärtiger Autor*innen aus dem Jahr 2020 kreiert den authentischen Rahmen um die Fiktion.

Die promovierte Kulturwissenschaftlerin Sanyal spickt ihr Buch überdies mit popkulturellen und historischen Referenzen, angefangen bei solchen der Rapperin Cardi B über die 1950 in die Wuppertaler Schwebebahn gezwungene indische Elefantenkuh Tuffi bis zum 1919 von den Freikorps ermordeten Anarchisten Gustav Landauer. Sanyal lässt Saraswati »ihre Lippen zu einem Kussmund« runden, »als hätte sie gerade Foucault gesagt« und verunglimpft sie als »Saras Whitey« oder den Blog Niveditas als »Onkel Tomtitti«. Die kreative Aneignung linker und antikolonialer Vokabeln und Sprüche bringt die Leser*in immer wieder zum Lachen: Was hätte wohl der katholische Priester Ernesto Cardenal von »Solidarity is the Gruppensex of the Völker« gehalten? So verballhornt Niveditas schlagfertige Cousine Priti den priesterlichen Slogan.

Dass kulturelle Identität ein soziales Konstrukt, Rassismus und rassistische Morde aber real sind, wird am Ende des Buchs deutlich. Die hitzige Debatte um Saraswati als »race-Terroristin« wird plötzlich durch die rechtsterroristischen Morde von Hanau unterbrochen. Im Nachwort geht Sanyal auf die literarische Auseinandersetzung mit dem rechten Terror ein. In Trauer und Wut sind Autorin und Protagonist*innen vereint: »Es gibt Deutschland nicht ohne uns, deshalb müssen unsere Toten auch in der deutschsprachigen Literatur betrauert werden.«

Patrick Helber

 

Mithu M. Sanyal: Identitti. Hanser Literaturverlage, München 2021. 432 Seiten, 22 Euro.

383 | Polizeigewalt
Cover Vergrößern