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Nollywood auf Netflix

Der nigerianische Film »Òlòtūré«

 

von Rufine Songue

Jedes Jahr werden zehntausende Menschen aus Nigeria verschleppt. Die Internationale Organisation für Migration (IMO) schätzt, dass 91 Prozent der nigerianischen Opfer des Menschenhandels Frauen sind. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde von ihren Händlern sexuell misshandelt. Der Film »Òlòtūré« beschäftigt sich mit dieser Thematik und zeigt, welchen Schwierigkeiten die Frauen ausgesetzt sind.

Der Spielfilm fängt mit einer bemerkenswert ungebrochenen Einstellung an. Eine Gruppe junger Frauen betritt einen Club. Eine Frau versucht, einen Kunden anzulocken, doch der Mann hat eine andere im Blick. Für Narcisse Wandji, kamerunischer Filmemacher und Doktorand an der Universität Bayreuth, gehört dieser Anfang zu den besten Szenen des Films. »Es ist nicht üblich im afrikanischen Kino, da merkt man den europäischen Einfluss im Nollywood,« betont er. Seiner Meinung nach legt Nollywood (der nigerianische Film) sehr viel Wert auf Extravaganz, er sei davon kein großer Fan. Aber die Kostüme spiegeln die Realität, denn genauso kleiden sich die Sexarbeiterinnen in Lagos.

Realität und Realismus spielen in der Produktion eine entscheidende Rolle. Von der Sprache – hier überwiegend Pidgin – bis zur geschmackvoll inszenierten Nacktheit oder dem Einsatz von Drehorten: Der Film trägt die Merkmale einer umfangreichen Recherche. Tatsächlich basiert er teils auf Nachforschungen der nigerianischen Investigativjournalistin Tobore Ovuorie. Ruona Meyer, ebenfalls nigerianische Investigativjournalistin, schreibt deshalb: »Wir verlassen das ganze überdrehte Nollywood/Lekki-Brücken-Szenario und begeben uns in die Straßen von Surulere, zu den Straßenläden, Fußgängerbrücken, Danfos und Bordellen von Lagos.« In ihrer Filmrezension zeigt sie sich vom Realismus und von der Liebe zum Detail im Film beeindruckt.

Der realistische Aspekt wird von vielen nigerianischen Zuschauer*innen sehr begrüßt. Zumindest schafft er es, starke Gefühle zu erzeugen. »Ich habe den Film als Realität erlebt und habe mich sehr schlecht gefühlt,« sagt Timileyin Olanipekun, nigerianischer Student in Freiburg. Ihn hat vor allem die Rolle der Hauptfigur Òlòtūré berührt. Sie habe ein großes Durchhaltevermögen – das besagt schon der Name Òlòtūré. Aber sie sei auch neugierig, geduldig und manchmal auch unnötig starrsinnig. Beweis dafür ist, dass sich die Undercover-Journalistin dazu entscheidet, ihre Mission fortzuführen, obwohl sie schon viel erreicht hat; und selbst dann nicht aufgibt, als sie die Risiken am eigenen Körper zu spüren bekommt.

Òlòtūré ist keine Prostituierte. Sie ist eine Journalistin, die sich als Prostituierte ausgibt, um den Menschenhändlern auf die Spur zu kommen. Selbst wenn sie bis ins ferne Europa gebracht würde, bräuchte sie nur ihre Leute kontaktieren, um nach Nigeria zurückzukommen. Allein deshalb könne sie nicht wirklich die Erfahrungen einer Prostituierten machen, meint Oluseun Tanimomo, nigerianischer Literaturwissenschaftler in Bremen. Für ihn wirkt der Film dadurch weniger realistisch. Außerdem reiche es nicht aus, Realität abzubilden. »Die ideologische Aufarbeitung dieses Themas bleibt im Film meist außen vor,« betont er. Wenn wir nur zeigen wie es ist, trage dies zum Problem bei. Diese Sicht teilt auch Narcisse Wandji, der dem Film vorwirft, keine Lösungsoption anzubieten. »Wenn wir weiterhin Filme produzieren, in denen diese Händler weder gejagt noch verhaftet werden, sehen viele in diesem Business keine Gefahr«, betont der Filmemacher. Kino darf heute nicht nur passiv sein, so Wandji, es muss aktiv werden, es sollte ein Instrument der Heilung sein und nicht nur eines zur Aufdeckung der Fakten.

Der erste Schritt zur Lösung eines Problems besteht für viele Zuschauer*innen allerdings schon darin, das Problem beim Namen zu nennen. Ohnehin gibt es nicht die eine Lösung, erinnert Timileyin Olanipekun. Weil ein ganzes System dahintersteckt. Das Bildungssystem, das nicht für alle zugänglich gemacht wird, die starke Armut, die Menschen zu Extremen treibt. Und auch Politiker*innen sind Teil dieses Systems. Im Film erfährt man, wie leicht das Fälschen von Reisepässen ist, wie leicht man über die Grenze kommt, wenn man Macht und Geld hat.

Vielleicht ist der Film auch gar nicht daran interessiert, Lösungen anzubieten. Vielleicht geht es nur darum, die Systeme sichtbar zu machen, die mit dem Frauenhandel verwoben sind. »Kapitalismus ist Teil davon, Globalisierung, urbane Realitäten, strukturelle Probleme und individuelle Dringlichkeit«, listet Oladapo Ajayi auf. Das Ende lässt die Zuschauer*in etwas irritiert zurück, denn es bleibt offen, was mit den jungen Frauen schlussendlich passiert. Sicher ist nur, dass sie die Grenze überquert haben. Ob es einen zweiten Teil geben wird, sagt der Film nicht. Wenige Tage nach seiner Veröffentlichung rangierte Òlòtūré in den weltweiten Top Ten der meistgesehenen Spielfilme auf Netflix. Der Regisseur Kenneth Gyang wollte, dass Menschen aus der ganzen Welt Zugang zu diesem Spielfilm haben, damit sie Gespräche über ein Tabuthema führen: den Frauen- und Sexhandel. Offensichtlich hat das funktioniert.

 

Rufine Songue lebt in Freiburg und arbeitet beim Radio und beim Netzwerk medien.vielfalt. Besonders aktiv ist sie für das Magazin Colourful Voices.

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