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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 384 | Jugoslawien Aus eins mach’ sieben

Aus eins mach’ sieben

Editorial zum Themenschwerpunkt

Vor dreißig Jahren zerfiel Jugoslawien. Das ist ein Anlass, die Gründe und Folgen der Zerteilung genauer anzuschauen. Welches Ereignis man als ‚Anfang vom Ende‘ Jugoslawiens definiert, hängt von der Perspektive des/der Betrachter*in ab. Zur Auswahl stehen: Die Unabhängigkeitserklärung von Slowenien und Kroatien im Juni 1991, der krachende Abbruch des Kongresses der Kommunistischen Partei im Januar 1990 oder Slobodan Miloševićs Besuch im Kosovo 1987, wo er den ‚serbischen‘ Standpunkt vertrat …

Der Beginn der Zerfallskriege ist hingegen eindeutig. Am 26. Juni 1991 begann der 10-Tage-Krieg in Slowenien. Erst zehn Jahre später, im August 2001, endete die mörderische Zerfallsgewalt mit dem Rahmenabkommen von Ohrid, wodurch auch die Aufstände in Mazedonien ihr Ende fanden. Sie gelten als letzter Konflikt der jugoslawischen Zerfallskriege.

 

Die Zerfallskriege beschäftigten auch Deutschland. Mit dem Kosovokrieg beteiligte sich die Bundesrepublik Deutschland erstmals an einem Krieg, noch dazu ohne UN-Mandat. Die deutsche Linke stritt sich über den deutschen Kriegseinsatz: Für die einen zählte Joschka Fischers »Nie wieder Völkermord«, die anderen waren »gegen deutsches Großmachtstreben«, mitunter ohne dabei allzu intensiv nach (Post-) Jugoslawien zu blicken (S.28). Die Fluchtbewegungen aufgrund der zeitlich aufeinanderfolgenden Kriege hielten 1993 als Alibi für den deutschen ‚Asylkompromiss‘ her, der das Asylrecht massiv schwächte.

Die Berührungspunkte zwischen Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien sind vielfältig: Der Einmarsch der Wehrmacht jährte sich am 6. April zum achtzigsten Mal. Es gab Gastarbeiterabkommen in den 1960er-Jahren. Heute leben in Deutschland rund zwei Millionen Menschen mit familiären Verbindungen in die Region. Jugoslawien bleibt Projektionsfläche für kulinarische Spezialitäten vom Balkan-Grill, als Urlaubsort oder für den Tito-Kommunismus. Die jugoslawischen Nachfolgestaaten orientieren sich überwiegend stark in Richtung EU, Kroatien und Slowenien sind bereits Mitgliedsstaaten.

 

Wir bewegen uns in diesem Schwerpunkt zwischen Geschichte und Gegenwart. Nicht nur in der Kultur leben die Zerfallskriege fort, wenn sich kroatische Theaterregisseur*innen mit deren Aufarbeitung und nationalistischen Mythen beschäftigen (S.36). Auch aktuelle Fußballfan-Kulturen haben Bezüge zur Kriegsgeschichte (S.34). Wir rekapitulieren den Zerfall Jugoslawiens (S.22) und schauen auf eine vorausgehende Balkanföderation (S.30).

Außerdem betrachten wir Aspekte der post-jugoslawischen Gegenwart, über die selten berichtet wird. Es geht also nicht um die ‚Balkanroute‘ und nicht um Korruption, sondern um Punkrock (S.38) und LGBTIQ-Rechte (S.32).

In der Gegenwart haben wir also sieben normale Länder in Südosteuropa mit den Problemen, die man im 21. Jahrhundert halt so hat. Oder sind es nur sechs Länder? Auch das ist eine Frage des Standpunkts. Die Republik Kosovo wird von etlichen Staaten (noch) nicht anerkannt, von Serbien sowieso nicht. Vielleicht doch nicht ganz normale Länder.

die redaktion

 

 

Glossar

Četniks: auch Tschetniks; Sammelbegriff für Angehörige monarchistischer bis faschistischer serbischer Milizen im Zweiten Weltkrieg. Darunter fiel auch die Jugoslawische Armee im Vaterland unter Dragoljub Mihailović. Sie kämpfte für die Wiedererrichtung des Königreichs Jugoslawien und ein ethnisch reines Großserbien. Viele Četnik-Verbände bekämpften ab 1941 die deutsche Besatzung, verbünden sich dann aber mit dieser gegen die Partisanenbewegung.

Der Heimatländische Krieg: in Kroatien gebräuchliche, nationalistische Bezeichnung für den Kroatienkrieg 1991 bis 1995.

Milošević, Slobodan: zunächst von 1986 bis 1989 Vorsitzender des Bundes der Kommunisten Serbiens, von 1989 bis 1991 Präsident der serbischen Teilrepublik und schließlich Präsident Restjugoslawiens. Nach Massenprotesten musste er am 5. Oktober 2000 zurücktreten und wurde anschließend vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Milošević starb 2006, bevor das Verfahren abgeschlossen werden konnte.

Tito, Josip Broz: Partisanenführer und von 1945 bis zu seinem Tod 1980 Staatschef Jugoslawiens. Geboren als Josip Broz 1892 in Kroatien, nahm er 1934 den Kampfnamen Tito an und war zeitlebens als Josip Broz Tito bekannt.

Vukovar: Stadt in Ostkroatien. Die Schlacht um Vukovar war eine der ersten Schlachten im Kroatienkrieg 1991. Die Stadt wurde insgesamt 87 Tage von der Jugoslawischen Volksarmee belagert und am 20. November 1991 eingenommen. Dabei wurden zahlreiche Kriegsverbrechen begangen.

Ustaša: auch Ustascha; Kroatisch für ‚Der Aufständische‘. Ein von Ante Pavelić im Königreich Italien gegründeter, kroatischer nationalistisch-terroristischer Geheimbund, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Pavelić führte ab 1941 den deutschen Vasallenstaat Unabhängiger Staat Kroatien an, der sich am nationalsozialistischen Genozid beteiligte.

384 | Jugoslawien
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