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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 385 | Monarchie Royal Kathrin Birner, Stefan Dietl: Die modernen Wanderarbeiter*innen.

Kathrin Birner, Stefan Dietl: Die modernen Wanderarbeiter*innen.

Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte.

Unter welch prekären Bedingungen Menschen in Schlachthöfen oder bei der Gemüseernte arbeiten müssen, ist während der Corona-Pandemie überdeutlich geworden. Der Band Die modernen Wanderarbeiter*innen – Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte von Kathrin Birner und Stefan Dietl knüpft direkt an diese Diskussion an. Die modernen Wanderarbeiter*innen, oder auch die mobilen Beschäftigten, kommen aus Ost- und Südeuropa, um für einige Monate in Deutschland Spargel zu stechen, um die Oma zu pflegen oder um Schweinehälften zu zerteilen. Diese Gruppe hat mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen: Unbezahlte Überstunden, Isolation von der einheimischen Bevölkerung, undurchsichtige Lohnabzüge für Unterbringung, Ketten von Sub- und Subsubunternehmen oder unzulässige Arbeitsverträge.

In sechs Kapiteln stellt das Buch dar, was diese Beschäftigten so verletzlich macht. Gleichzeitig zeigen die Autor*innen aber auch – und das ist die große Stärke des Bandes – welch enormes Potential im Kampf gegen diese prekären Arbeitsbedingungen liegt. Ein Baustellenstreik wegen fehlender Löhne oder eine Klage gegen untergeschobene Verträge – die beiden nennen zahlreiche Beispiele, in welchen migrantische Beschäftigte erfolgreich ihr Recht erkämpfen. Kritisch begutachten Birner und Dietl, die beide einen gewerkschaftlichen Hintergrund haben, dabei die Rolle der Gewerkschaften in Deutschland. Diese sahen mobile Beschäftigte aus dem europäischen Ausland viel zu lang als Konkurrenz und befürworteten eine restriktive Zuwanderungspolitik. Eine gezielte Einbindung von mobilen Beschäftigten in die Gewerkschaften geschieht erst seit Kurzem.

Während die Beschreibung der Arbeitsbedingungen einen großen Teil des Buches einnimmt, werden die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die zu selbigen geführt haben, nur angeschnitten. Eher schablonenhaft geht es um den Ausbau des Niedriglohnsektors oder die gesetzlichen Raffinessen, die diese Form prekärer Beschäftigung legalisieren. Statt nur von der »neoliberalen Umstrukturierung des Arbeitsmarktes« zu sprechen, wäre es spannend gewesen, detaillierter zu erfahren, welche politischen Diskussionen und Entscheidungen zum Status quo geführt haben.

Trotzdem öffnet das Buch einen Blick auf Ungerechtigkeiten, die sich aufgrund der Unsichtbarkeit mobiler Beschäftigter im Alltag leicht aus dem Bewusstsein schieben lassen. Die inhaltlichen Lücken lassen sich auch als Motivation verstehen, weiter nachzuforschen. In jedem Fall bietet das Buch Hintergrundwissen, das zu Kritik an aktuellen politischen Debatten, wie die Tarifverhandlungen in der Fleischindustrie, anregt.

Isabel Röder

Kathrin Birner und Stefan Dietl: Die modernen Wanderarbeiter*innen. Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte. Unrast Verlag, Münster 2021. 140 Seiten, 12,80 Euro.

385 | Monarchie Royal
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