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Olaf Kaltmeier: Refeudalisierung und Rechtsruck.

Soziale Ungleichheit und politische Kultur in Lateinamerika

Die globale Krise des Kapitalismus bildet den Ausgangspunkt der These des Buches Refeudalisierung und Rechtsruck in Lateinamerika von Olaf Kaltmeier. Der vieldiskutierte Ansatz steht im Kontext einer »breiter angelegten Perspektive gesellschaftlichen Wandels« und soll den »gängigen ‚post‘-Konzepten« den »implizierten fortschrittsoptimistischen Zahn« ziehen.

Kaltmeier zeigt die Besonderheiten auf, in denen sich die globale Krise im lateinamerikanischen Raum ausdrückt. Die Gründe verortet er in der spezifischen Form der Kolonialisierung und der Entwicklung der republikanischen Staaten. Der Autor konstatiert dort einen konservativen Backlash. Ein »neuer Autoritarismus« steht der Demokratisierung der letzten Dekaden entgegen. Begleitet werde die Entwicklung durch eine soziale Polarisierung, eine durch das extraktivistische Wirtschaftsmodell bedingte ökologische Krise und die Konzentration von Finanzkapital und Land in den Händen einer »Geldaristokratie«. Diese akkumuliere in Gestalt reicher Präsidenten politische Macht und untergrabe damit demokratische Institutionen. Die politische Debatte sieht er von einer rassistisch und kolonialistisch geprägten »weißen Überlegenheit« geprägt.

In der sehr dichten Einleitung beschäftigt sich der Autor mit Theorien zur Entwicklung Lateinamerikas im Kontext von Feudalismus, Kapitalismus und Kolonialismus. Er gibt einen interessanten Überblick und guten Einstieg in die Thematik. Leider stellt Kaltmeier keine eigenständige Theorie der Refeudalisierung vor, setzt aber dennoch viele ihrer Aspekte implizit voraus. Im letzten Teil, der eindeutig zu kurz kommt, reiht der Autor verschiedene Ideen und Konzepte für eine »Überwindung der gegenwärtigen Konjunktur der Refeudalisierung« und Perspektiven eines »neuen Kommunismus« aneinander. Interessant wäre eine Tauglichkeitsprüfung im Kontext der enormen zwischenstaatlichen und regionalen Unterschiede Lateinamerikas.

Kaltmeier diskutiert Refeudalisierung hauptsächlich auf der Ebene von Politik, Ökonomie und sozialer Phänomene. Systemkritik wird dabei auf das Thema ökonomische Ungleichheit beschränkt. Eine präzisere Herausarbeitung der Merkmale von Feudalismus und eine tiefergehende Befassung mit der warenförmigen Vergesellschaftung hätte eine treffendere Interpretation der Krise ermöglicht. Zahlreiche seiner Beispiele belegen eher die krisenhafte Durchsetzung der Geld- und Warenform denn eine feudalistisch geprägte Entwicklung.

Andreas Baumgart

Olaf Kaltmeier: Refeudalisierung und Rechtsruck. Soziale Ungleichheit und politische Kultur in Lateinamerika, Bielefeld University Press, 2020. 160 Seiten, 20 Euro

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