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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit »Männlichkeit ist ein gesellschaftlicher Skandal«

»Männlichkeit ist ein gesellschaftlicher Skandal«

Intimität und Männlichkeit stehen häufig in einem schwierigen Verhältnis zueinander. Das hat strukturelle Ursachen, die in der Konstruktion von Männlichkeit liegen, meint Kim Posster. Er war an mehreren Versuchen der organisierten (Selbst-)Reflexion von Männlichkeit beteiligt, die er mittlerweile als gescheitert bewertet und publiziert zu Profeminismus und Männlichkeitskritik.

iz3w: Trotz aller Veränderung gilt immer noch der Satz »Boys don’t cry«. Kannst du dir erklären wieso?

Kim Posster: Es gibt ja durchaus Kontexte, in denen Männer weinen dürfen. Dabei muss es dann aber schon um vermeintlich dramatische, große Dinge gehen, die nicht direkt mit inneren Prozessen und schon gar nicht mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben. Männer weinen, wenn Deutschland beim Männerfußball verliert. Aber doch nicht, weil ihr bester Freund ihnen eine Überraschung zu ihrem Geburtstag macht oder weil sie von einer vertrauten Person stark enttäuscht werden. Man darf keine Schwäche zeigen, weil das in den allermeisten Fällen Angreifbarkeit bedeutet.

Zudem gibt es ein enormes Abhängigkeitstabu. Sich gegenüber anderen Menschen Emotionen hinzugeben würde diese Abhängigkeit unterstreichen. Gerade Trauer bedeutet auch ein Innehalten sowie Verletzlichkeit und Loslassen. Das sind Zustände, von denen Männer gelernt haben, dass sie sie vermeiden müssen. In Momenten, in denen sie ihnen ‚drohen‘, versuchen sie besonders stark die Kontrolle zu behalten. Das führt dann tatsächlich auch dazu, dass man verlernt zu weinen – wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann.

Ich finde es aufschlussreich zu schauen, wann Männer dann doch verletzlich sein können: in der Männergemeinschaft, unter der Bedingung, dass Frauen und Homosexuelle ausgeschlossen sind. Männer können dort wieder Nähe zulassen, in dem gemeinsam gehaltenen Raum, dass man die eigene Verletzlichkeit betrauert, ohne dabei aber angreifbar zu werden – vor allem durch Frauen.

 

Man(n) möchte also eine intime Beziehung führen, fühlt sich aber genau dadurch die ganze Zeit angegriffen. Wie soll das denn funktionieren?

Erfahrungsgemäß mehr schlecht als recht. Gerade heterosexuelle Männer stecken in einem ständigen Autonomie-Abhängigkeitskonflikt. Er rührt daher, dass Männer Frauen ganz zentral brauchen, etwa um stark zu sein, aber auch um Emotionen ausdrücken zu können und um überhaupt in der Welt zurecht zu kommen. Gleichzeitig merken sie aber ständig, wie sie durch diese geschlechtliche Arbeitsteilung und ihre Zuneigung zu Frauen von diesen abhängig sind. Das wiederum soll verhindert werden. Man möchte Zuneigung und Bestätigung von Frauen und dabei gleichzeitig verhindern, dass sie zu einem wirklichen Gegenüber werden, das ein eigenes Urteil und eigene Bedürfnisse setzen kann. Das produziert Ambivalenz und ist mit der zentrale Grund für Beziehungsgewalt und sexuelle Gewalt, weil gerade in intimen und sexuellen Beziehungen diese Ambivalenz besonders stark hervortritt. Männer versuchen, sie mit Kontrolle und Dominanz aufzulösen.

 

Das klingt sehr schmerzhaft und einsam.

Ja, das ist es auch. Nur schließen Männer daraus ganz selten: Ich habe ein Problem und das wird auch ständig zum Problem für andere. Lieber empfinden sich Männer als tragische Figuren und entwickeln ganz viel Selbstmitleid. Aber auch aus der Position des Selbstmitleids kommt es zur Aggression. In meiner ersten sexuellen Beziehung mit einer Frau war ich beispielsweise unglaublich stark mit eigenen Unsicherheiten beschäftigt. Ich hatte das Gefühl, ich mache das nicht gut genug. Irgendwann habe ich sie dann gefragt, wie es denn für sie sei. Davon war sie irritiert. Ich müsse doch eigentlich spüren, dass es ihr gefällt. Da ist mir ein Gedanke durch den Kopf geschossen, der mich erschreckt hat: ‚Was weißt denn du schon?‘

Männer leben oft unter dem Eindruck, dass sie sich dem Urteil von Frauen unterwerfen. Doch was sie eigentlich tun, ist ihre eigenen Männlichkeitsanforderungen in der Frau zu spiegeln. Wenn der Spiegel dann spricht und eine eigene Meinung hat, wird das zum Problem. Und da muss das Mitleid aufhören. Ohne das Leiden, das dahintersteckt, in Abrede stellen zu wollen aber wenn ich nicht bereit bin, mein Gegenüber wirklich anzuerkennen, ist das reaktionär.

 

Reden über Gefühle ist zwischen Männern vor allem dann möglich, wenn Frauen und Homosexuelle ausgeschlossen sind. Was ist der Grund dafür?

Männer begeben sich dann nicht mehr in Gefahr. Auch Männer leiden ja ganz stark unter anderen Männern. Durch die immer wiederkehrende Abweisung entsteht aber auch ein Wunsch nach Männernähe – danach, mit Männern anders zusammensein zu können. Wenn man sich klassische Männerbünde ansieht, ist die Bedingung für Männernähe, dass es einen Ausschluss von Weiblichkeit gibt. So können Männer ihre Verletzlichkeit betrauern, weil sie sich nicht mehr beweisen müssen. Gleichzeitig schwingt bei Intimität und körperlicher Nähe zwischen Männern Homoerotik mit. Diese verliert nur dann ihre Bedrohlichkeit, wenn man Homosexualität ausschließt.

 

Wieso ist Homosexualität so bedrohlich?

Weil es Männlichkeit dem Anspruch nach fundamental widerspricht, Objekt für anderes zu sein. Das ist in der patriarchalen Ideologie Aufgabe der Frauen. Hinter der Angst vor Homosexualität steht die Angst, dass andere Männer einen so sehen könnten, wie man selbst Frauen sieht. Dass andere Männer einen zum Objekt machen und sexuell dominieren könnten. Die eigenen Anteile, die sich wünschen zum Beispiel auch mal gefickt zu werden, also passive Triebziele, müssen, um die männliche Subjektivität zu erhalten, verdrängt und abgespalten werden.

Dass gerade Transfrauen so viel Gewalt erleben, hat auch damit zu tun, dass sie in den Augen von cis-Männern gleichzeitig die schlimmsten Frauen und die schlimmsten Schwulen sind. Oft werden sie dafür gewalttätig angegriffen, dass Männer ihnen vorwerfen, sie seien auf sie reingefallen. Sie schämen sich so sehr für ihr Begehren und müssen das so stark zurückweisen, dass sie ihr Gegenüber vernichten wollen. Gleichzeitig verkörpert eine Transfrau die auf die Spitze getriebene Angst von Männern, dass das Einen-Penis-haben ihre Männlichkeit nicht garantieren kann.

 

Wieso fällt es Männern so schwer, an ihrer eigenen Befreiung zu arbeiten, wenn sie selbst unter Männlichkeit leiden?

Männer haben ein starkes Unbehagen und eine Unlust, in eine Konfrontation zu gehen. Etwas Grundlegendes, was Männer und gerade linke Männer lernen müssen, ist, dass Kritik auch etwas Intimes ist. Etwas, das sie und ihre männlichen Freunde direkt betrifft. Viel zu oft überlassen sie Frauen die Konfrontation. Männer gehen ihre Probleme oft nur in ihren romantischen Beziehungen durch, wodurch es wieder Probleme von Frauen werden. Das sollte eigentlich nicht sein. Weil aber der Respekt zwischen Männern auf der Grundlage beruht, dass man sich nicht zu nahekommt, sind Männer keine guten Ansprechpartner füreinander. Es gibt Bereiche in denen das passiert, etwa in der Kritischen Männlichkeit. Aber die Erfahrung zeigt, dass Männer solche Runden oft nutzen, um sich selbst in jenen Punkten, die sie unglücklich machen, ein bisschen auszubessern. Und es schnell wieder lassen und so feministische Kritik für sich nutzen, aber nur an der Oberfläche verbleiben.

Es muss also auch immer um feministische Ziele gehen: etwa die Rolle von Männlichkeit in Beziehungsgewalt besser zu verstehen und sich selbst darin auch zu sehen. Es sollte auch darum gehen, wie man gegen die Verhältnisse vorgeht, die so etwas immer wieder hervorbringen. Da finde ich es relativ unbefriedigend, all den Männern nur zu sagen, sie sollen mal über ihre Gefühle und Sexualität reden. Das ist eine Basisnotwendigkeit und sollte nicht als profeministische Praxis geadelt werden. Von ihr ausgehend lassen sich dann entsprechende Kämpfe führen.

Auch das Thema sexuelle Gewalt meiden Männer. Sie treten zu fast allen Themen gerne als Experten auf, die wissen was zu tun ist. Wenn es aber um Kritik an Männlichkeit und besonders um sexuelle Gewalt geht, dann ist das nicht so. Man schaut plötzlich Feministinnen mit ganz großen Augen an. Dabei käme es genau da darauf an, mal die Klappe aufzumachen, wo man das doch sonst ständig ungefragt tut. Das ist kein Zufall.

 

Was war deine persönliche Motivation, dich mit dem Thema Männlichkeit zu befassen?

Für mich war es ein ehrliches Erschrecken über mich selbst und patriarchale Zustände. Und ein ehrliches Interesse an feministischer Solidarität. Aber da waren auch reformistische Bedürfnisse, wie die Nähe zu anderen Männern, oder die Möglichkeit über meine eigenen Unsicherheiten und über Gefühle und Sexualität sprechen zu können. Die persönlichen und vor allem politischen Enttäuschungen, die ich daraufhin in ‚Selbsterfahrungsgruppen‘ gemacht habe, haben bei mir zur Erkenntnis geführt: Männlichkeit ist ein gesellschaftlicher und für mich persönlich auch ein biografischer Skandal und gegen diesen begehre ich auf. Aus einem Erschrecken und Leiden daran, aber eben auch aus feministischer Notwendigkeit. Das Positive, welches daraus für mich und andere Männer entsteht, ist ein erfreuliches Nebenprodukt der beständigen Kritik an mir, an Männlichkeit, an den patriarchalen Verhältnissen. Das ist heute meine Motivation und damit bin ich eigentlich ganz zufrieden.

 

Das Gespräch führte Larissa Schober (iz3w).
Die Langfassung des Artikels steht HIER

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