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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit Toxische Männlichkeit: Ein kritischer Begriff für das Patriarchat?

Toxische Männlichkeit: Ein kritischer Begriff für das Patriarchat?

Mit dem Begriff der toxischen Männlichkeit diskutiert inzwischen eine breite Öffentlichkeit über destruktive männliche Verhaltensweisen. Das Konzept bleibt jedoch individualistisch und es fehlt ihm an gesellschaftspolitischer Schärfe. Bieten sich dennoch Anknüpfungspunkte für die feministische Bewegung?

von Markus Textor

Manchmal sorgt bereits eine kleine Broschüre für großen Wirbel. Als die American Psychological Association 2019 einen Ratgeber über die »Psychologische Arbeit mit Jungen und Männern« veröffentlichte, in dem sie vor den negativen psychischen Folgen »traditioneller Männlichkeit« warnte, ging ein Aufschrei durch die konservative Presselandschaft. Ohne männliche Aggression und Mut, meinte etwa ein Kommentator des US-Fernsehsenders Fox News, würde die Menschheit noch in Höhlen leben. Allen Abwehrreaktionen zu trotz zeigt die Diskussion, dass es das Thema toxische Männlichkeit in die breite Öffentlichkeit geschafft hat. Es geht um gefährliche, gewalttätige oder eben traditionelle Verhaltensweisen, mit denen Männer sich und anderen schaden. Wie sich das genau äußert und wem es schadet, bleibt allerdings oft uneindeutig. Ebenso unklar ist, wie sich der unpräzise Begriff für politische Veränderung heranziehen lässt.

Toxisch oder gesund?

In Deutschland arbeitet der Pädagoge Sebastian Tippe zu diesem Thema. In seinem Buch »Toxische Männlichkeit« schreibt er, diese »beschreibt problematische Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen, die […] an die traditionelle Männerrolle gekoppelt und eng mit patriarchalen Strukturen und hegemonialer Männlichkeit verknüpft sind und mit denen Jungen und Männer anderen und/oder sich selbst […] schaden«. Mit dem Fokus auf destruktives Verhalten tritt dabei jedoch ein entscheidender Aspekt in den Hintergrund: Männer profitieren von patriarchalen Verhältnissen. Auch der australische Geschlechterforscher Michael Flood betont die Schwächen des Begriffs: »Männlichkeit mag für Männer ‚toxisch‘ sein, aber sie lohnt sich, indem sie Männern ungerechte und unverdiente Privilegien verschafft.« Die Kritik an toxischer Männlichkeit als destruktive Ausprägung männlichen Verhaltens beinhaltet zudem immer auch den impliziten Verweis auf eine vermeintlich gesunde Männlichkeit, die dieser gegenübergestellt wird. Dass Männlichkeit an sich etwas Erstrebenswertes sei, bleibt also vorausgesetzt.

War man da nicht schon einmal weiter? Feministische Theorien zum Thema Männlichkeit haben stets versucht, das Systematische am Patriarchat zu beschreiben: Die wirtschaftlichen Vorteile, der bevorzugte Zugang zu gesellschaftlichen und beruflichen Positionen, die ungerechte Arbeitsverteilung im Haushalt oder bei der Sorge für Andere – und eben auch die systematische Abwertung alles nicht Männlichen (Seite 21). Die Debatten um toxische Männlichkeit scheinen oft hinter diese Erkenntnisse zurückzufallen. Weiter führt da ein kritischer Forschungsansatz der Soziologin Raewyn Connell, die von »hegemonialer Männlichkeit« spricht. Im Vergleich zur toxischen Männlichkeit kann unter Bezug auf Connells Theorie eine klare Aussage gemacht werden, wann eine Männlichkeit als hegemonial, also vorherrschend, bezeichnet werden kann: Wenn sie sich in einer Gesellschaft erfolgreich durchgesetzt hat und breite Akzeptanz genießt. Ob das heute bei einer traditionellen oder gar gewalttätigen Männlichkeit der Fall ist, muss in Frage gestellt werden. Ist hier ‚die‘ Männlichkeit gemeint? Letztlich schöpft das Konzept der toxischen Männlichkeit aus einer Vielzahl verschiedener kritischer Ansätze. Um eine ausgearbeitete Theorie handelt es sich jedoch nicht, diesbezüglich fehlt es dem Begriff an notwendiger Schärfe.

Männlichkeit verlernen

So wird das Gesellschaftliche bei der toxischen Männlichkeit nur am Rande behandelt. Die Debatten sind stark pädagogisch geprägt: Toxische Männlichkeit werde erlernt und könne folglich auch wieder verlernt werden. Auch in Sebastian Tippes Buch geht es zentral um das Thema Sozialisation und um Strategien, mit denen die toxische Männlichkeit verlernt werden soll. Nun führt aber eine solche pädagogische Herangehensweise nicht unmittelbar zur Veränderung der patriarchalen Verhältnisse. Tippe geht zwar davon aus, dass sich die Verhältnisse verändern könnten, würden mehr Männer für feministische Themen sensibilisiert werden und er bietet Workshops für Männer an. Führt der Weg zu einer nicht-patriarchalen Gesellschaft also allein über Selbstreflektion und Therapien? Dass die Überwindung des Patriarchats auf diesem Weg lange dauern dürfte, weiß auch Tippe.

Andererseits scheint mit der Debatte um toxische Männlichkeit gesellschaftlich etwas in Bewegung geraten zu sein. So sieht Michael Flood, trotz aller Kritik, auch die Stärken des Konzepts toxischer Männlichkeit: In einer breiten Öffentlichkeit wird Männlichkeit erstmals als etwas Soziales und Erlerntes verhandelt, das folglich auch veränderbar ist. Zudem sei das Konzept gerade wegen seiner Einfachheit anschlussfähig, um feministische Kritiken und Politiken zu popularisieren. Oftmals sind damit verbundene Theorien komplex und schwer zugänglich. Etwas zu popularisieren kann vor diesem Hintergrund hilfreich sein und politische Veränderungen fördern. Doch wie genau dies umgesetzt werden kann, beschreibt auch Flood nicht.

Der Kampf um die Hegemonie

Diesbezüglich lohnt es sich, die Politik- und Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe heranzuziehen, da mit ihr gezeigt werden kann, unter welchen Bedingungen gesellschaftliche Diskurse zu politischer Veränderung führen können. In ihrem einflussreichen Werk »Hegemonie und radikale Demokratie« analysieren Laclau und Mouffe, wie die feministische Bewegung die patriarchale Hegemonie herausgefordert hat. Sie schreiben, dass dies erst gelingen konnte, nachdem es im demokratischen Diskurs möglich war zu artikulieren, dass es eine Frauenunterdrückung gibt. Nachdem die feministischen Positionen artikuliert werden konnten, war es der Bewegung auch möglich, konkrete widerständige Forderungen zu stellen. Diese bekamen ihre Durchschlagskraft vor allem durch die zunehmende Popularität. Aber auch, weil sie sich inhaltlich derart verdichtet haben, dass für die gesellschaftlichen Subjekte nachvollziehbar war, warum es sinnvoll ist, gegen das Patriarchat aufzubegehren. Landläufig ist dieser Kampf um die Hegemonie auch als Diskursverschiebung bekannt.

Lässt sich mit dem Konzept toxische Männlichkeit also auch die patriarchale Hegemonie herausfordern? Um den patriarchalen Diskurs nachhaltig zu verschieben, müsste sich die Diskussion ebenfalls verdichten, so dass erkennbar würde, warum, wann, für wen und inwiefern manche männlichen Handlungsweisen schädlich sind, aber auch, welche Rolle sie im Patriarchat einnehmen. Das gelingt in den Debatten um toxische Männlichkeit bisher unzureichend. Es fehlt die gesellschaftliche Dimension und eine klare Benennung der Profiteure patriarchaler Verhältnisse. Weiter führt uns hier der oben genannte Begriff der hegemonialen Männlichkeit von Connell, in dem verschiedene Erkenntnisse der Männlichkeitsforschung zusammenlaufen. Mit ihm lassen sich Aussagen darüber treffen, wann eine Männlichkeit als hegemonial erachtet werden kann und warum dies so ist. Aufgrund dessen wird das Konzept auch international herangezogen, um Männlichkeiten zu analysieren, was es prinzipiell anschlussfähig macht, um damit antipatriarchale Politik zu betreiben. Andererseits ist dem akademischen Thema der hegemonialen Männlichkeit bisher nicht dieselbe mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden wie dem popularisierten Konzept der toxischen Männlichkeit. Popularisierungen und Modebegriffe können durchaus für politische Zwecke eingesetzt werden. Dies ist aber nur erfolgreich, wenn die Ziele und Forderungen politisch präzise sind. Die feministische Bewegung etwa konnte auf klare Forderungen wie Frauenwahlrecht, ökonomische Gleichstellung oder körperliche Selbstbestimmung verweisen. Ließen sich ausgehend von dem Konzept der toxischen Männlichkeit vergleichbare politische Forderungen formulieren, wäre das ein wichtiger Schritt für eine antipatriarchale Bewegung. Ansonsten aber wird toxische Männlichkeit ein unpräzises Konzept bleiben, das im schlimmsten Fall dem Patriarchat ein politisch korrekteres Facelift verpasst, statt es nachhaltig zu bekämpfen.

 

Markus Textor ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

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