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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 388 | Rassismus und Widerstand Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Leben im Widerspruch.

Fatima Daas erzählt in ihrem autofiktiven Debütroman Die jüngste Tochter davon, wie es ist, nirgendwo hineinzupassen. Ihre gleichnamige Protagonistin ist, wie die Autorin, eine algerisch-stämmige Französin, praktizierende Muslima und lesbisch. Das Besondere an dieser Erzählung: Daas‘ Protagonistin bricht nicht mit ihren Rollen. Sie bleibt Tochter, Muslima, Lesbe. Der Autorin ist ein bemerkenswerter Roman gelungen, der der schmerzhaften Frage nach Identität(en) auf originelle Weise nachgeht.

Fatima, so heißt es im Roman, das ist der Name der jüngsten Tochter Mohammeds, ein Name, den man ehren muss, den es nicht »zu beschmutzen« gilt. Als jüngste Tochter der Familie ist Fatima die Einzige, die nicht in Algerien geboren ist. Sie wächst in dem 2005 zu zweifelhaften Ruhm gekommenen Banlieue Clichy-sous-Bois am Rande von Paris auf. Die Eltern können ihre Enttäuschung über eine weitere Tochter nicht verbergen. Fatima fühlt sich mehr als Junge denn als Mädchen, was im Elternhaus wiederum auf Ablehnung stößt. In der Schule ist sie laut und verhaltensauffällig, zu Hause bei der Familie herrscht Schweigen, das »am wenigsten verschlüsselte Kommunikationsmittel«.

Während des Betens und Fastens erfährt Fatima Zugehörigkeit. Doch der Glaube allein bietet ihr nicht genug Halt, denn da ist ihre sexuelle Anziehung zu Frauen. Halt findet sie auch dann nicht, als sie sich in Nina, eine wesentlich ältere Frau, verliebt. Fatima bleibt distanziert und unbeständig. Unter den vielen Rollen scheint ihr keine zu genügen: »Ich suche Stabilität. Denn es ist schwer, immer abseits zu sein, abseits der anderen, nie bei ihnen, abseits des Lebens, immer daneben.«

Das Schreiben wird für die Protagonistin zum Weg aus der Zerrissenheit. Mit dem immer gleichen Satz leitet die Erzählerin fast jedes der 71 schmalen Kapitel ein: »Ich heiße Fatima« ist ein Mantra wie die Eingangsformel der Suren im Koran, nur eben statt im Namen Allahs, im eigenen – als wolle sich die Erzählerin immer wieder ihrer selbst versichern. »Die jüngste Tochter« überzeugt auch durch Daas‘ atemlose, soghafte Sprache. Neben dahingerotzter Umgangssprache findet sich dort eine Zärtlichkeit, die häufig zwischen den Zeilen liegt: »Ich finde selbst, dass es schrecklich ist, ‚Ich liebe dich‘ zu sagen. Ich finde, es ist ebenso schrecklich, es nicht zu sagen. Es nicht zu schaffen, sich selbst daran zu hindern.«

Daas‘ Roman berührt. Die Autorin selbst, die unter einem Pseudonym schreibt, ist nicht unumstritten. Sie bezeichnet sich zwar selbst als intersektionale Feministin, spricht gleichzeitig aber in einem Interview von gleichgeschlechtlichen Beziehungen als Doppelsünde. Auch sie lebt den Widerspruch.

Michaela Frey

Fatima Daas: Die jüngste Tochter. Claassen Verlag, Berlin 2021. 192 Seiten, 20 Euro.

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