Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 388 | Rassismus und Widerstand Johanna Lier: Amori. Die Inseln.

Johanna Lier: Amori. Die Inseln.

Offene Ohren, geschlossene Grenzen.

Der neue Roman von Johanna Lier Amori. Die Inseln ist keine Liebeserzählung. Wandert der Anfangsbuchstabe an das Ende des ersten Wortes, wird der Schauplatz des Buches erkennbar: Moria auf der Insel Lesbos. Die Autorin und Aktivistin nimmt uns mit in das größte Geflüchtetenlager Europas, in dem sich das kollektiv-europäische Versagen in menschenunwürdiger Behandlung zeigt.

Der Bericht ist als »dokumentarische Ortsbegehung« der Insel verfasst, stellt Begegnungen in den Vordergrund und hört vor allem zu. Die Protagonist*innen des Buches sind neun Frauen und Männer aus dem Lager, Aktivist*innen und Geflüchtete, die Lier zwischen 2018 und 2019 in Griechenland traf. Sie berichten ihr von Überlebenspraktiken innerhalb des dysfunktionalen Migrationssystems Europas, von lebensbedrohlichen Fluchtwegen und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Die alltäglichen Räume der Protagonist*innen macht Lier zu Kapitelübschriften und erzählt dann detailliert von der dauerhaften Enge, Gewalt und den katastrophalen Zuständen des Lagers. Moria ist ein Ort, an dem Geflüchtete gefangen gehalten werden, bis entschieden ist, ob sie überhaupt einen Antrag auf Asyl stellen dürfen. Es ziehen Monate oder Jahre ins Land, in denen zehntausende Menschen gezwungen sind auszuharren und Verhörsituationen sowie die Launen des Personals ertragen müssen.

Durch ihr alter Ego Henny L. erschafft Lier literarisch eine selbstreflexive, betrachtende Perspektive. Durch Henny L. lässt sie uns an intimen Momenten teilhaben, in denen sie westliche Glaubenssätze und Rassismen kritisiert. Hierbei zeigt sie auf, »was wir an den Grenzen tun und welchen Preis wir zu zahlen bereit sind, wenn es um unsere Privilegien und Identität geht.« Die Autorin eröffnet durch die Arbeit am Buch ein Forum des Austausches. Diesen Charakter verstärkt sie literarisch durch fragmentarisch und passgenaue Zitate von neunzehn Autor*innen, darunter James Baldwin, Achille Mbembe und Gayatri Spivak.

»Amori. Die Inseln« ist eine literarische Antwort auf eine kollektive Gewalterfahrung und fordert zurecht bitter notwendige Debatten ein: über die Grenz- und Lagerpraktiken Europas, das Recht auf Mobilität und die Kontrolle über das eigene Leben. Dabei steht stets die Frage im Zentrum: »Wem hören wir zu und welche Stimme hat für uns ein Gewicht?«

Christin Meusel

Johanna Lier: Amori. Die Inseln. Verlag die brotsuppe, Biel 2021. 328 Seiten, 27 Euro.

388 | Rassismus und Widerstand
Cover Vergrößern
iz3w-Abonnement

Ihr habt das Heft in der Hand: abonniert oder verschenkt die iz3w!

Ihr habt das Heft in der Hand / Auswahl Cover

Derzeit hat unser Shop ein kleines Problem: nur bei einer Bestellung eines Downloads muss ein Kundenkonto angelegt werden. Bestellt in dem Fall gerne auch per Telefon 0761 74003 oder als Email info(ät)iz3w.org. Printausgaben können problemlos bestellt werden.