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Privatisierung der Luft | Freiwillige Klimaschutz-Abgaben auf Flugreisen zielen in die falsche Richtung

von Christian Stock

Wer bislang noch glaubte, der Klimawandel werde erst in Zukunft spürbar sein, konnte im vergangenen Winter am eigenen Leibe erfahren, dass dem nicht so ist. So setzte nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit eine große Aufregung ein. Kein Medium, das nicht Klima-Specials produzierte, kein Promi, der nicht was von "Verantwortung für spätere Generationen" schnatterte, keine PolitikerInnen, die nicht gelobten, jetzt aber endlich für Klimaschutz zu sorgen. Doch nährten all die Bekundungen des guten Willens vor allem die Vermutung, dass de facto alles so bleiben wird, wie es ist.

Ein gutes Beispiel dafür sind die freiwilligen Klimaabgaben von Flugreisenden, um die inzwischen zahlreiche Organisationen werben. Die Grundidee ist einfach: Flugreisen produzieren in großen Mengen Kohlendioxid, mit steigender Tendenz. Da die Abgase direkt und zudem in großer Höhe in die Atmosphäre gelangen, sind sie besonders klimaschädlich. Deshalb soll jede/r Flugreisende freiwillig eine Abgabe zahlen, mit der Klimaschutzprojekte finanziert werden. Diese Projekte sind meist in Entwicklungsländern angesiedelt, da das Geld dort am effizientesten eingesetzt werden kann - so die Theorie.

Die bekannteste dieser Klimaschutz-Initiativen dürfte Atmosfair sein, nicht zuletzt dank des Einsatzes von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Er wandte sich Anfang März an alle Flugreisende: "Flüge lassen sich nicht immer vermeiden. Aber jeder kann etwas dazu beitragen, sie klimafreundlicher zu gestalten, etwa über eine Kompensation bei Atmosfair". Gegründet wurde die Kohlendioxid-Ausgleichsagentur bereits 2003 von der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation Germanwatch und dem forum anders reisen, ein Zusammenschluss alternativer Reiseanbieter.

Mit einem Emissionsrechner auf der Atmosfair-Webseite kann jede/r Reisende/r errechnen, wie viel CO2 ein Flug produziert. Bei Frankfurt-Bangkok und zurück wären das 6.500 Kilogramm des klimaschädlichen Gases. Zum Vergleich: das "klimaverträgliche" Jahresbudget eines Menschen liegt bei 3.000 Kilogramm. Um diese Klimasünde wenigstens zu lindern, sollen die Reisenden bei Atmosfair freiwillig ein Emissionsschutz-Zertifikat erwerben. Mit dem so eingenommenen Geld finanziert Atmosfair Projekte in Thailand, Indien oder Brasilien - laut eigenen Angaben nach strengen Kriterien. Beispielsweise ein Solarkocherprojekt im südindischen Sringeri Mutt, wo die Mahlzeiten für die zahlreichen Pilger bislang mit gesundheits- und umweltschädlichen Dieselbrennern zubereitet wurden. Mit der neuen Technologie sollen in den kommenden fünf Jahren 4.000 Tonnen CO2 eingespart werden.
Atmosfair steht für einen technologischen Ansatz, laut dem Emissionsverringerung durch umweltfreundliche Technologien realisiert werden soll. Andere Klimaschutz-Organisationen zweifeln am Segen von Umwelttechnologie. Sie setzen auf das Pflanzen von Bäumen. Dass Bäume CO2 fixieren, gilt schließlich als unstrittig. So bittet etwa der Verein Prima-Klima-weltweit alle Flugreisenden um Spenden, um in Argentinien oder Kongo, aber auch in Deutschland Bäume pflanzen zu lassen. Der Reiseanbieter Travel-to-Nature geht noch weiter: Seine Costa-Rica-Reisenden sollen in einem Wiederaufforstungsprojekt selbst Hand anlegen.

Lassen wir mal die Frage beiseite, welcher der beiden Ansätze effizienter ist. Übergehen wir auch, ob all diese Projekte halten, was sie konkret versprechen, und ob sie die Bedürfnisse, Gewohnheiten und Vorstellungen der Menschen in den Projektregionen erfüllen. Widmen wir uns allein der Frage, welche grundlegenden Mängel diese Art von Klimaschutz aufweist.
Erstens: Freiwillige Abgaben auf Flugreisen sorgen nicht dafür, dass auch nur ein einziger Kilometer weniger geflogen wird. Die allermeisten Reisenden interessieren sich nicht für die Folgen ihres Fluges, und für die Umweltbewussten ist der Ablasshandel bei Atmosfair & Co die verdruckste Rechtfertigung dafür, eben doch zu fliegen. Es handelt sich um eine klassische Ersatzhandlung. Sie richtet zwar selbst keinen Schaden an, beseitigt aber auch die Ursache der Klimakatastrophe nicht. Diese liegt im Ausstoß von Emissionen, an nichts anderem, und hier muss Klimaschutz ansetzen, will er relevant sein.

Zweitens: Freiwillige Abgaben bauen auf dem Marktprinzip auf, demgemäß sich die besten Ideen der größten Nachfrage erfreuen können. Kein Wunder, dass die meisten Politiker so gerne auf freiwilliges umweltgerechtes Verhalten der Individuen bauen, entlastet sie das doch von ungeliebten Maßnahmen wie etwa der Kerosinsteuer. Die wurde erst jüngst von der EU auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben. Solange der "Markt" Dumpingpreise für Flugreisen ermöglicht und daran nicht durch staatliche Maßnahmen gehindert wird, werden freiwillige Abgaben nur ein Feigenblatt bleiben. Kaschieren kann es das Versagen der Umweltpolitik allerdings nicht.

Drittens: Nicht nur die freiwilligen Abgaben, auch viele andere Klimaschutzprojekte, die auf dem Erwerb von Emissionsschutzzertifikaten beruhen, weisen dem globalen Süden die Funktion einer "CO2-Senke" zu. Im Norden wird emittiert, im Süden soll es wieder gut gemacht werden. Das entspricht der üblichen Aufgabenverteilung, bei der AkteurInnen im Norden aktiv gestalten und der Süden passiv Ressourcen bereitstellt. Nicht von ungefähr halten KritikerInnen im Süden wie etwa der südafrikanische Umweltaktivist und Wissenschaftler Patrick Bond die Vergabe von Emissionszertifikaten für "Carbon Colonialism". Für Bond liegt dem Handel mit Verschmutzungsrechten eine "Privatisierung der Luft" zugrunde, bei der AkteurInnen aus dem Norden über die Verfügungsrechte bestimmen.

Aus diesen und vielen anderen Gründen lehnen einige internationale NGOs wie etwa Carbon Trade Watch jegliche Form von Emissionsschutzzertifikaten grundsätzlich ab. Sie werden in der deutschen Klimadebatte jedoch kaum zur Kenntnis genommen, weder von Seiten staatlicher Umweltpolitik noch von umwelt- und entwicklungspolitischen NGOs. Hierzulande gefällt man sich lieber in der Rolle des klimapolitischen Vorreiters. Das lässt sich halt besser verkaufen - bei Atmosfair & Co sogar im Wortsinne.

Literaturhinweis:

- Carbon Trading: A Critical Conversation on Climate Change, Privatisation and Power, Development Dialogue No. 48, September 2006. Der von der norwegischen Dag Hammarskjöld Foundation herausgegebene Sammelband gibt einen ausgezeichneten Einblick in die kritische Debatte um Carbon Trade.

Christian Stock
ist Mitarbeiter im iz3w.

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