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Editorial Dossier

Indigenität

In rund 70 Staaten dieser Erde leben insgesamt 300 Millionen Menschen, die aufgrund von Selbst- oder Fremdzuschreibungen als "indigen" gelten. Viele von ihnen sind an den Rand der jeweiligen Gesellschaften gedrängt und rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. Oft zählen sie zur Armutsbevölkerung. In den letzten Jahren haben sich Indigene verstärkt dagegen zur Wehr gesetzt, sich politisch organisiert und es bis in höchste Staatsämter geschafft. Indigenität ist in den letzten Jahren zum viel benutzten Schlagwort aufgestiegen, und Indigene sind vermehrt zur "Zielgruppe" internationaler Menschenrechts- und Entwicklungspolitik geworden. All das ist Grund genug für die iz3w, sich näher damit zu befassen.

Selten hat die Redaktion allerdings so sehr um angemessene Begrifflichkeiten gerungen wie beim vorliegenden Dossier. Wer oder was ist überhaupt "indigen"? Das Wort kommt aus dem Lateinischen und heißt laut Lexikon soviel wie "eingeboren" - ein Wort, das schon allein aufgrund seiner kolonialen Konnotation inakzeptabel ist. Nicht viel besser sieht es mit weiteren synonym verwendeten Begriffen wie "indigene Völker", "Ureinwohner", "Naturvolk", "Stammesvölker" oder "autochthone Völker" aus. Auch ihnen liegt ein biologistisches, genau genommen sogar rassisches Verständnis von Menschengruppen als "Völkern" zugrunde.

Wer wie viele Menschenrechts-NGOs diese Begriffe unhinterfragt in den Mund nimmt, geht zumeist von folgenden Annahmen aus: Ein "Stamm" oder eine Volksgruppe lebt in Frieden mit sich und der Natur auf einem abgegrenzten Territorium. Es treten - meist weiße - Eroberer auf den Plan, die die UreinwohnerInnen kolonisieren, marginalisieren und ihres Landes berauben. Die Unterdrückung der Indigenen setzt sich im postkolonialen Zeitalter unter rassistischen, kapitalistischen oder staatsozialistischen Vorzeichen fort. Oft sind Indigene einem "inneren Kolonialismus" durch die Nachfahren der Eroberer oder anderer dominanter Gruppen ausgesetzt. Die kulturelle Entfremdung durch den Einfluss der westlichen Zivilisation oder durch Zwangsassimilation trägt zum zerstörerischen Werk bei. Dagegen leisten die Indigenen Widerstand, etwa indem sie sich auf ihre traditionelle Kultur und ihre Wurzeln besinnen. Unterstützt werden sie durch wackere Solidaritätsgruppen, die auf Menschen- und Völkerrecht pochen.

Die im deutschsprachigen Raum prominenteste Menschenrechtsgruppe mit Schwerpunkt Indigene ist die "Gesellschaft für bedrohte Völker". In ihren Publikationen wird besonders deutlich, warum das oben skizzierte Verständnis von Indigenität trotz vieler ‚Wahrheiten' - insbesondere über die gewaltsame Kolonisierung - so problematisch ist. Ihm liegt ein naturalisierendes, essentialistisches Konzept von "indigenen Völkern" zugrunde: Es wird eine quasi "natürliche" Wesenhaftigkeit Indigener behauptet, die sie von anderen Bevölkerungsgruppen unterscheide. Dieser Essentialismus argumentiert keinesfalls nur biologistisch; häufig spielt "die Kultur" sogar die dominante Rolle. Doch auch dieser wird ein authentisches Wesen zugeschrieben, und genau aus diesem Grunde stehen augenfällige kulturelle Attribute wie folkloristische Kleidung oder Musik bei der Darstellung von Indigenen so sehr im Vordergrund. Wer so und so aussieht, ist auch so und so - auf diese Sichtweise läuft es hinaus. Weit verbreitet ist diese Sichtweise auch deshalb, weil sie nicht nur auf Fremd-, sondern auch auf Selbstzuschreibungen beruht. Viele indigene Gruppen sind sehr stolz auf das, was sie für ihr ‚Wesen' halten.

Über das, was als ‚authentisch' zu gelten hat, führen viele indigene Gruppen heftige Auseinandersetzungen (siehe das Beispiel Maori auf S.19). Indigenität ist eben nichts ‚natürliches', sondern Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse. Die Grundthese dieses Themenschwerpunktes lautet daher: Indigenität ist ein in sozialen Auseinandersetzungen diskursiv hergestelltes Konstrukt. Dieses Konstrukt ist gleichwohl keine bloße Erfindung, denn es beruht auf realen (Unterdrückungs-)Erfahrungen und es hat klare Funktionen: Indigenität dient der Gruppenbildung, der Ab- und Ausgrenzung, der Einforderung von kollektiven Rechten in hierarchischen Gesellschaften und vielem mehr. Indigenität beruht dabei nicht nur auf diskriminierender Fremdzuschreibung, sondern ist politisches und kulturelles Kapital, mit dem sich erfolgreich Politik machen lässt (siehe die Beispiele Andenraum, S. 7, und Bolivien, S.15).

Fast immer handelt es sich bei gesellschaftlichen Konflikten im Zusammenhang mit Indigenität um Verteilungs- und Machtfragen. Es geht dabei um "Land und Freiheit" (so der Titel des Einleitungsartikels, S. 3), also um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Selbstbestimmung. Parteinahme für die Sache der Schwächeren ist da durchaus geboten. Deshalb ist kaum nachzuvollziehen, warum es auch in manchen Strömungen der (marxistischen) Linken eine Verachtung alles Indigenen gab und gibt. Indigenität ist nicht per se ein "Rückfall" in vormoderne Vergesellschaftung, sondern ein widersprüchliches und umstrittenes Produkt der Postmoderne und ihres cultural turns.

Was folgt aus alledem? Das Recht auf Autonomie und Anderssein zu verteidigen, ohne einer Ideologie der Abstammung zu erliegen. Diese Gratwanderung versucht jedenfalls

die redaktion

Das Dossier Indigenität wurde gefördert von InWEnt gGmbH aus Mitteln des BMZ. Wir bedanken uns dafür herzlich.

303 | Die Politik der Indigenität
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