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Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten

Die USA in Vietnam. Hamburger Edition, Hamburg 2007. 595 Seiten, 35 Euro

Soziologie des Kriegers: Täterforschung zum Vietnamkrieg

Spätestens mit dem Vietnamkrieg mutierten die USA vom "guten" zum "bösen" Weltpolizisten. Gut 25 Jahre, nachdem die Amerikaner maßgeblich Europa von den Nazis befreit, und rund 15 Jahre, nachdem sie Großbritannien und Frankreich für deren kriegerisches, koloniales Abenteuer am Suezkanal verurteilt hatten, wurden sie selbst zur Zielscheibe weltweiter Proteste gegen einen "neokolonialen" Krieg. Das militärische Engagement in Vietnam war das entscheidende Ereignis des weltweiten Antiimperialismus der 1970er Jahre - wenngleich der europäische Antiamerikanismus viel älteren Datums ist. Die Massaker von My Lay und die Agent Orange-Einsätze wurden zu Ikonen des Endes des amerikanischen Traumes und der Anklage der fortdauernden Herrschaft des "weißen Mannes", nun unter dem Kommando der "Yankees". Gleichwohl gibt es in Deutschland nur wenig Literatur über diesen Krieg. Marc Freys Geschichte des Vietnamkrieges beispielsweise, ein instruktives, aber schmales Bändchen, ist bald zehn Jahre alt.

In der Hamburger Edition, dem Verlag des Reemtsma'schen Hamburger Instituts für Sozialforschung, ist nun mit Krieg ohne Fronten ein opulentes Werk über die "entgrenzte Gewalt" des Vietnamkrieges erschienen. Es ist keine Gesamtgeschichte, sondern beschäftigt sich mit den Jahren zwischen 1967 und 1971, mit den Todesschwadronen, Massakern und dem Abnutzungskrieg. Geschrieben hat es mit Bernd Greiner der Leiter des Arbeitsschwerpunktes "Theorie und Geschichte der Gewalt", aus dessen Kreis unter anderem die Wehrmachtsausstellungen konzipiert wurden.

Das Buch folgt daher den Erkenntnissen und Vorgaben der NS-Täterforschung. Es ist zunächst irritierend, den Vietnamkrieg mit einem Instrumentarium analysiert zu sehen, das auf den NS-Vernichtungskrieg mit dem Judenmord im Mittelpunkt angewendet wurde. Da es jedoch nicht um einen Vergleich des Gesamtgeschehens geht, sondern um die begrenzte Frage, warum normale Soldaten Kriegsverbrechen begehen, also Dinge tun, die sie sich vorher sicherlich nicht hätten vorstellen können, ist die Anlage des Buches nachvollziehbar und letztlich überzeugend. Greiner fragt nach den Voraussetzungen und Erscheinungsformen einer Gewalt, die mit der Bemerkung "so ist halt Krieg" nicht zu verstehen ist. Er ist in seiner Analyse immer auf der Suche nach Strukturen, die Handlungen bestimmen und verständlich machen, aber er ist nie deterministisch. Eine Struktur macht eine Handlung wahrscheinlich, erzwingt sie aber nicht. Jeder Akteur könnte immer anders handeln.

Auf der Täterebene unterscheidet Greiner zwischen Kriegsherren, Generälen, Offizieren und Kriegern. Die amerikanische Kriegsführung war demnach bestimmt durch Selbstlegitimierung auf unterster Ebene, "Body Count"-Manie in den mittleren Führungskadern, Kampf um politische Glaubwürdigkeit und militärisches Prestige auf Seiten des Oberkommandos in Washington und Saigon. Das Ergebnis sind in jedem Fall Kriegsverbrechen.

Wie kam es zur Politik des "Nicht-aufhören-Könnens"? Hier sieht Greiner vor allem die Imperative des Kalten Krieges am Wirken. Die politischen Weichenstellungen waren bestimmt von "Dominotheorie" und Antikommunismus, von "imperialer Präsidentschaft" und "Verwaltung des Ausnahmezustandes". Die Generäle übertrugen mit dem Prinzip, die Infrastruktur des Feindes zu zerstören, eine Abnutzungsstrategie des totalen Krieges auf den Schauplatz eines "kleinen Krieges" und brachten somit die "Blutpumpe" in Funktion, weil sich die kriegerische Gewalt stetig radikalisierte und die Kampfzone auf das Zivile ausweitet wurde. Die Offiziere schließlich brutalisierten die eigenen Streitkräfte und luden sie zu Kriegsverbrechen ein.

Bestechend ist Greiners Soziologie des Kriegers. Er zeigt, wie soziale Zugehörigkeit über die Wahrscheinlichkeit entschied, kämpfen und womöglich töten oder sterben zu müssen. Er verdeutlicht, wie bei den "Dschungelkriegern" das Heroische im Zeitalter seiner Entwertung wiederbelebt wurde. Er berichtet davon, wie sehr Fragen von Selbstachtung, Verachtung, Selbsthass und Hass miteinander verbunden waren, wie das Gerechtigkeitsgefühl und der Stolz dieser Männer in diesem Krieg verletzt wurden. Und wie daraus die Selbstermächtigung zur exzessiven Gewalt und die Transformation vom teils indifferenten, teils stolzen und teils widerwilligen Soldaten zum wütenden Krieger erfolgte. Denn Gewalt barg das Versprechen wiedergewonnener Kontrolle, sie schuf klare Verhältnisse und verwandelte Unsicherheit in Macht. Nicht zufällig richtete sich Gewalt oft gegen Frauen. Greiner veranschaulicht, wie das Vertuschen der Verbrechen funktionierte: Manche schwiegen aus Loyalität, manche aus Scham, manche aus Resignation.

Schwer zu ertragen ist die konkrete Schilderung des Krieges gegen die Bevölkerung, der an Grausamkeit kaum zu überbieten war. Man liest das fassungslos und ist geneigt zu verstehen, warum die USA so viel Hass auf sich zogen. Der Autor deutet dabei durchaus den Terror des Vietcong an und bezieht ihn in die Ursachenanalyse der entgrenzten Gewalt mit ein. Sein Thema ist er aber nicht.

Greiner geht es um eine mit juristischen Mitteln betriebene Aufklärung, nicht um den Krieg an sich, und schon gar nicht um den "imperialistischen Krieg" eines "Systems", das sich auf eine "rassistische Gesellschaft" stützt und durch "Klassenjustiz" vergiftet ist, wie linke AktivistInnen in den USA seinerzeit behaupteten. Greiner will die konkreten Kriegsverbrechen beleuchten, die in der Art der Kriegsführung zwar angelegt, aber gleichwohl nicht unvermeidlich waren.

Das Buch hat neben der NS-Forschung einen weiteren doppelten Boden: Man kann es nicht lesen, ohne an das gegenwärtige Desaster der USA im Irak zu denken. So etwa bei der These, dass die amerikanischen Kriegsstrategen in der Glaubwürdigkeitsfalle steckten. Sie konnten nicht aufhören, ohne das Gesicht zu verlieren, und beraubten sich somit aller Handlungsfähigkeit. Ebenso ist die strukturelle Erklärung von den "asymmetrischen Kriegen", die den Terror beider Seiten begünstigten, angesichts der Schreckensmeldungen aus Bagdad zum geflügelten Wort geworden. "Shock and awe" sei aber schon damals das Prinzip der Abnutzungsstrategie gewesen, meint Greiner.

Sein Tribunal gegen den Vietnamkrieg folgt keineswegs antiamerikanischen Motiven, nach dem Motto: "Die Amis sind auch nicht besser...". Eine Reflexion über die Anleihen aus der NS-Forschung und die Parallelen zum "Krieg gegen den Terror" wäre allerdings wünschenswert gewesen und hätte einer unangenehmen Instrumentalisierung von Greiners Ermittlungen vorgebeugt.

Jörg Später

304 | Kriege in Afrika
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