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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 304 | Kriege in Afrika Uday Prakash: Der goldene Gürtel

Uday Prakash: Der goldene Gürtel

Erzählungen. Draupadi Verlag, Heidelberg 2007. 69 Seiten, 9,80 Euro Ulrike Stark (Hg.): Mauern und Fenster. Neue Erzählungen aus Indien. Draupadi Verlag, Heidelberg 2006. 159 Seiten, 14,80 Euro

Alltag in Indien

Die Erzählungen in dem nur 69 Seiten umfassenden Taschenbuch Der Goldene Gürtel von Uday Prakash spielen fernab der Großstadt und berichten aus dem Leben einer Großfamilie. "Der Nagelschneider" beschreibt den Tod der Mutter aus der Sicht ihres Sohnes. Anhand eines Nagels, der geschnitten werden muss, wird der Prozess des Sterbens bis aufs Kleinste nachgezeichnet. Am Ende stirbt die Mutter, der Nagelschneider bleibt zurück. Denn Dinge gehen "im Gegensatz zu Menschen nicht verloren. Nur wir vergessen den Ort, an den sie gehören". Auch in "Die Schachtel" oder "Der goldene Gürtel" stehen Gegenstände im Mittelpunkt. Anhand von Symbolen wie diesen werden die Emotionen aus der Kindheit sichtbar, sie stehen für eine "angeborene Angst", für die Allmacht dunkler Familiengeheimnisse und menschlicher Grausamkeit, für Gier und fehlendes Mitgefühl.

Uday Prakash hat sich bereits in seinen frühen Erzählungen mit aktuellen Problemen in der indischen Gesellschaft beschäftigt. Er steht für die Entideologisierung der Literaturproduktion und wählt einen sehr persönlichen Zugang zu gesellschaftlichen Grundfragen. Seine atmosphärisch dichten Geschichten stellen Bilder und Symbole in einen ungewohnten Kontext, um sie immer wieder neu zu hinterfragen. Durch sein Anknüpfen an den lateinamerikanischen "Magischen Realismus" hat Prakash dazu beigetragen, neue Perspektiven für die Hindi-Literatur zu eröffnen.

Auch die elf Erzählungen des Sammelbandes Mauern und Fenster haben allesamt etwas Magisches an sich. Sie schildern das moderne Alltagsleben der indischen Mittelklasse. Religionskonflikte zwischen Muslimen und Hindus, familiäre Generationskonflikte oder die Fremdheit im eigenen Land sind dabei allgegenwärtig. Die von Ulrike Stark herausgegebene Anthologie versammelt fast ausschließlich junge AutorInnen mit ihren Geschichten jenseits von gängigen Indien-Klischees. Mit Uday Prakash und der in Kalkutta lebenden Autorin Alka Saraogi sind zwei der bedeutendsten RepräsentantInnen zeitgenössischer Hindi-Literatur vertreten.

Mauern und Fenster bilden die stilistische Klammer. Die erste Geschichte des Bandes handelt von den engen Mauern des Heranwachsens. Sara Rai erzählt von der Langeweile in einem alten, verrottenden Haus, in dem die Kindheit an der Ich-Erzählerin vorüberzieht. Die letzte Geschichte trägt den Titel "Das Fenster". Shasibhushan Dvivedi schaut sich die "Traumhaftigkeit der Stadt" durch ein Fenster an. Mauern und Fenster werden zum Anlass, von verdrängten Gefühlen und traurigen Momenten des Heranwachsens zu erzählen, vom Tod und von der Übermacht der Gesellschaft. Hier treffen sich die beiden Werke, denn auch Uday Prakash erzählt meist von einer Gesellschaft voller Festungen, umgeben von tiefen Gräben, mit hohen Türmen und Mauern.

Rosaly Magg

304 | Kriege in Afrika
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