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Niels Seibert: Vergessene Proteste

Internationalismus und Antirassismus 1964-1983. Unrast Verlag, Münster 2008. 224 Seiten, 13,80 Euro.

Vergessene Proteste

Der Antirassismus wurde vor allem nach den rassistischen Übergriffen im Zuge der deutschen Einheit zu einem der wenigen Themen, zu denen fast die gesamte Linke einen Bezug hat. Doch schon vor den 1990er Jahren gehörte der Antirassismus ins Repertoire linker Politik. Auf diese meist unbekannte oder unbemerkte Zeit geht Niels Seibert in seinem Buch Vergessene Proteste ein. Beleuchtet werden der Antirassismus und der Internationalismus zwischen 1964 und 1983. 1964 protestierte der SDS mit ausländischen KommilitonInnen gegen den Besuch des kongolesischen Diktators Tschombé. Hier wird ein interessanter Fakt deutlich: Anfangs waren es die in Deutschland studierenden AktivistInnen aus Ländern mit Widerstandsbewegungen, die den deutschen Linken den Antiimperialismus und antikoloniale Klassiker wie Fanon nahebrachten. Weitere Ereignisse belegen die Bedeutung des Antiimperialismus für die damalige Linke, etwa die Proteste gegen den Schah 1969, die praktische Solidarität mit GIs, die vor dem Einsatz in Vietnam flohen, oder der Protest gegen Vorführungen rassistischer Filme.

An diesen Beispielen wird auch deutlich, dass der Antirassismus Teil eines antiimperialistischen Weltbildes darstellte. So wurden die rassistisch Verfolgten eher als GenossInnen im Exil denn als Flüchtlinge betrachtet, ein weiterer Unterschied des damaligen Antirassismus zum heutigen. In Seiberts Buch wird auch aufgezeigt, dass sich mit neuen Ausländergesetzen Ende der 1960er die Situation vieler MigrantInnen in der BRD verschärfte. Gegen diese Gesetze, mit denen Repressionen gegen ausländische Linke einhergingen, war die APO aktiv.

Das Buch besticht durch seine Fülle an Informationen und Geschichten vom Kampf der damaligen BRD-Linken gegen Rassismus. In diesem Sinne stellt es linke Geschichtsschreibung im besten Sinne des Wortes da: Es wird überhaupt erst das Bewusstsein für vergangene Auseinandersetzungen geschaffen, welches für heutige politisch Aktive wichtig ist. Die Schwäche des Buches liegt darin, dass es die verschiedenen Ereignisse lediglich aufzählt, nicht aber kritisch analysiert. Man bekommt den Eindruck, der Autor sehe im antiimperialistischen Antirassismus der 1960er/ 70er Jahre etwas Anstrebenswertes. Die linke Kritik am Antiimperialismus, die spätestens seit Mitte der 1980er Jahre mit guten Gründen geübt wurde, fällt unter den Tisch. Und so wird dann beispielsweise eine Broschüre kritiklos erwähnt, die die Repressalien gegen arabische StudentInnen unter dem vollkommen irreführenden Titel "Der neue Antisemitismus" thematisiert.

Gerald Whittle

310 | Die Politik des Hungers
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