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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 316 | Südafrika abseits der Fußball - WM Laurent Delcourt, Bernard Duterme et al.: Mondialisation. Gagnants et perdants

Laurent Delcourt, Bernard Duterme et al.: Mondialisation. Gagnants et perdants

CETRI/ Couleurs livres, Bruxelles 2009. 164 Seiten, 15 Euro.

Globalisierte »soziale Höllen«

Im Jahresbericht 2009 der UNCTAD gestand die UNO erstmals ein, dass es aufgrund der Finanzkrise »praktisch unmöglich« sei, die Milleniums-Entwicklungsziele (MDGs) bis 2015 noch zu erreichen. Keine große Überraschung mehr, aber für wachsende globale Disparitäten nun die Krise verantwortlich zu machen, zeigt, wie gut diese argumentativ verwertbar ist. Zugleich zeugt diese Aussage von einer schon fast dreisten Ausblendung vorhandener Alternativen.
Ein kleiner, in Belgien herausgegebener Sammelband versucht, dem entgegenzuwirken. Etwas großspurig Mondialisation. Gagnants et perdants (»Globalisierung. Gewinner und Verlierer«) betitelt, geht es den AutorInnen darum, globale Dynamiken zu analysieren, die zu Polarisierung führen, und Handlungsalternativen aufzuzeigen. Mike Lewis bezeichnet in seinem Beitrag die globale Steuerflucht als »Meisterstück eines ungerechten internationalen Finanzsystems«. Laut seiner Berechnungen würde es reichen, allein die weltweit zirka 11,5 Billionen Dollar Privatvermögen, die in Steueroasen deponiert sind, jährlich mit 30 Prozent zu besteuern, um die gesamten für die MDGs angesetzten Kosten zu decken. Durch solche Beispiele schafft es der Autor, das oft vage Feld der globalen Finanzströme anschaulich zu beziffern und aufzuzeigen, wie »Steueroasen soziale Höllen« fabrizieren.
Laurent Delcourt setzt in einem detailreichen Artikel zur Nahrungsmittelkrise 2008 das Konzept der Ernährungssouveränität dem vom Mainstream propagierten »schnellstmöglichen Abschluss der Doha-Runde der WTO« gegenüber. In einem weiteren Beitrag zeichnet Delcourt ein düsteres Bild der weltweiten Verstädterung. So werde zum Beispiel der Küstenstreifen Westafrikas mit seinen 300 Städten zwischen Benin City und Accra bis 2020 »zweifelsohne zum größten Fleck urbaner Armut auf dem gesamten Planeten.« Ursachen liegen in der von internationalen Organisationen durchgesetzten neoliberalen Stadtentwicklungspolitik, einer Urbanisierung ohne Entwicklung. Alternative Ansätze sieht Delcourt in Studien von UN Habitat. Außerdem haben sich auf regionaler und internationaler Ebene Koalitionen wie die »Habitat International Coalition« gebildet. Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, in den städtischen Räumen selbst, aus denen sich der Staat zurückzieht und wo keine staatlichen Sozialleistungen aufrecht erhalten werden, neue Sozialbeziehungen, politische Auseinandersetzungen und so etwas wie demokratische Partizipation herzustellen.
Ein weiteres Thema ist die weltweite Entwaldung, vor allem in den Tropen. Bernard Duterme behandelt es jedoch nicht unter rein ökologischen oder klimatischen Gesichtspunkten: ohne Entwaldung in Zusammenhang mit Armut und Nahrungsmittelkrise einerseits sowie mit dem internationalen Holzhandel und Konsummustern andererseits zu setzen, kann keine nachhaltige Forstwirtschaft erreicht werden. Eine solche könnte aber, wie Duterme festhält, leicht »die Gesamtheit unserer Bedürfnisse decken.« Bezüglich Alternativen zur heutigen Form des internationalen Tourismus ist sich Duterme nicht so sicher. Er wirft vielmehr in einem zweiten Beitrag die Frage auf, ob der internationale Tourismus nicht »den gesamten Planeten dem katastrophalen Entwicklungsmodell der westlichen Welt unterwerfen« wird.
Aurélie Leroys Anliegen ist eine differenzierte Sicht auf Kindheit und Arbeitssituationen von Kindern und Jugendlichen, um zusammen mit Bewegungen arbeitstätiger Kinder und Jugendlicher würdevolle Arbeit zu fordern und diese als Teil der Sozialisation vieler Kinder zu akzeptieren. François Polet gibt eine Einschätzung der Machtverhältnisse in den internationalen Beziehungen. Die Schwellenländer sieht Polet dabei nicht als einen homogenen Gegenpol zur Triade USA, Westeuropa und Japan. Vielmehr ist von unterschiedlichen staatlichen Allianzen auszugehen, die sich unter dem Deckmantel des globalen Südens jeweils in unterschiedlichen Kontexten zusammenfinden und dabei zum Beispiel die Doha-Runde der WTO zum Scheitern bringen können.
Ein wichtiger gemeinsamer entwicklungspolitischer Nenner des Südens ist Polet zufolge der 2004 bei der 11. UNCTAD Konferenz ausgearbeitete »Sao Paolo Konsens« und die darin enthaltene Idee des nationalen »policy space«, ein Spielraum bei der Umsetzung internationaler Abkommen und Wirtschaftsnormen. Um Alternativen zur neoliberalen Ausgestaltung dieses »policy space« aufzuzeigen, widmet sich Polet sozialen Bewegungen in den Ländern des Südens. Auch hier vermeidet der Autor Vereinfachungen und zeichnet ein komplexes Bild. Denn: »Was haben das bolivarische Venezuela und die Golfmonarchien gemeinsam?« Doch stellt Polet fest, dass soziale Widerstände es internationalen und nationalen Institutionen heute schwerer machen, antisoziale Maßnahmen durchzusetzen. Die erfolgreiche südafrikanische »Treatment Action« Kampagne zur Legalisierung antiretroviraler Generika ist ein Beispiel dafür.
Eine einleitende Erklärung, warum gerade diese und nicht andere Themen gewählt worden sind, fehlt dem Band, genau wie abschließende Bemerkungen. Die AutorInnen schaffen es aber, jeweils auf sehr unterschiedliche Kontexte aufmerksam zu machen und dennoch allgemeingültige, kritische Aussagen zu treffen.

Frederic Schmachtel

316 | Südafrika abseits der Fußball - WM
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