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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 317 | US-Außenpolitik in alten Mustern Uday Prakash: Doktor Wakankar

Uday Prakash: Doktor Wakankar

Aus dem Leben eines aufrechten Hindus. Draupadi-Verlag, Heidelberg 2009. 108 Seiten, 12,80 Euro.

Der ganz normale Wahnsinn

Eigentlich ist Doktor Wakankar ein ganz normaler Arzt. Er hält sich nur an die bestehenden Vorschriften. Doch in Indien wird er deshalb für einen Idealisten gehalten, denn dort herrschen Korruption und Klientelismus. So stellt es jedenfalls der Autor Uday Prakash dar. Doktor Wakankar verzweifelt an dieser Situation und wendet sich dem Hindunationalismus zu, im Glauben an eine zukünftig moralisch aufrichtige Volksgemeinschaft der Hindus. Er ist zwar keiner der Brüllenden, die mit der Fackel vor dem Moslem-Viertel stehen. Aber ist er aktiv im »Sangh«, genauer im »Rashitriya Svayamsevak Sangh« (»Der Nationale Bund von Freiwilligen«), einer rechtsradikalen Hindutva-Organisation mit Millionen Mitgliedern, die sich auch an Pogromen gegen religiöse Minderheiten beteiligen. Doch auch im »Sangh« klaffen Anspruch und Realität auseinander. Statt alle Hindu-Bevölkerungsschichten zu vereinen, wie es der nationale Hinduismus (»Hindutva«) offiziell propagiert, treffen sich in Wakankars »Sangh« nur Händler und Unternehmer.
Durch sein Handeln gemäß den offiziellen Vorschriften gerät Doktor Wakankar in Konflikt mit seinen Kollegen und der Bürokratie. Aus Rache wird er zuerst in ein Siedlungsgebiet der Adivasi (»Ureinwohner«) versetzt. Später wird er Kreisarzt von Kotma nahe Bhopal. Dort kündigt sich der Besuch des Premierministers an. Um dafür potemkinsche Dörfer aufzubauen, werden alle Ressourcen gebraucht. Verzweifelt bittet Doktor Wakankar um einen Jeep und Desinfektionsmittel, denn in dem von Adivasi bewohnten Umland der Stadt ist eine Cholera-Epidemie ausgebrochen. Diese wäre einfach zu stoppen, wenn nur die Mittel dafür bereit gestellt werden würden. Als der Premier eintrifft, bemerkt der Arzt, dass dieser an Verstopfung und Hämorrhoiden leidet. Plötzlich ist ihm auch klar, warum der Premier als kurzentschlossen gilt, denn er kann einfach nicht lange sitzen bleiben. Welch Ironie, dass das Schicksal von einer Milliarde Menschen vom Gesundheitszustand eines Mannes abhängt. Doch dann hat Doktor Wakankar eine Idee ...
Uday Prakash ist mit seinem leider nur 108 Seiten langen Roman ein treffendes Sittengemälde gelungen. Es ist zwar im Indien vor zwanzig Jahren angesiedelt, aber immer noch aktuell. Immer noch gestaltet sich der Einbruch der ‚Moderne’ in die Lebenswelt der Adivasi für diese ohnehin an den Rand gedrückte Bevölkerungsgruppe durchgängig negativ. Nicht neue medizinische Einrichtungen, sondern Papierfabriken, die ihre Wälder abholzen, werden gebaut.
Erschienen ist das Buch im 2003 gegründeten Draupadi-Verlag (»Ein Verlag für Indien«) mit Sitz in Heidelberg. Das dürfte kein Zufall sein, hat doch Heidelberg eine der größten Südasien-Fakultäten bundesweit. Das Buch ist eine Original-Übersetzung aus dem Hindi, die der Tübinger Indologe Andre Penz erstellt hat. Ohne den Zwischenschritt über das Englische dürfte das Buch zweifellos an Authentizität gewonnen haben. Der Text liest sich flüssig, und das erläuternde Glossar ist für NichtkennerInnen Indiens sehr hilfreich.

Titus Lenk

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