Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika Hans-Jürgen Burchardt (Hg.): Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch.

Hans-Jürgen Burchardt (Hg.): Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch.

Neue Perspektiven auf Staat und Demokratie in der Weltpolitik, Campus, Frankfurt/M 2009. 336 Seiten, 34,90 Euro.

AutorInnen aus der Provinz schreiten voran

»Es gibt Sammelbände, die den Wissensstand und die Debatten zu einem Themenfeld nicht nur darstellen, sondern auch vorantreiben wollen.« Dieser Hinweis im Vorwort des Herausgebers Hans-Jürgen Burchardt ist Programm: Das Buch Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch möchte, so der Untertitel, »neue Perspektiven auf Staat und Demokratie in der Weltpolitik« beleuchten. Als Leitmotiv kann ein Postulat des bengalischen Historikers Dipesh Chakrabarty verstanden werden: »Europa provinzialisieren«. Das Buch ist ein weiterer Versuch, sich aus der eurozentristischen Evolutionslogik in der Wissenschaft zu befreien. Burchardt hat hierfür AutorInnen versammelt, die zu einem großen Teil wissenschaftlich interessierten Linken bekannt sind. Einige sind aber auch dem Mainstream zugehörig, wie etwa Lars Brozus und Thomas Risse vom Berliner Sonderforschungsbereich 700 (»Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit«), der schon zum Ziel von Demonstrationen herrschaftskritischer Linker wurde. Ganz bewusst, so heißt es in dem Vorwort des Kasseler Professors für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen weiter, seien verschiedene und sogar konträr argumentierende Betrachtungen mit aufgenommen worden. Der in zwei Beiträgen vorgestellte eigene Ansatz von Burchardt analysiert Abweichungen von Staat und Demokratie in Ländern des Globalen Südens gegenüber westlicher Staatlichkeit nicht als (partielle) Abwesenheit eines liberalen Ideals, sondern als reale Gegenständlichkeit politischer Herrschaft. Den realen Evidenzen der Staaten des Südens folgend könnten auf diese Weise soziale Felder analysiert werden, welche diachron zur Staatlichkeit liegend Räume bildeten, in denen um gesellschaftliche Teilhabe gerungen wird – anstatt solche ´Grauzonen´ als ´Defekte´ der Demokratie zu verstehen. Gleichzeitig sei die Einführung eines Mehrparteiensystems nicht generell mit einer für alle sozialen Gruppen erhöhten Repräsentanz verbunden. Burchardt betont, dass dies durchaus nicht nur für periphere Staaten gilt, denn auch im europäischen Staat war und ist die Inklusion von BürgerInnen immer mit Ausschlüssen verbunden: von Frauen, MigrantInnen, weniger Gebildeten etc.
Nicht alle AutorInnen beschäftigen sich schon lange oder gar ausschließlich mit dem Globalen Süden. Einige versuchen erstmals ihre mit Bezug auf den Norden entwickelten Kategorien hierfür aufzubereiten. Zu diesen gehört der marxistische Soziologe Bob Jessop und sein ´strategisch-relationaler Ansatz´. Als materielle Verdichtung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse im Staat (nicht zuletzt zwischen Kapital und Arbeit) entfalte jede Staatsform ein bestimmtes Regime strategischer Selektivität, worin sich ungleiche Einflussmöglichkeiten der verschiedenen sozialen Akteure institutionell verfestigten. Obwohl Staaten »polymorph« seien, unterscheidet Jessop grundsätzlich zwischen »kapitalistischem Staatstyp« und »Staaten in kapitalistischen Gesellschaften«. Bei Letzteren dienten die strategischen Interessen im Allgemeinen nicht direkt dazu, Kapitalinteressen zu realisieren, sondern basierten auf offenen Auseinandersetzungen der politischen Kräfte.
Gegen diesen »analytischen Trick«, es gebe »kapitalistische Gesellschaften«, die keine kapitalistischen Staaten seien, wendet sich Heide Gerstenberger, emeritierte Professorin für Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates an der Uni Bremen. Die Staatsgewalt sub-saharischer afrikanischer Länder passe schlicht nicht in die bislang entwickelte marxistische Staatstheorie. Für sie ist die dortige Staatsgewalt ein Element des globalen Kapitalismus, das nicht als nationale Erscheinung analysiert werden sollte.
Neben dieser Debatte über »Staat und Demokratie« versammelt das Buch verschiedene Aspekte zu »Weltpolitik«. Drei seien hier genannt: Renate Mayntz, ehemalige Direktorin des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, diskutiert neue theoretische Anforderungen an nachhaltige Entwicklung. Kristina Dietz widmet sich den strukturell ungleichen Partizipationsbedingungen hinsichtlich der Klimaproblematik sowohl auf der internationalen sowie – an den Beispielen Nicaragua und Tansania – auf nationalen und subnationalen Ebenen. Noémi Lendvai und Paul Stubbs verfolgen die Binarität, die zwischen ´Sozialpolitik´ (im Norden) und ´Entwicklung´ (im Süden) diskursiv gesetzt wird und konfrontieren (sozial-)politische Praktiken mit den postkolonialen Schlüsselbegriffen Dislokation, Disziplinierung und Depolitisierung. Angesichts des herrschenden wissenschaftlichen Eurozentrismus ist dieses Buch eine vorwärtsweisende Intervention. Der nächste Schritt zur Erfüllung des Anspruchs wäre dann, AutorInnen zu versammeln, die aus einer anderen Provinz als der europäischen stammen.

Friederike Habermann

319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika
Cover Vergrößern