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Brot und Rosen auf chinesisch

von Christa Wichterich

Das Ende der Aufopferung in der neuen Topographie der Wanderarbeit

»Wer heute faul ist, sucht morgen Arbeit«. Diese Worte schrieb das Management einer chinesischen Textilfabrik groß an die Wand. Die Botschaft appelliert an die Bereitschaft chinesischer Frauen, sich für das Wohl der Familien und des Staates aufzuopfern. Widerständige Reaktionen waren nicht vorgesehen. Doch der Wandel in China macht auch vor den Geschlechterrollen nicht Halt.

Am Ende der Neujahrsferien waren viele der »Arbeitsexport«-Agenten, die im chinesischen Hinterland Nachschub für die Exportproduktion in den industriellen Zentren rekrutieren, verzweifelt. Größere Firmen können qualifizierte Arbeitskräfte mit höheren Löhnen und Zulagen locken. Aber kleinere Betriebe und Sweatshops finden nicht mehr die benötigten ungelernten WanderarbeiterInnen.

Die Abstimmung der WanderarbeiterInnen mit den Füßen bewirkt einen Umbruch in der Topographie migrantischer Lohnarbeit in China. Das Kalkül geht nicht mehr auf, dass junge WanderarbeiterInnen vor den Toren der Exportbetriebe Schlange stehen und damit der entscheidende komparative Vorteil Chinas im globalen Unterbietungswettbewerb und leibhaftiges Druckmittel zur Disziplinierung der Arbeitskräfte auch anderswo sein würden.

Für den Arbeitskräftemangel in den Exportindustrien an der Küste und in den Großstädten gibt es mehrere Gründe. Der demographische Hintergrund ist, dass bereits 2005 die »Alterskohorte«, die einen Job suchte, mit 227 Millionen am größten war. 2024 wird sie nur noch 150 Millionen umfassen. Der persönliche Grund vieler WanderarbeiterInnen ist die gescheiterte Hoffnung, dass sie durch harte Arbeit in den Städten und Fabriken zu jenem »bescheidenen Wohlstand« kommen, den die Führung allen versprach. Im Gegenteil: sie rackern sich ab, machen Überstunden, werden aber immer wieder um ihre Löhne geprellt, während die Produktivität im vergangenen Jahrzehnt enorm gesteigert werden konnte – in der Textilindustrie beispielsweise um 13 Prozent jährlich. Die Lebenshaltungskosten in den Städten stiegen indessen an.

Nach der Finanzkrise mit dem Auftragseinbruch in der Exportproduktion, als die Wachstumsraten erneut in die Höhe schnellten, zeigten die massive Streikwelle und die Selbsttötungen, wie gnadenlos despotisch das Arbeitsregime für die Randbelegschaften weiterhin ist: Akkordarbeit, Überstundenzwang, hohes Unfallrisiko und Dauerdisziplinierung. Die erkämpften Lohnerhöhungen ändern dies nicht wesentlich: aus Sicht der meisten WanderarbeiterInnen fällt für sie immer noch kein fairer Anteil vom wachsenden Kuchen ab.

Recht auf einen Ort

Gleichzeitig bieten sich in kleineren Städten neue Chancen. Eine Reihe von Firmen und großen Konzernen verlagern Produktionsstätten ins Hinterland, weil die Kosten an der Küste weiter steigen. MigrantInnen, die den Sprung ins Unternehmertum schafften, gründen oft kleine Zulieferbetriebe in ihrer Heimatregion, wo sie soziale Netze nutzen, um Arbeitskräfte vor Ort zu mobilisieren. Zudem hat die Regierung in der Krise Konjunktur- und Infrastrukturprogramme aufgelegt, die die Entlassenen auffangen sollten. Zwar verdienen die ArbeiterInnen im Landesinneren weniger, aber die Lebenshaltungskosten sind niedriger, und sie sind näher an ihrem Zuhause. Das zählt vor allem bei denjenigen ArbeiterInnen, die ihre Kinder bei der Familie im Dorf aufwachsen lassen, weil sie in der Stadt kein Anrecht auf Kindergarten- und Schulbesuch haben.

Im Gegensatz dazu wollen viele WanderarbeiterInnen, die in den Industrien, in Privathaushalten oder im Dienstleistungssektor der Städte arbeiten, nicht aufs Land zurück. Für sie sind Industrie und Stadt Inbegriffe der Moderne, an der sie teilhaben wollen. Eine ganze junge Generation ist bereits »illegal« in der Stadt geboren und aufgewachsen, ohne Bindung an dörfliche Kulturen, Land und Landwirtschaft. Formell gelten sie als WanderarbeiterInnen, obwohl ihr Zuhause immer in der Stadt war.

In offiziellen Statistiken wird davon ausgegangen, dass bis 2030 400 Millionen ChinesInnen vom Land ihre Herkunftsregistrierung (hukou) in den Dörfern und ihre Landnutzungsrechte aufgeben und sich eine Registrierung als StadtbürgerInnen kaufen werden. Das kostet je nach Beziehungen bis zu 10.000 Euro. Wo die Kommunen auf satte Einnahmen durch Erwerb des städtischen hukou hoffen, bleiben die Bürgerrechte in der Stadt ein ferner Traum für diejenigen, für die Migration weder zu sozialem Aufstieg noch zum ersehnten »kleinen Wohlstand« führt.

Diese Veränderungen auf den Arbeitsmärkten sind nicht nur Resultat neuer Konzernstrategien und staatlicher oder parteipolitischer Steuerung als Reaktion auf die zunehmenden sozialen Unruhen und Ungleichheiten. Sie sind auch Ergebnis einer Subjekt- werdung der »Bauern-ArbeiterInnen«. Die zweite oder dritte Generation der WanderarbeiterInnen trifft eigene Entscheidungen gegen das politisch geplante Prinzip der floating population, der kontrolliert zwischen Dorf und Stadt pendelnden LohnarbeiterInnen.

Arbeitende Schwestern

Die migrierenden Frauen spielten beim Aufbau der Exportindustrien eine zentrale Rolle. Um der Armut auf dem Land zu entkommen, schufteten sie jahrelang unter miesesten Bedingungen in diesen Wachstumssektoren und wurden regelmäßig um einen Teil ihres Lohns geprellt. Zusätzlich zu diesen ausbeuterischen Arbeitsregimen »unter einem Boss« sind die WanderarbeiterInnen als Folge der hukou-Registrierung auch einer Kontrolldespotie durch die Provinz- und städtischen Verwaltungen unterworfen: Sie haben in der Stadt keinen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäuser und werden als BürgerInnen zweiter Klasse schikaniert. Diese doppelte Despotie bewirkt ein Apartheidsystem in den staatsbürgerlichen Rechten und eine Spaltung der Lohnarbeiterschaft.

Die Hongkonger Soziologin Pun Ngai

hat mit den Dagongmei, den »arbeitenden Schwestern«, zusammen gewohnt und in der Elektronikindustrie gearbeitet. Sie schildert eindrücklich, wie die schüchternen Bauernmädchen durch Akkordarbeit an den Maschinen, Überstundenzwang, drakonische Strafen bei Fehlverhalten und die Unterbringung in den firmeneigenen Wohnheimen als ständig verfügbare, flexible Billig-Arbeitskräfte zugerichtet werden. Im Fabrik-Wohnheim-Regime werden nicht nur Stadt-Land-Unterschiede reakzentuiert, sondern auch Geschlechterdifferenzen durch eine Resexualisierung und Refeminisierung der Frauenrolle verstärkt. Fingerfertigkeit, Konzentration und Ausdauer der Dagongmei machten seit den 1980er Jahren den entscheidenden komparativen Vorteil Chinas aus, der ausländische Investoren anzog. Im Unterschied zur Gleichstellung und Entsexualisierung in der Mao-Ära nutzen die Exportindustrien gezielt die Geschlechterunterschiede und werten die jungen Frauen vom Land doppelt ab, aufgrund ihres Geschlechts und aufgrund ihrer ländlichen oder ethnischen Herkunft.

Die Arbeiterinnen stehen unter einem mehrfachen Erwartungs- und Leistungsdruck. Schule, Partei, Politik und Medien vermitteln, es sei eine staatsbürgerliche Pflicht, sich aufzuopfern, um Produktivität und Wachstum zu steigern. Den Grundlohn brauchen sie für das Leben in der Stadt. Deswegen wollen sie möglichst viele Überstunden leisten, um den Familien Geld schicken zu können.

In den Fabriken sind soziale Netze von großer Bedeutung. Die Wanderarbeiterinnen kochen in den Wohnheimen in Kleingruppen gemeinsam, entwickeln zusammen ein Konsum- und Freizeitverhalten, streiten aber auch häufig mit den städtischen Lohnarbeiterinnen. Ein wichtiger Aspekt ist die kollektive Verarbeitung der durch die »Bosse« und Vorarbeiterinnen erlittenen Erniedrigungen und Demütigungen – unabhängig von der unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Herkunft der Arbeiterinnen. So bilden sich durch Migration und Fabrikarbeit neue Identitäten der Dagongmei, die einerseits Individualisierung, andererseits neue kollektive Gruppenbildung einschließen.

Vor dem Hintergrund der Ausbeutungs- und Kampferfahrungen der ersten Generation wurden sich die Arbeiterinnen ihrer Leistung und der mangelnden Würdigung ihrer Anstrengungen bewusst. In Liedern singen sie davon, dass die Wanderarbeiterinnen »das Wirtschaftswunder schaffen«, aber nicht fair behandelt werden. Sie thematisieren die Verletzung von Arbeitsrechten und ihrer persönlichen Würde durch das Fabriksystem. Durch verschiedene Kampfformen konstituieren sie sich als widerständige Subjekte: durch einen Aktivismus, der vom Wohnheim ausgeht, Sabotage, formal-rechtlichen Auseinandersetzungen bis zu direkten Konfrontationen durch Streiks und Blockaden großer Highways. Pun Ngai bezeichnet die Dagongmei deshalb als die erste subalterne Klasse im China der Wirtschaftsreformen, die einerseits im Prozess der Integration in die internationale Arbeitsteilung geopfert wird und sich andererseits gegen diesen Prozess auflehnt.

Bei den Protesten der Exportarbeiterinnen zeigen sich Parallelen zu den migrantischen Dienstleisterinnen und Hausangestellten in den Städten. »Dient unsere Arbeit etwa nicht dem Volk?« fragten aufgebrachte migrantische Hausangestellte in Beijing, die das Regime der Bosse und den Mangel an Anerkennung in den Privathaushalten nicht mehr einfach hinnehmen. »Wir haben unsere Jugend der Nation geopfert«, schrieben Restaurantangestellte auf ihre Streikposter. Der Begriff des Aufopferns wird von den Wanderarbeiterinnen gegen Staat und Unternehmen gewendet. Für die geleistete Pflichterfüllung fordern sie Fairness, nämlich Lohn und Anerkennung, Brot und Rosen.

Eigensinn statt Entwürdigung

Mit den Frauen als zentralen Akteurinnen der neuen Arbeitskämpfe lässt sich diese soziale Gegenwehr nicht auf einen klassischen »Klassenkampf« reduzieren. Die Wanderarbeiterschaft stellt eine neue soziale Klasse dar, aber es fehlt ein einheitliches Klassenbewusstsein bei diesem »neuen Proletariat«, wie linke Intellektuelle wie Wen Tiejun sie nennen. Außerdem sind die Kämpfe stark durch geschlechts- und kulturspezifische Elemente geprägt. Trotzdem haben die WanderarbeiterInnen Verhandlungsmacht aufgebaut, mit ihren Forderungen nach fairen Löhnen, Rechten und Respekt und ihrem Eigensinn, wo sie arbeiten und leben wollen.

Auf dieser Grundlage konnten die Honda-ArbeiterInnen 2010 die Proteste über einzelne Betriebe hinaus eskalieren und radikalisieren. Bei Honda streikten – unter Wortführung einer eloquenten jungen Frau – übrigens die »Praktikanten« genannten LeiharbeiterInnen, die meist als Kinder von WanderarbeiterInnen in der Stadt aufgewachsen waren. Diese neue Qualität von Widerstand bedeutet zwar nicht das Ende des chinesischen Lohndumpingmodells, signalisiert aber das Ende der Aufopferung der WanderarbeiterInnen.

Literatur

Pun Ngai/Ching Kwan Lee (Hrsg.): Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China, Assoziation A, Hamburg/Berlin, 2010.

Christa Wichterich ist freie Publizistin, Lehrbeauftragte und entwickungspolitische Gutachterin.

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