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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 325 | Chinas roter Kapitalismus Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde. mareverlag, Hamburg 2009. 144 Seiten, 34 Euro

Phantasma der einsamen Insel

Schön anzusehen, aber von keinem großen Nutzen. So oder so ähnlich urteilten im Zeitalter der Segelschiffe viele Seefahrer über Inseln, auf die sie fernab vom kontinentalen Festland stießen. In Europa galt die ‚einsame Insel’ zwar auch in dieser Zeit als Verheißung, etwa als Möglichkeit zur Verwirklichung utopischer Lebensentwürfe oder als Baustein zu imperialer Größe. Doch oft zerschellten solche Phantasien an der tristen Wirklichkeit, so wie das ein oder andere Schiff an einem unvermuteten Riff. »I don’t think that I ever saw or heard of such a miserable hole as this in my life«, notierte etwa der Seemann John Coguin 1869 im Golf von Guinea über die Insel Annobón.

Erfahrungen von Enttäuschung und Scheitern sind wiederkehrende Topoi im Atlas der abgelegenen Inseln, in dem Judith Schalansky 50 entlegene Inseln in allen Ozeanen portraitiert. Im Juli erscheint nun eine Taschenbuchausgabe des Buches, das bei der Erstveröffentlichung 2009 eine beachtliche Feuilletonresonanz erzeugt hat. Schalanskys Auswahl umfasst kleine und kaum beachtete Inseln, von denen die meisten auf der Südhalbkugel liegen und manche unbewohnt sind. Jede von ihnen stellt die Autorin auf einer Doppelseite vor, links jeweils mit einem kurzen Text und rechts mit einer physischen Karte. Alle Karten sind im selben Maßstab und in der gleichen minimalistischen Farbauswahl abgebildet – für diese gestalterische Kohärenz ist das Buch mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden. Die Texte lassen sich als historisch-essayistische Miniaturen beschreiben, die meist um eine anekdotische Begebenheit kreisen und bisweilen mit fiktionalen Einsprengseln ausstaffiert sind. Eine Zeitleiste und Informationen zu Größe, Namensvarianten, Entfernungen und Bevölkerungszahl komplettieren jedes Portrait.

Als Kunsthistorikerin ist sich Schalansky darüber im Klaren, dass die entlegene Insel immer auch eine Projektionsfläche kolonialer und exotistischer Phantasien und ihre Kartographierung eine Bemächtigungspraxis gewesen ist. »Inseln werden als natürliche Kolonien wahrgenommen, die nur darauf warten, unterworfen zu werden«, vermerkt sie im Vorwort. Und weiter: »So ist jede Karte das Ergebnis und die Ausübung kolonialistischer Gewalt.« Leider folgt aus dieser Erkenntnis keine kritische Haltung: Nur wenige Seiten später spricht Schalansky von Karten als Poesie, schöner Literatur und Theater, und die einzelnen Portraits erliegen weitgehend der Faszinationskraft der Explorationspoetik. Dabei sind die Porträts nicht einmal besonders originell. Erwartungsgemäß geht es bei Iwojima um das Hissen der US-Flagge 1945 und bei St. Helena um das Ende Napoleons, und im Fall der Keeling Islands wird selbstredend der Besuch Darwins erwähnt.

Nicht alle Akteure, um die Schalansky ihre Texte kreisen lässt, sind so berühmt. Aber nahezu alle kommen von außen und sind männlich. InselbewohnerInnen werden dagegen einmal mehr zu Aneignungsobjekten entstellt. Dass auch sie Bemerkenswertes hervorgebracht haben könnten, scheint ausgeschlossen. Dabei läge es durchaus nahe, zum Beispiel auf kapverdische Intellektuelle und ihre Bedeutung in der portugiesischsprachigen Welt hinzuweisen oder etwa im polynesischen Kontext auf die Herausbildung der Stabkarten als eigenständige kartographische und navigatorische Instrumente.

Am augenfälligsten tritt Schalanskys eurozentrischer Blick in den Zeitleisten hervor, die Entdeckungen, Eroberungen oder Naturkatastrophen verzeichnen – aber keinerlei Vorgänge, bei denen Menschen von den Inseln AkteurInnen ihrer eigenen Geschichte waren. So bleibt von dem Atlas der Eindruck, den so manche Insel auf ihre »Entdecker« hinterlassen haben mag: Schön anzusehen, aber von keinem großen Nutzen.

Felix Schürmann

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