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Thomas Morlang: Rebellion in der Südsee.

Der Aufstand auf Ponape gegen die deutschen Kolonialherren 1910/11. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 200 Seiten, 24,90 Euro.

Sengend durch’s blühende Land

1910/11 erhob sich auf der mikronesischen Insel Ponape (heute Pohnpei) die Gruppe der Sokehs gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Dass neben den Kolonialkriegen im heutigen Namibia und dem heutigen Tansania auch in der »deutschen Südsee« Krieg geführt wurde, dürfte hierzulande überraschen. Anlässlich des hundertsten Jahrestages hat der Historiker Thomas Morlang nun die umfassende Studie Rebellion in der Südsee zu diesem in Deutschland weitgehend vergessenen Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte vorgelegt.

Die seinerzeit imaginierte Südsee-Idylle war trügerisch: Zahllose, bisher kaum beachtete Strafexpeditionen gegen widerständige Bevölkerungsgruppen prägten die knapp zwei Jahrzehnte währende deutsche Kolonialherrschaft in Ozeanien. Im Falle der Sokehs auf Pohnpei bedeutete die militärische Niederschlagung ihres Widerstandes sogar ihren Untergang.

Im 19. Jahrhundert begann sich der Kontakt zu europäischen Seefahrern im Pazifik zu intensivieren, die Ponape als Basis für den Walfang und zur Auffrischung ihrer Vorräte nutzten. Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die ersten intensiven Bemühungen um christliche Missionierung der Einheimischen. Nach diplomatischen Verwicklungen um die Zugehörigkeit der Karolineninseln wurde die Inselgruppe 1885 durch einen Schiedsspruch des Papstes Spanien als Kolonialbesitz zugesprochen.

Der Kontakt zwischen Einheimischen und Europäern gestaltete sich oftmals problematisch, es ereigneten sich zahlreiche Feindseligkeiten. Weit gravierender waren allerdings die Folgen eingeschleppter Krankheiten: Lebten Mitte des 19. Jahrhunderts schätzungsweise 10 bis 15.000 Menschen auf der Insel, reduzierte sich deren Zahl in den kommenden Jahrzehnten krankheitsbedingt auf nur noch rund 3.000 im Jahr 1899.

Spanien verkaufte nach der Niederlage im spanisch-amerikanischen Krieg 1899 große Südseegebiete an Deutschland. Waren die Spanier zuvor nur punktuell präsent gewesen und nach erfolgreichen Angriffen von Seiten der Einheimischen nur mehr geduldet, unternahm die deutsche Kolonialverwaltung intensive Bemühungen zur wirtschaftlichen »Inwertsetzung« der Insel. Die vorherrschende Subsistenzwirtschaft wurde nun zugunsten des Plantagenanbaus exportfähiger Produkte wie Kokosnüsse umstrukturiert. Dies hatte tiefe Einschnitte in bisherige Lebensgewohnheiten und Landbesitzverhältnisse zur Folge. Hinzu kamen wirtschaftlich und militärisch motivierte Wegebauarbeiten, die durch zwangsverpflichtete Ponapesen durchgeführt werden mussten.

Die hierbei zutage tretende Gewalt deutscher Kolonialbeamter führte schließlich 1910 zur Eskalation des ohnehin gespannten Verhältnisses zwischen den Sokehs und den teils brutal auftretenden Deutschen. Nach dem Mord an vier deutschen Kolonialbeamten und deren melanesischen Polizeisoldaten mussten sich die verbliebenen EuropäerInnen auf ihren Stützpunkt Kolonia, bis heute Hauptstadt der Insel, zurückziehen. In der Hoffnung, dass die teils modern bewaffneten und zahlenmäßig überlegenen Sokehs die Station nicht stürmen würden, harrten die eingeschlossenen deutschen Kolonialisten militärischer Verstärkung.

Nach mehreren Wochen erschien ein großes militärisches Aufgebot: Über 700 deutsche Marinesoldaten und Hilfstruppen aus den melanesischen Kolonien wurden angelandet. Sie begannen einen mörderischen Kleinkrieg gegen die rund 270 mobilen und wendigen Sokeh-Kämpfer. Nach zunächst erfolglosen Versuchen, der Feinde habhaft zu werden, änderten die Deutschen ihr Vorgehen: Ihre Strategie der verbrannten Erde zur Vernichtung des Nachschubs der Sokehs verwüstete weite Teile der Insel. Ein deutscher Offizier erinnerte sich später: »Wisst ihr noch, wie wir sengend und brennend durch das blühende Land zogen, wehende Rauchsäulen verbrennender Dörfer als Wegweiser des Tages, als leuchtende Fackel des Nachts?«

Nach der Kapitulation zahlreicher Sokeh-Kämpfer und der Festsetzung führender Köpfe wurden in Eilverfahren 15 Todesstrafen vollstreckt. An den übrigen »Beteiligten« (den verbliebenen EinwohnerInnen) vollzogen die Deutschen ein brutales Exempel: Sie wurden für mehrere Jahre auf die weit entfernte ‘deutsche’ Insel Yap in den Palauinseln deportiert, um dort Schwerstarbeit in den Phosphatminen zu leisten. Erst 1917, nachdem die Japaner die Insel besetzt hatten, konnten die überlebenden Verbannten nach und nach auf ihre Heimatinsel zurückkehren. Dort allerdings war ihr ehemaliges Siedlungsgebiet zwischenzeitlich zu deutschem Regierungseigentum erklärt und an andere Bevölkerungsgruppen Ponapes verpachtet worden. 1947 wurden nur noch 242 Sokehs auf Ponape gezählt.

Morlang gelingt eine anschauliche Darstellung der Ereignisse. Das Buch ist reich bebildert, wobei die – teils erstmals veröffentlichten – Fotografien oft nur knapp kommentiert sind. Zu bemängeln ist die narrative Struktur des Buches, die die Vorgänge wenig in die Forschung über Kolonialkriege einbettet. Theoretische Exkurse zu Formen kolonialer Herrschaft, zur Eskalation kolonialer Gewalt, zu zeitgenössischem europäischem Rassismus oder zu den mehrmals angedeuteten Assimilationsprozessen zwischen den interagierenden Ponapesen und Europäern bleiben fast gänzlich aus. Auch eine Auseinandersetzung über die Anwendbarkeit der Begriffe Genozid und Ethnozid wäre vor dem Hintergrund vergleichbarer Diskussionen zu anderen Kolonialkriegen lohnend gewesen.

Dem häufig anzutreffenden Problem kritischer Kolonialgeschichtsschreibung – der einseitigen europäischen Perspektive auf die Geschehnisse, die wiederum der Quellenlage geschuldet ist – begegnet Morlang durch Rückgriff auf überlieferte ethnologische Befragungen von Ponapesen aus den 1960ern, dem Hinzuziehen eines Buches ponapesischer Provenienz (über dessen genaueren Inhalt man jedoch im Dunkeln gelassen wird) sowie der Porträtierung einzelner ponapesischer Akteure. Trotzdem stehen Kolonialherrschaft und die militärischen Ereignisse stark im Vordergrund; eingehende Schilderungen etwa zur Sozialstruktur der Sokehs finden wenig Platz.

Dennoch kommt dem gut lesbaren Buch das Verdienst zu, das Bild von der vermeintlich friedlichen deutschen Südsee zu relativieren und an ein mörderisches Kapitel deutscher Kolonialgeschichte zu erinnern. Somit bereichert Morlang die vom Links-Verlag herausgegebene Reihe »Schlaglichter der Kolonialgeschichte«, die schon bisher wichtige Beiträge zum deutschen Kolonialismus herausgab, um eine weitere lesenswerte Untersuchung.

Korbinian Böck

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