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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 330 | Arabischer Frühling 2.0 Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände

Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände

Folge 10. Edition Suhrkamp, Berlin 2012. 336 Seiten, 15 Euro.

2002 begann eine Gruppe von SozialwissenschaftlerInnen um den Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer die Langzeitstudie Deutsche Zustände. Ihre Untersuchungen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) sind inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil der Debatten um die Ausgrenzung »schwacher Gruppen« (so die Begrifflichkeit der Studie) geworden. Mit dem vorliegenden zehnten Band der jährlich erscheinenden »Deutschen Zustände« endet das Projekt.

Die zehn Bände sind ein Projekt der Vorurteilsforschung und intervenierender Sozialwissenschaften an einem kritischen Punkt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nach der Wende 1989 stieg die rechtsextreme Gewalt gegen Nichtdeutsche in erschreckendem Maß an. Das Forschungsteam machte sich daran, die Abwertung von ‚schwachen Gruppen’ in einer Langzeitstudie zu beobachten. Zum zweiten sollte es darum gehen, zu intervenieren. Der jährliche Report wurde von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Drittens wurde inhaltlich der Blick erweitert: Von den TäterInnen weg hin zu deren gesellschaftlichen Hintergrund. Welche Verfasstheit der ‚normalen Leute’ ermuntert die Schläger zu ihrem Tun?

Viertens wurde der vorherrschende Fokus auf Rassismus als Ursache der Gewalt als ungenügend angesehen und erweitert. Denn rechtsextrem motivierte Gewalt erfuhren andere Opfergruppen ebenfalls, Behinderte, Punks oder Linke gelten Rechten ebenfalls als lebensunwert. Zwölf Elemente sollten zuletzt das Syndrom der GMF umreißen: Etabliertenvorrechte, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Homophobie, Sexismus, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von AsylbewerberInnen, Abwertung von Langzeitarbeitslosen.

Im Jahr 2000 war der Antirassismus in eine Krise geraten, die sich, wie Anetta Kahane im zehnten Band schreibt, in der UN-Antirassismuskonferenz von Durban 2001 offenbarte. Dort habe sich »ein Klima des Antisemitismus und der Israelfeindschaft bemerkbar gemacht, das zu einer öffentlichen Spaltung der internationalen Bewegung gegen Rassismus führte.« Für die fällige Neuorientierung des Antirassismus kam der GMF-Ansatz zur rechten Zeit: Statt eines einzelnen Einstellungsmusters steht nun eine Reihe von Vorurteilen in Frage.

Für die Frage nach Deutschen Zuständen kommt ohnehin kein Einpunkt-Erklärungsansatz in Betracht. Stattdessen untersucht die Studie die Befragten zunächst nach ihren ökonomischen, sozialen, psychologischen Grundlagen: Wie wohlhabend und gebildet sind sie, wie autoritär ist der Charakter? So lassen sich Zusammenhänge zwischen den sozialen Bedingungen und den Einstellungen aufzeigen.

Einerseits lässt sich beobachten, dass Vorrechte zur Abwertung anderer führen können, um die eigenen Privilegien zu legitimieren – gerade dann, wenn sie in der Wirtschaftskrise als bedroht erscheinen. In den letzten Jahren stieg der Grad einer »rohen Bürgerlichkeit« an: Wohlsituierte äußern sich zunehmend abwertend gegenüber Langzeitarbeitslosen oder Flüchtlingen. Andererseits geht aber auch Armut oft mit starken rassistischen Einstellungen einher. Die selbst erfahrene Abwertung der eigenen Gruppe kann mit der Abwertung von anderen bearbeitet werden: Langzeitarbeitslose werten MigrantInnen ab, um den eigenen Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu bestärken. Islamische Jugendliche werten in überdurchschnittlichem Umfang Israel und die Juden ab, um sich moralisch über sie stellen zu können. So bietet der Ansatz der GMF die Möglichkeit, niemanden ausschließlich auf eine Opfer- oder Täterrolle festzuschreiben – was der real existierenden Komplexität der Verhältnisse entspricht. Dazu lässt sich mit dem Ansatz selbstkritisch auf die Involviertheit in Gruppen und die eigene Verflochtenheit in identitäre Abgrenzungsstrategien blicken.

Der diesjährige Report warnt, dass etwa 47 Prozent der repräsentativ Befragten den AsylbewerberInnen einen legitimen Grund für ihre Einwanderung absprechen. Über 40 Prozent äußern Unmut bei der Vorstellung, Roma und Sinti könnten sich in ihrer Wohngegend aufhalten. Jüngere und Wohlhabende neigen zunehmend zur Abwertung von Langzeitarbeitslosen.

Pauschale Vorurteile sind mitnichten ein Phänomen am rechten Rand. Nach einem Problemabriss vergleicht der vorliegende Band in neun empirischen Analysen die GMF-Verläufe in zeitlicher, sozialstruktureller, regionaler, geografischer und anderer Hinsicht. Zuletzt bilanzieren einige Aufsätze diese Studien hinsichtlich Themen wie GMF in Fußballstadien, in Ostdeutschland oder in Bezug auf Populismus. Wilhelm Heitmeyer warnt, dass es »zweifellos Normalisierungen der Abwertungen schwacher Gruppen in der Gesellschaft« gibt. Das sei gefährlich, weil normalisierte Einstellungen schwieriger problematisiert werden können als entstehende. Es gelte, die Abwertung schwacher Gruppen frühzeitig zu stören.

Die einzelnen Aufsätze über die zwölf Elemente der GMF fallen zuweilen hinter die jeweilige Fachliteratur zurück. Die Ausführungen zur Methodik lesen sich nicht immer spannend. Der selbstkritische Blick auf den eigenen Ansatz kommt recht kurz, nur Anetta Kahane benennt Kritik: Das Konzept der gruppenbezogen Menschenfeindlichkeit sei so unspezifisch, dass letztlich fast jede/r es für seine Zwecke heranziehen kann. Nicht nur Herrschaftskritik, auch der Versuch der schwarzgelben Regierung, Links- und Rechtsextremismus zu nivellieren, kann sich des Begriffs bedienen.

Jedoch ist der Ansatz insgesamt ein gutes Instrument, um sich den Deutschen Zuständen ohne monokausalen, schwarz-weißen Tunnelblick anzunähern. Unverzichtbar ist die Studie, weil sie Auskunft darüber erteilt, was die Deutschen gerade hinsichtlich des in Europa virulenten Rechtspopulismus umtreibt. Zwei beruhigende Fazite der Studie sind: Erstens haben sich menschenfeindliche Einstellungen teilweise verringert, gerade in Bezug auf Sexismus und Homophobie. Veränderung ist also möglich. Zweitens ist eine starke rechtspopulistische Partei derzeit nicht in Sicht.

Eine bedenkliche Nachricht ist jedoch, dass die Einstellungen für eine starke rechtspopulistische Bewegung sehr wohl gegeben sind, auch wenn sie sich selten bei Wahlen äußern. Die »rohe Bürgerlichkeit« spiegelt sich eher in Alltagsdiskursen und in etablierten Medien und Parteien. Die Erkenntnisse über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werden somit auch nach der Beendigung des Langzeitprojektes gebraucht werden.

Winfried Rust

330 | Arabischer Frühling 2.0
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